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Im Gespräch: Paralympics-Siegerin Bentele : „Es muss nicht immer um Medaillen gehen“

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Eine der vielen Goldmedaillen: Verena Bentele beendet ihre Karriere
          2 Min.

          Frau Bentele, warum haben Sie sich jetzt für den Berufsalltag und gegen den Sport entschieden?

          Ich habe in den letzten Monaten viel nachgedacht. Es gab auch viele Argumente für den Sport. Ich bin ja noch nicht so alt und hätte die nächsten Paralympics 2014 in Sotschi noch mitmachen können. Sicherlich wäre es schwer geworden, die fünf Goldmedaillen von Vancouver zu wiederholen, aber ich hätte mich in einigen Bereichen noch verbessern können. Aber ich habe gemerkt, dass mir die unbedingte Motivation gefehlt hat. Ich freue mich jetzt auf den Berufseinstieg, das ist meine neue sportliche Herausforderung.

          Das klingt aber sehr nüchtern. Beruf statt Sport als Herausforderung, das ist doch nicht vergleichbar?

          Das klingt vielleicht nüchtern, weil ich heute so wehmütig bin. Jetzt, wo meine Entscheidung endgültig ist, bin ich schon sehr traurig. Ich durfte durch den Sport tolle Dinge erleben, Länder und Menschen kennenlernen. Das kann einem nur der Sport geben. Aber die Etablierung im Berufsleben ist auch ein großes Ziel. Das gehe ich mit großer Begeisterung an.

          Klingt das nicht etwas zu vernünftig?

          Mein Beruf macht mich glücklich. Ich habe bis Ende November keinen freien Tag, das finde ich toll, andere würden denken, wie soll ich das bloß schaffen? Durch den Sport habe ich große Ausdauer und Zielstrebigkeit und wenig Angst.

          Was machen Sie jetzt konkret?

          Zum einen bin ich freiberuflich tätig als Referentin, halte Vorträge und Seminare im Bereich Personaltraining und -entwicklung und absolviere noch eine Coaching-Ausbildung. Zum anderen arbeite ich ein paar Stunden die Woche für die Schulsportstiftung Baden-Württemberg, dort kümmere ich mich hauptsächlich um die Inklusion im Schulsport.

          Gerade in diesem Bereich gibt es sicherlich viel zu tun.

          Das ist mir ein großes Anliegen. Ich will dem Sport treu bleiben und nicht sagen, jetzt, wo ich keine Sportlerin mehr bin, engagiere ich mich nicht mehr. Sport stärkt das Selbstbewusstsein, das sollte behinderten Kindern in der Schule nicht vorenthalten werden.

          Schwören Sie dem Sport jetzt komplett ab?

          Ich werde weiterhin viel Sport treiben. Nächstes Jahr will ich beim Triathlon in Roth die 180 Kilometer auf dem Rad fahren, und ich will noch einen Marathon laufen. Für Sport im paralympischen Bereich hätte ich den Beruf aber wieder extrem zurückschrauben müssen. Es muss nicht immer um Medaillen gehen.

          Wäre Ihre Entscheidung anders ausgefallen, hätte München den Zuschlag für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2018 erhalten?

          Das ist schwer zu sagen, vielleicht wäre sie anders ausgefallen. Es wäre sehr reizvoll gewesen, aber wir haben die Spiele nicht bekommen. Und dann wären es immer noch sieben Jahre gewesen, vielleicht hätte ich auch dann gesagt, ich höre auf.

          Schließlich wären Ihre jüngsten Erfolge - fünf Goldmedaillen in Vancouver, Behindertensportlerin des Jahres, Bambi, Laureus Award - ja auch schwer zu steigern gewesen.

          Das hat mit eine Rolle gespielt, ich habe zuletzt wahnsinnig viele gute Sachen erlebt. Das war mein Karrierehöhepunkt, es wäre schwer geworden, das zu toppen. Jetzt aufzuhören, fühlt sich gut, schön und rund an. Ich kann jetzt beruhigt sagen, ich habe das Beste erreicht.

          War ein Grund fürs Karriereende, dass Sie sich womöglich einen neuen Begleitläufer hätten suchen müssen?

          Entweder das - oder mit meinem jetzigen noch einmal versuchen, neben dem Beruf professionelle Strukturen zu finden. Das wäre vielleicht möglich gewesen, aber ich habe nicht das Optimale gefunden. Und ich wollte nicht weiterlaufen, nur um dabei zu sein. Wenn ich weitergemacht hätte, dann hätte ich an Vancouver anschließen müssen. Mitlaufen und hinterher sagen, man konnte ja nicht richtig trainieren, geht nicht.

          Was gibt es, was Sie garantiert am Sport vermissen werden?

          Einmal den Adrenalinkick, im Wettkampf zu stehen und zu wissen, man muss alles geben. Das ist einfach irre, das habe ich geliebt, das werde ich total vermissen. Den Kick kann man sich auch anders besorgen, vor kurzem habe ich Base Flying ausprobiert. Aber das ist nicht dasselbe wie bei den Paralympics. Und das zweite sind die sehr klaren Ziele und die eindeutigen Rückmeldungen. Entweder man gewinnt oder man verliert. Das ist eine extreme Klarheit, die sehr beruhigend ist. Die hat man im Berufsleben nicht.

          Die Fragen stellte Arne Leyenberg.

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