https://www.faz.net/-gtl-rgbq

Interview mit Wolfgang Maier : „Für das Image des Verbandes ist das der Supergau“

  • Aktualisiert am

„Nur noch zweitklassig im Speedbereich”: Wolfgang Maier Bild: picture-alliance / dpa

Wolfgang Maier, Cheftrainer der deutschen Alpin-Skidamen, spricht mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die Misere in den Speed-Disziplinen und erklärt, wieso der Abschied von Hilde Gerg vor allem für den Verband ein herber Verlust ist.

          3 Min.

          Vor den alpinen Weltcup-Rennen in Lake Louise am Wochenende spricht Wolfgang Maier, Cheftrainer der deutschen Alpin-Skidamen, mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die Misere in den Speed-Disziplinen. Zudem erklärt er knapp zwei Wochen nach dem Rücktritt von Hilde Gerg, wieso der Abschied der Erfolgsgarantin vor allem für den Verband einen herben Verlust darstellt.

          Bei den alpinen Weltcup-Rennen in Lake Louise war Ihre Mannschaft immer sehr erfolgreich, fast dreißig Podestplätze gab es dort in den vergangenen vierzehn Jahren für die deutschen Ski-Damen. Reißt diese Serie an diesem Wochenende nach Hilde Gergs Rücktritt?

          Es ist schwierig ohne Hilde, denn sie war es, die in den vergangenen Jahren konstant die Podiumsplätze in Lake Louise eingefahren hat. Wenn wir in den Abfahrten am Freitag und Samstag unter den ersten zehn dabei sind, ist es ein gutes Resultat. Der Super-G am Sonntag ist etwas anderes, da sind wir präsenter, weil zusätzlich Martina Ertl startet. Da müßte es dann schon einen Platz unter den ersten Fünf geben. Aber mit dem Podium ist erst einmal im Speedbereich nicht zu rechnen, das wäre sicherlich Zufall.

          Vergangenheit: Trainer Wolfgang Maier (vorne) jubelt mit Hilde Gerg

          Es sieht vor allem deshalb im Moment nicht sehr gut aus, weil Maria Riesch nach ihrem Kreuzbandriß noch nicht wieder in Bestform ist. Wie schwer wiegt Hilde Gergs Ausfall in Hinblick auf die gesamte Saison?

          Man muß da zwei Seiten betrachten. Einmal die des Verbandes und einmal die der Aktiven. Für die Aktiven ist es weniger ausschlaggebend, ob Hilde Gerg am Start ist oder nicht. Denn in dem Moment, in dem sie den Berg runterfährt, ist sie eine klare Gegnerin für die anderen. Natürlich war Hilde das Schutzschild, aber eigentlich fährt jeder Läufer für sich. Fürs Image des Verbandes ist es aber der Super-Gau. In der Außendarstellung ist der Verlust von Hilde schon enorm, weil die Top-drei-Plazierungen wegfallen.

          Wo würden Sie die Mannschaft ohne Hilde Gerg einordnen?

          Wir sind eben nicht mehr erstklassig im Speedbereich, sondern nur noch zweitklassig. Maria war die einzige, die außer Hilde in den vergangenen drei Jahren eine Abfahrt gewonnen hat, und der bläst der Wind jetzt direkt ins Gesicht. Sie könnte als einzige die vakante Rolle übernehmen, ist aber wegen ihrer Kreuzbandverletzung noch nicht so weit, um diesen Anforderungen im Moment gerecht zu werden. So, wie sie fährt, so, wie gewisse Unsicherheiten vorhanden sind, kann ich mir nicht vorstellen, daß sie noch vor Januar unter die Top fünf fährt.

          Hat sich mit dem Rücktritt von Hilde Gerg etwas verändert im Team?

          Natürlich verändert sich etwas, weil man nicht mehr das Selbstvertrauen, nicht das Auftreten und nicht die Ausstrahlung hat. Wir wußten mit Hilde im Team doch genau, daß der Weg auf das Podium hier nur über uns führt. Jetzt führt er auf jeden Fall nicht über uns.

          Um so wichtiger wäre es, daß Maria Riesch schnellstmöglich an ihre Form von vor zwei Jahren anknüpft. Der Druck auf sie wird nun noch größer. Kommt Sie damit zurecht?

          Ihr bleibt doch gar nichts anderes übrig. Wenn sie gut fährt, ist es gut, und wenn sie nicht gut fährt, dann eben nicht, dann spitzen diejenigen, die ihr vorher auf die Schulter geklopft haben, eben den Bleistift. Aus dem Tunnel kommt sie nicht raus. Sie kann sich nur freischwimmen von dieser hohen Erwartungshaltung, wenn sie entsprechende Leistung bringt.

          Also wäre es für Maria Riesch besser gewesen, Sie hätte sich noch in Hilde Gergs Schatten bewegen können.

          Es wäre extrem wichtig für Maria, Hilde dabeizuhaben. Früher war sie aus jedem Sturz - und war er noch so schwer - ohne Verletzungen rausgegangen. Und jetzt ist plötzlich bei jedem Sturz etwas kaputtgegangen: zuerst die Schulter, dann das Kreuzband und im September die Schienbeinstauchung. Sie geht bei weitem nicht so locker mit der Situation um wie noch vor eineinhalb Jahren. Deshalb wäre es für sie im Moment ganz gut, wenn jemand vorne stehen würde, der entsprechende Leistungen bringt und sie aus dem Focus etwas wegzieht.

          Die Verletzungsserie in Ihrer Mannschaft seit 1998 ist enorm. Zuerst Katja Seizinger, dann Hilde Gerg, Regina Häusl, Maria Riesch, Isabelle Huber und einige junge Läuferinnen. Trifft es die Deutschen heftiger als andere?

          Man hat deshalb das Gefühl, daß es uns heftiger getroffen hat, weil wir nur wenige hochwertige Läuferinnen haben. Deutschland ist eben keine Alpinnation. Wenn sich dann eine von den drei Top-Läuferinnen verletzt, entsteht ein Loch, das wir nicht stopfen können. Andere Nationen haben mehr gute Läuferinnen, oder sie kommen, wie in Kroatien Janica Kostelic, derartig schnell und mit einer Vehemenz zurück, daß wir uns das gar nicht vorstellen können.

          Die Verletzung von Hilde Gerg hat wieder einmal Diskussionen ums Material ausgelöst. Muß man etwas ändern, kann man überhaupt etwas ändern?

          Ich glaube, daß man die Dinge nicht zurückdrehen kann. Wenn man die Taillierungen der Ski verändert, wird eben eine Materialzusammenstellung erfunden, die das wieder kompensieren kann. Wenn man eine Tür schließt, wird eine neue aufgemacht. Keine vom Material abhängige Sportart entwickelt sich rückwärts. Ich glaube auch nicht, daß die Läuferinnen einen Rückschritt wollen.

          Was kann man dann tun?

          Man wird die Athletik weiter anpassen. Das Material ist stärker oder produziert höhere Kräfte als der menschliche Körper, als die Muskeln halten können. Man hat es nur im Griff, wenn man optimal auf dem Ski steht. Es wird sich nicht mehr ändern, daß die Kräfte, die in diesem Sport auf den Menschen einwirken, über seine Leistungsfähigkeit gehen.

          Sind Muskelpakete wie Anja Pärson die Zukunft im Damen-Skirennsport?

          Nein, ich glaube nicht, daß es das Allheilmittel ist, so viel Muskelmasse zu haben. Janica Kostelic läuft zum Beispiel im Moment eher gegen den Trend, sie wiegt zehn Kilo weniger als im letzten Jahr.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Werder Bremen: Pure Freude

          Werder bleibt in Bundesliga : Mit Ach und Krach

          „Scheiß Saison, gutes Ende“: Werder bleibt der Fußball-Bundesliga doch noch erhalten, Trainer Florian Kohfeldt ist einfach nur froh. Beim 1. FC Heidenheim genügt den Bremern ein 2:2-Remis, sie profitieren von einem kuriosen Eigentor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.