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Hauptsache Adrenalin : Die verrückten Hobbys der Biathleten

Miriam Gössner hat noch nicht einmal das spektakulärste Hobby, schwer verletzt wurde sie aber doch schon Bild: Picture-Alliance

Manche Biathleten haben extreme Hobbys. Die Bandbreite ist riesig: von völlig harmlos über äußerst interessant bis absolut spektakulär. Da raufen sich Trainer die Haare. Und nicht immer kommen die Biathleten gesund zurück.

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          Vor drei Jahren hat Lukas Hofer einen Brief von der italienischen Polizei bekommen. Und so eine leise Ahnung hatte der 25 Jahre alte Biathlet aus St. Lorenzen in Südtirol schon beim Öffnen. Es ging wohl um ein Verkehrsdelikt. Hofer war jahrelang schwarzgeflogen: Gleitschirmfliegen ohne Lizenz. Die aber braucht man in Italien. Aus versicherungstechnischen Gründen.

          „Für den Fall, dass man mal auf dem Haus von jemandem landet“, so Hofer. Doch der notorische Schwarzflieger kam ohne Strafe davon. Weil er den gutgemeinten Rat der Polizei, es künftig vielleicht doch mal mit einer Lizenz zu versuchen, längst befolgt hat. Seitdem kann der beste italienische Biathlet auch über seine große Leidenschaft sprechen. „Eine tolle Möglichkeit, sich nach dem Training zu entspannen“, sagt er. Auch wenn man gemeinhin unter Entspannung etwas anderes versteht.

          Sie haben schon ausgefallene Hobbys, die Biathleten. Die Bandbreite ist riesig: von völlig harmlos über äußerst interessant bis absolut spektakulär. Da gibt es die ganz Normalen, die lesen, joggen, stricken, kochen und backen - auch wenn etwa Vanessa Hinz ihre eigene Marmelade kreiert. Und da gibt es die Künstler und Schöngeister, wie Lowell Bailey, der daheim in den Vereinigten Staaten in einer Folkband Gitarre und Mandoline spielt. Oder den Franzosen Jean Guillaume Beatrix, der glatt als Pianist durchgehen könnte.

          Beide treten gelegentlich mit einem Multitalent in der Biathlon-Band auf: Gabriela Soukalova. Die Tschechin hat nicht nur Gold in der Stimme, was sie auch bei der Abschlussfeier der WM 2013 in Nove Mesto mit dem Lied „Don’t speak“ bewiesen hat, sie kann auch hervorragend zeichnen. Die Russin Ekaterina Jurlowa gilt gar als Biathlon-Poetin, die sogar einen Gedichtband herausgegeben hat. Und dann sind da die Naturburschen: passionierte Jäger, wie der Norweger Emil Hegle Svendsen, oder leidenschaftliche Fliegenfischer, wie der Amerikaner Tim Burke. Aber auch die fallen nicht groß aus dem Rahmen. Da macht die Nordpol-Expedition, an der Ole Einar Björndalen einmal bei minus 45 Grad teilgenommen hat, schon mehr her.

          Der Biathlon-Extremist schlechthin ist Michal Slesingr

          Aber es gibt auch richtige Adrenalin-Junkies unter den Skijägern. Sportler, die das Risiko lieben und es vor allem im Frühjahr und Sommer ausleben. Und manchem Trainer stehen die Haare zu Berge, weil er im Grunde nur hoffen kann, dass nichts passiert. Lukas Hofer ist in bester Gesellschaft, denn auch der Slowene Klemen Bauer hängt gerne unter dem Gleitschirm. Der Biathlon-Extremist schlechthin ist aber der Tscheche Michal Slesingr. Über den heißt es: Wenn du irgendwo am Himmel ein Flugobjekt vorbeisausen siehst, ist das kein Vogel und kein Flugzeug - das ist der Slesingr.

          Ob Skydiving oder Basejumping - der 31-Jährige ist voll in einem Element. Manche sagen, er könnte sein Geld auch als Stuntman verdienen. Der Mann klettert, wagt sich mit dem Kajak ins Wildwasser, und selbst nach unten kennt er keine Grenzen. 40 Meter tief ist er schon getaucht, mit der Sauerstoffflasche auf dem Rücken. Dabei hat Slesingr eine kleine Tochter. Immerhin ist bisher nichts passiert.

          Darja Domratschewa dominiert im Biathlon – doch das reicht ihr nicht

          Anders als bei Laura Dahlmeier. Die passionierte Bergsteigerin mit Vorliebe fürs Eisklettern hat es im August richtig erwischt. In einer Felswand im Zugspitzmassiv. Absturz ins Seil, aber leider im Fallen ein paar Mal gegen die Wand geschlagen. An der Knochenquetschung samt Bänderriss im rechten Sprunggelenk leidet die junge Deutsche noch heute. Heilsame Lehre? Mitnichten. „Klettern ist ein Teil von mir“, sagt sie.

          Und die Trainer schlucken und machen gute Miene zum risikoreichen Spiel. Nein, an ein Verbot denkt keiner: „Wir sollten sie unterstützen, denn wir wollen ja Sportler, die sich Herausforderungen stellen“, sagt der deutsche Disziplintrainer Tobias Reiter. „Passieren kann schließlich überall was.“ Wie 2013 beim schweren Radunfall von Miriam Gössner mit vier gebrochenen Lendenwirbeln. Das meiste passiert tatsächlich im Training: Beim Mountainbiken, auf Skirollern oder beim Fußballspielen, wo sich etwa der bayerische Haudegen Andreas Birnbacher ernsthafte Blessuren zugezogen hat.

          Laura Dahlmeier klettert nicht nur auf der Strecke gerne

          Es gibt übrigens keinerlei Hinweise auf eine Korrelation zwischen Risiko-Hobby und sportlichem Erfolg. Die Topathleten jedenfalls gehen einen Mittelweg. Ganz bewusst: Darja Domratschewa, die dreifache Olympiasiegerin von Sotschi, würde auch gerne mal was „Verrücktes“ machen im Sommer, aber sie fängt sich jedes Mal wieder ein. Sie hat im Frühjahr in der Dominikanischen Republik surfen gelernt. Gut für die Balance, Risiko überschaubar: „Ich vergesse nie, dass ich eine professionelle Sportlerin bin“, sagt sie. So viel Vernunft würde sich mancher Trainer auch von seinen Athleten wünschen.

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