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Ingo Steuer : Der Streitfall steuert auf den CAS zu

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Steinbach: „Das Urteil ist für das NOK nicht akzeptabel” Bild: REUTERS

Das Nationale Olympische Komitee gibt sich im Fall des Eiskunstlauf-Trainers Ingo Steuer nicht geschlagen und wird wohl den Internationalen Sportgerichtshof (CAS) anrufen. Der Zorn auf den früheren Stasi-Mitarbeiter ist groß.

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          Am Montag sprach das Berliner Landgericht sein Urteil, am Dienstag folgte dessen Beurteilung durch das Nationale Olympische Komitee (NOK) - und dann landete auch der Mann in Turin, um den der heftigste vorolympische Streit in Deutschland entbrannt ist. Trainer Ingo Steuer kam mit seinem Chemnitzer Eiskunstlaufpaar Sawtschenko/Szolkowy am Schauplatz der XX. Winterspiele an und weiß noch immer nicht genau, ob er auch am Samstag zum Auftakt des Wettbewerbs an der Bande stehen wird.

          Das NOK schien am Dienstag morgen fest entschlossen, alle Rechtsmittel auszuschöpfen, die ihm nach der vorläufig erteilten Akkreditierung für den Eiskunstlauflehrer mit Stasi-Vergangenheit zu Gebote stehen. Dazu gehört eine vermutlich erst nach den Spielen stattfindende Berufungsverhandlung vor dem Berliner Kammergericht gegen die Landgerichtsentscheidung, die Steuer zu einer prekären Italien-Reise verhalf; dazu zählte aber auch die konkrete Überlegung, die Ad-hoc-Kammer des Internationalen Sportgerichtshofs (CAS) in Turin anzurufen. Der CAS würde, sollte es die Eingabe des deutschen NOK annehmen, binnen 24 Stunden über diesen Fall von angeknackster Nominierungshoheit richten. "Im Moment prüfen wir alle Möglichkeiten", sagte NOK-Präsident Klaus Steinbach.

          „Keine Reue gezeigt, Arbeitgeber angelogen“

          Fürs erste aber gilt, daß Steuer, der zu DDR-Zeiten der Staatssicherheit als "IM Torsten" diente, sein von ihm selbst eingeklagtes olympisches Comeback acht Jahre nach dem Gewinn der Paarlauf-Bronzemedaille von Nagano ins Auge fassen kann. "Ab heute ist das Thema für das NOK beendet", sagte dessen Präsident Klaus Steinbach, genau wissend, daß von einem Finale in diesem Stück nicht die Rede sein konnte. Schließlich ist der Zorn der deutschen Olympier auf den 39 Jahre alten Sachsen trotz dessen aktivierter Anmeldung beim Organisationskomitee der Spiele (Toroc) groß. "Das NOK", erinnerte Steinbach an die noch immer vorherrschende Stimmungslage in seinen Reihen, "hat sich für die Nichtnominierung eines Trainers entschieden, der sich unverantwortlich verhalten, keine Reue gezeigt und seinen Arbeitgeber, die Bundeswehr, belogen hat". Für den Fall einer CAS-Anrufung kündigte Steuers Anwältin Karla Vogt-Röller schon einmal an, ihrem Klienten "einen Turiner Juristen als Beistand zur Seite" zu stellen.

          Steuer gewann 1998 mit seiner Partnerin Mandy Wötzel Bronze in Nagano

          Steinbach bat dennoch um "Ruhe" für die 161 Mitglieder umfassende deutsche Mannschaft und legte den bei Gericht vorerst siegreichen Steuer darauf fest, bei seinem Kurzaufenthalt in Turin - nach der Kür am kommenden Montag werden Paar und Trainer sofort wieder abreisen - sich "auf seine sportfachlichen Aufgaben zu konzentrieren". Wie sportfachlich es unter den extremen Umständen noch zugehen kann, bleibt zunächst offen. Ein verheißungsvolles Paar, das vor kurzem in Lyon Platz zwei der Europameisterschaft belegte, wird einer außergewöhnlichen Belastungsprobe ausgesetzt.

          „Urteil ist für das NOK nicht akzeptabel“

          Steinbach nutzte am Dienstag morgen die Gelegenheit, die Haltung seiner Organisation, die sich bis jetzt als alleinverantwortlich für olympische Nominierungsfragen ansieht, im Steuer-Streit zu erläutern. "Das Urteil ist für das NOK nicht akzeptabel", lautete sein Grundsatz. Und dann führte er aus, daß nach seiner Ansicht das NOK alle vom Landgericht monierten formalen Grundbedingungen erfüllt habe. Nach Ansicht von Richter Wolfgang Krause war beim NOK indes "ein rechtsstaatliches Verfahren nicht erkennbar". So hätten die notwendigen Protokolle der NOK-Präsidiumssitzung vom 25. Januar, bei der beschlossen wurde, den belasteten Trainer nicht nach Turin mitzunehmen, dem Gericht nicht vorgelegen. Steinbach reagierte mit dem Verweis auf die Zivilprozeßordnung, nach der die 5. Zivilkammer des Berliner Landgerichts diese ordnungsgemäß erstellte Akte hätte anfordern müssen.

          Der NOK-Präsident widersprach auch dem Eindruck, daß die unabhängige Stasi-Kommission des deutschen Sports, auf deren Erkenntnissen das NOK-Diktum beruhte, nicht ausreichend beschlußfähig gewesen sei. Nicht zwei, wie vom Gericht behauptet, sondern drei der fünf Kommissionsmitglieder hätten ihr eindeutiges Votum abgegeben. Die Kommissions-Vorsitzende, die frühere CDU-Berufspolitikerin Hanna-Renate Laurien, sei an jenem Tag krank, aber ständig telefonisch informiert gewesen. Das fünfte Mitglied habe sein Votum schriftlich hinterlegt. Daß Steuer vom NOK nicht persönlich angehört wurde, erklärt sich für Steinbach aus der halbstündigen Einvernahme des früheren Paarlauf-Weltmeisters vor der Stasi-Kommission. "Das NOK", faßte dessen an der Ehre getroffener Präsident die Lage aus seiner Sicht zusammen, "hat nach bestem Wissen und Gewissen einstimmig entschieden."

          Steuer zog am Donnerstag mit seinem Paar ins Olympische Dorf ein. Nun hofft auch Steinbach jenseits aller Querelen mit einem schwierigen und in eigener Sache nicht immer zu jeder Auskunft bereiten Trainer, daß Sawtschenko/Szolkowy "dekoriert vom Eis kommen". Das aber wird nach all den Zwischenfällen und Hindernissen auf dem Weg zum Olymp über die Maßen schwierig.

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