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Iserlohn Roosters : Mit den letzten Mohikanern

  • -Aktualisiert am

Rüpel: Der allzu schlagfertige Iserlohner Blair Jones (rechts) wurde entlassen. Bild: Imago

Das einstige Überraschungsteam der Deutschen Eishockey Liga stürzt ab: Die Iserlohn Roosters scheitern an der Charakterfrage. Gehen muss aber nicht etwa der Trainer.

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          Erfolg kann auch ein Fluch sein. Das müssen die Iserlohn Roosters gegenwärtig in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) erfahren. Ihr Trainer Jari Pasanen hatte den Klub aus dem Sauerland dreimal in Folge ins Play-off-Viertelfinale geführt. Danach verließen etliche Spitzenkräfte den Verein und heuerten mit üppig dotierten Verträgen bei der Konkurrenz an. Mittelbare Folge: der Absturz ans Tabellenende. Die Frage, ob er allmählich das Saisonende herbeisehne, mag Pasanen vor dem SPiel gegen die Mannheimer Adler (19.30 Uhr) nicht einmal verneinen: „Die letzten drei Jahre waren traumhaft. Diesmal hatten wir mit der Kaderzusammenstellung nicht so viel Glück. Da haben wir Fehler gemacht.“

          Sein Eingeständnis bringt die Iserlohner Misere passend auf den Punkt. Die missliche Lage konnte der jüngste 7:3-Heimsieg gegen die nun punktgleich am Tabellenende liegenden Krefeld Pinguine allenfalls geringfügig lindern. Ein Befreiungsschlag? Kaum. Bei neun noch ausstehenden Spielen beträgt der Rückstand selbst auf die Pre-Play-off-Plätze vor dem Spiel gegen die Adler Mannheim am Freitagabend schon elf Punkte. Angesichts dieser aussichtslosen Lage hält Pasanen sich nicht mehr mit Durchhalteparolen auf.

          Wutausbruch mit Folgen

          Ohnehin weckt der Name Krefeld schlechte Erinnerungen. Vor zweieinhalb Wochen eskalierte dort die Situation: Ein rücksichtsloser Check gegen den Kopf brachte Blair Jones einen Spielverweis ein, die Teamkollegen in eine folgenschwere Unterzahlphase und seinen Trainer auf die Palme. Pasanen, der sonst so kühl-rationale Finne, redete sich in Rage. Er geißelte seinen „Möchtegern-Superstar“, der zum wiederholten Male mit „idiotischen Tätlichkeiten“ das Spiel seiner Mannschaft kaputtgemacht habe. Ein Wutausbruch mit Folgen. Der vermeintliche Leistungsträger Jones wurde umgehend aus dem Kader verbannt. Auch sein ebenfalls kritisierter Kompagnon Matt Halischuk wurde anschließend nicht mehr in der Iserlohner Kabine gesehen; die Verträge mit den beiden früheren NHL-Spielern wurden aufgelöst.

          „Das Spiel in Krefeld war der letzte Tropfen. Da sind mir die Sicherungen durchgebrannt und meine emotionalen Gedanken rausgerutscht“, rechtfertigte sich Pasanen. Die Wut mag verraucht sein, doch es spricht Bände, wie distanziert sich der Trainer selbst mit etwas Abstand über seine Ehemaligen äußert. Über die mangelhafte sportliche Leistung hinaus seien ihm „Informationen vom Lebenswandel dieser Herren außerhalb der Halle“ zugetragen worden, sagte Pasanen vieldeutig: „Wir entfernen nicht nach Lust und Laune Spieler aus der Mannschaft, aber es war einfach zu viel passiert.“

          „Nicht genug auf den Charakter geachtet“

          Das wiederum wirft Fragen auf. Haben sich die Roosters bei der Suche nach Ersatz für die Abtrünnigen, allen voran Nationalspieler Brooks Macek (München) und Nicholas Petersen (Berlin), die Iserlohn mit zusammen 42 Saisontoren einst zur gefährlichsten Offensive gemacht hatten, von der Vita manches Spielers blenden lassen? Pasanen sieht eine Verkettung von Umständen: „Wir hatten im Sommer unsere Wunschkandidaten, an denen wir längere Zeit dran waren. Alle sechs haben, teilweise in letzter Minute, anderswo im Ausland besser dotierte Verträge unterschrieben“, sagte der 52-Jährige. Es sei „vielleicht etwas Naivität“ dabei gewesen, „die Qualität aus der letzten Saison ersetzen zu wollen“.

          Vertrag verlängert, Rücken gestärkt: Jari Pasanen hat auch künftig auf der Iserlohner Bank das Sagen.
          Vertrag verlängert, Rücken gestärkt: Jari Pasanen hat auch künftig auf der Iserlohner Bank das Sagen. : Bild: Picture-Alliance

          Zudem verweist Pasanen auf den Fall Jordan Smothermans. Der Amerikaner, fest eingeplant für die erste Reihe, war bereits in Iserlohn, als völlig unerwartet eine Herzkrankheit attestiert wurde. Der Kontrakt mit Smotherman war damit hinfällig. Mit zunehmender Hektik wurde im Spätsommer nach gleichwertigem Personal gesucht. Pasanen hat erkannt: „Dabei haben wir dann nicht genug auf den Charakter geachtet.“ Selbstkritik ist das Gebot der Stunde.

          Verblieben ist ein Mini-Kader mit zahlreichen Spielern aus der zweiten Reihe. „Die letzten Mohikaner“, wie Manager Karsten Mende sagt. Die haben es immerhin vermocht, Trainer, Fans und Verantwortliche ein wenig zu versöhnen. Wenn es eine Lehre für die Roosters-Gemeinschaft gibt, dann diese: Qualität allein garantiert nicht Erfolg, wenn nicht auch die Chemie im Team stimmt. „Das war in den vergangenen drei Jahren immer unser Trumpf: eine bescheidene Mannschaft, die bereit war, hart zu arbeiten. Gesundheitlich, zwischenmenschlich und bei den Torhütern muss bei uns alles passen, um die Play-offs zu erreichen. Diesmal war all das nicht der Fall“, bilanziert Pasanen.

          Längst haben sie sich in Iserlohn mit der Realität abgefunden und die vertrackte Lage aufgearbeitet. Statt des branchenüblichen Reflexes, den Trainer in Frage zu stellen, wurde ihm unlängst mit einem neuen Vertrag der Rücken gestärkt. Seiner schwierigsten Phase in Iserlohner Diensten zum Trotz sieht Pasanen sich in seinem Kurs bestätigt: „Es ist nicht so, dass wir immer schlecht gespielt haben, aber zum Ende hat es oft nicht gereicht. Die Gesellschafter konnten nachvollziehen, woran es dieses Jahr gehapert hat.“

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