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Interview : „Mich zu kopieren wäre ein Fehler“

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„Das könntest du auch noch”: Katja Seizinger Bild: picture-alliance / dpa

Sie ist erfolgreicher als die „Gold-Rosi“ Mittermaier. Vier Wochen vor Olympia spricht die einstige deutsche Ski-Ikone Katja Seizinger in der Sonntagszeitung über Aufhören und Weitermachen, Vorbilder und Nachwuchs.

          Nicht einmal die „Gold-Rosi“ Mittermaier war Mitte der siebziger Jahre so erfolgreich wie Katja Seizinger in den goldenen Neunzigern: Die unter Bayern sogenannte „Südschwedin“, geboren im bergfernen Ruhrgebiet, hat die olympischen Abfahrten 1994 und 1998 gewonnen, 1998 auch die Kombination. Den WM-Titel holte sie 1993 im Superriesenslalom.

          In ihrer imposanten Statistik stehen zudem: 36 Siege in Weltcuprennen, zweimal der Gewinn des Gesamt-Weltcups. Dreimal wurde Katja Seizinger, die jetzt als Betriebswirtin in der Firma ihres Vaters arbeitet, zur „Sportlerin des Jahres“ gewählt. Aber so richtig populär ist sie nie geworden - auch weil sie ihre öffentlichen Auftritte stets genau dosierte. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht die 33jährige über Aufhören und Weitermachen, Vorbilder und Nachwuchs.

          Sie kommen gerade vom Skifahren. Macht das nach soviel Schinderei im Training und im Rennen immer noch Spaß - oder jetzt erst recht?

          Spaß? Auf jeden Fall. Aber leider komme ich vielleicht noch zehnmal im Jahr zum Skifahren, und da freut man sich auf jeden einzelnen Tag. Wenn mir mein Sport so über wäre, dann wäre da irgendwas falsch gelaufen.

          Wie weit ist der Skizirkus, fast sieben Jahre nach Ihrem plötzlichen Rückzug, inzwischen schon weg?

          Oh, wenn's Winter wird, ist er ziemlich präsent. Aber eigentlich ist er schon in weite Ferne gerückt - wenn man bedenkt, daß ich vor acht Jahren mein letztes Rennen gefahren bin. Nach nur neun Jahren im Weltcup! Ich bin also schon fast so lange weg, wie ich dabei war. Außerdem habe ich eine neue Aufgabe im Unternehmen meines Vaters.

          Treffen Sie, wenn Sie denn doch hin und wieder mal dabei sind, noch alte Bekannte?

          Diese Saison wahrscheinlich schon noch. Aber das wird sich im nächsten Winter sicher ändern. Denn nach den Olympischen Spielen hören ja wohl die letzten aus meiner Generation auf: Michaela Dorfmeister, Alexandra Meißnitzer, Renate Götschl, Sonja Nef. Und zu den Deutschen brauche ich ja eh nichts zu sagen. Martina Ertl ist auch nur ein Jahr jünger als ich. Wenn ich diese Gesichter sehe, dann ist's so, als wäre es gestern gewesen. Wenn man die sieht, dann denkt man: Das könntest du auch noch.

          Haben Sie jemals Ihren Abschied mit gerade 26 Jahren bereut?

          Bereuen ist das falsche Wort. Wehmut wäre richtiger. Vor allem wenn ich Siegerehrungen im Fernsehen sehe, das geht einem schon nahe.

          Aber Siegerehrungen haben Sie doch mehr als genug auf der höchsten Stufe stehend erlebt.

          Ja, es gab aber auch viele Momente, in denen es nicht so gut gelaufen ist. Das vergißt man allerdings schnell. Und heute, bei Slalomrennen zum Beispiel, da kann ich sehr gut zuschauen, da beneide ich meine Kolleginnen um kein einziges Tor. Bei den Abfahrten, bei herrlichem Wetter, da habe ich manchmal gedacht: Ach, das wäre schon schön, noch mal mitzufahren. Aber andererseits habe ich nach Abschluß meines BWL-Studiums, drei Jahren bei einem Wirtschaftsprüfer und jetzt bei meinem Vater so viel gelernt, das für meine Zukunft wichtig ist, das relativiert die sportliche Vergangenheit dann sehr schnell.

          Könnten Sie mit dem Material von früher überhaupt heute noch Spitze sein?

          Im Slalom und Riesenslalom sicher nicht. Das ist mit den extremen Carvern eine ganz andere Technik geworden. Aber ich bilde mir schon ein, daß ich mich in den Speed-Events, bei denen es ja inzwischen wieder weniger Taillierung gibt, hätte mitentwickeln können. Wer hat denn in den letzten Jahren die schnellen Rennen gewonnen - meistens die Alten.

          Sie wollten nie eine „öffentliche Person“ sein. Kann man das denn selbst bestimmen?

          Das kann man schon beeinflussen. Allein dadurch, wie vielen Anfragen man nachkommt. Man muß ja nicht auf jeder Hochzeit tanzen. Nicht so wie ein Alberto Tomba oder Hermann Maier; das ist sicher auch Typsache. Wenn ich sehe, was aus einer Steffi Graf geworden ist - ich gehe eher in diese Richtung. Sie wurde als Person so respektiert, wie sie ist. Und wie sie nach ihrer Karriere das Ganze angegangen ist: populär und trotzdem nicht ständig im Vordergrund.

          Wird die erfolgreichste deutsche Skirennläuferin hin und wieder um Rat gefragt?

          Nö, eigentlich nicht. Sicher könnte das helfen, weil ein Außenstehender nicht die Scheuklappen hat. Aber ich würde mir nicht anmaßen, daß ich Tips für die Trainer oder den Deutschen Skiverband hätte. Es sind schon so viele Köpfe, die sich Gedanken machen. Da braucht man meinen nicht auch noch. Mit der Hilde habe ich mal gefachsimpelt, über Abfahrtsski zum Beispiel. Aber bei jüngeren Läuferinnen, da mische ich mich nicht ein; da muß jede ihren eigenen Weg finden. Andere, wie mich, zu kopieren, das wäre ein Fehler.

          Zwei schwere Verletzungen waren in den vergangenen Wochen Schläge ins deutsche Kontor, zwei Medaillen-Hoffnungen für Turin sind dahin. Hätten Sie der Hilde Gerg auch geraten aufzuhören - und der Maria Riesch weiterzumachen?

          Bei der Hilde hätte sich die Frage in diesem Jahr nicht mehr gestellt. Die Olympiasaison läuft sowieso ohne sie. Und danach noch mal anzufangen, das wäre die gleiche Situation wie bei mir nach der schweren Verletzung 1999. Für ein Jahr fängt man nicht mehr an in dem Alter. Und eine ganze Olympiade dranzuhängen, das schafft man nicht.

          Maria Riesch hat noch einige Olympiaden vor sich ...

          ... der drücke ich auf alle Fälle die Daumen. Sie ist ein Typ, den so was nicht umhaut. Da hätte ich auch gesagt: Mensch, die ist noch so jung. Und wenn die zweite Verletzung so gut verheilt wie die erste, dann kann sie das packen.

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