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Harte Doping-Strafen : IOC sperrt sechs Österreicher auf Lebenszeit

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Der Skandal-Stadl: Österreichisches Quartier 2006 Bild: dpa

Das IOC hat harte Konsequenzen aus der Doping-Razzia bei den Spielen von Turin gezogen und sechs österreichische Wintersportler auf Lebenszeit von Olympia ausgeschlossen. Das Urteil ist auch ein Rückschlag für Salzburgs Bewerbung um Olympia 2014.

          Mit bislang unbekannter Schärfe ist das Internationale Olympische Komitee 14 Monate nach den Winterspielen von Turin gegen sechs österreichische Teilnehmer vorgegangen: die Skilangläufer Roland Diethard, Johannes Eder, Jürgen Pinter und Martin Tauber sowie die Biathleten Wolfgang Perner und Wolfgang Rottmann wurden wegen Dopings auf Lebenszeit ausgeschlossen.

          Bei einer mit dem IOC abgestimmten Razzia der italienischen Polizei auf der Grundlage des nationalen Anti-Doping-Gesetzes am 18. Februar 2006 war in einem österreichischen Olympiaquartier umfangreiches Beweismaterial sichergestellt worden. Das Urteil überraschte das Nationale Olympische Komitee (NOK) Österreichs. Im Salzburger Bewerbungskomitee für die Winterspiele 2014 (Vergabe am 4. Juli durch die IOC-Vollversammlung) wurde die Bestürzung überspielt.

          Sanktion ohne positive Dopingproben

          Von Athleten und Funktionären wurde Kritik an einer „eigenartigen Verurteilung“ geübt, man prüfe rechtliche Schritte gegen das IOC. Martin Tauber sagte: „Bei mir wurde ein Hämoglobin-Messgerät gefunden, das mir zur Kontrolle dient, weil ich von Natur aus einen hohen Wert habe. Aber es steht nirgends geschrieben, dass man das nicht besitzen darf. Für mich hört sich das nach Pauschalverurteilung an. Ich werde rechtlich dagegen ankämpfen, solange es meine finanziellen Möglichkeiten zulassen.“

          Auslöser der Affäre: Trainer Walter Mayer

          Die Entscheidung der fünfzehnköpfigen IOC-Exekutive gaben Präsident Jacques Rogge und sein Vizepräsident Thomas Bach am Mittwoch in Peking bekannt. Das Gremium folgte einstimmig einem Antrag der vom Tauberbischofsheimer Bach geleiteten Disziplinarkommission, der noch die Exekutivmitglieder Denis Oswald aus der Schweiz und Sergej Bubka aus der Ukraine angehören.

          Mangel an Beweise gegen Hoffmann

          Die in der IOC-Historie beispiellose Sanktion trifft die sechs, obwohl es keine positiven Dopingproben gibt. Sie gelten dennoch des Besitzes und der gemeinschaftlichen Nutzung von Dopingmitteln als überführt und dürfen - noch ein Novum für das IOC - in keiner Funktion mehr bei künftigen Spielen auftreten.

          Perner und Rottmann hatten ihre Karrieren schon 2006 für beendet erklärt. Das Verfahren gegen den ebenfalls unter Verdacht stehenden Langläufer Christian Hoffmann, Olympiasieger 2002, wurde aus Mangel an Beweisen zunächst eingestellt. Gegen Hoffmann, der angeblich wegen einer Erkrankung gar nicht in Turin war, wird aber der Internationale Skiverband weiter ermitteln.

          Bei „Blutbeutel-Affäre“ 2002 verwarnt worden

          Vier Stunden vor Rogges Urteilsverkündung im Hotel Shangri-La hatte sich die Stadt Salzburg noch auf dem internationalen Kongress „Sport Accord“ nebenan als Bewerber 2014 vorgestellt, wie die Konkurrenten Sotschi (Russland) und Pyeongchang (Südkorea). Salzburg war als Bewerber um die Spiele 2010 gescheitert und hat in der neuen Kampagne für 2014 einige Turbulenzen erlebt, zuletzt den unerwarteten und noch immer rätselhaften Abgang von Bewerbungschef Fedor Radmann, für den das Ski-Idol Franz Klammer einsprang. Radmann war erst nach den Turiner Vorfällen ins Amt gekommen, als er Toni Schutti ablöste, dem die Verharmlosung der Dopingaffäre zur Last gelegt worden war.

          Nun droht Salzburg weiterer Schaden, denn die IOC-Ermittlungen dauern an. Für Mai sind Vertreter der österreichischen Mannschaftsführung nach Lausanne geladen. Das NOK Österreichs war schon nach der sogenannten „Blutbeutel-Affäre“ 2002 in Salt Lake City verwarnt worden, weil es seine Aufsichtspflicht verletzt hatte.

          Unzurechnungsfähigkeit bei Walter Mayer

          Damals wie 2006 stand der ehemalige Cheftrainer Walter Mayer im Zentrum der Affäre. In Salt Lake City hatte er illegale Methoden zur Blutaufbereitung angewandt. Er war deshalb für acht Jahre von Olympischen Spielen ausgeschlossen worden, hatte sich dennoch - vorgeblich als Privatperson - in einem österreichischen Quartier bei Turin aufgehalten. Während der Razzia am 18. Februar 2006 setzte sich Mayer nach Hause ab. Er geriet dort alkoholisiert in eine Polizeikontrolle, griff Beamte an und saß wegen Suizidgefahr zeitweilig in der Psychiatrie. Das Strafverfahren wurde später wegen Unzurechnungsfähigkeit eingestellt.

          Auch die Biathleten Perner und Rottmann sowie Diethart und Langlauftrainer Emil Hoch verließen damals Italien überstürzt. Die nach der Razzia bei zehn österreichischen Aktiven vorgenommenen Dopingtests erbrachten allerdings allesamt negative Ergebnisse. Die Disziplinarkommission des Österreichischen Skiverbandes sprach in der ganzen Angelegenheit eine einzige Strafe aus: Sie sperrte den Langläufer Johannes Eder für ein Jahr - wegen einer verbotenen Infusion. Eder gab an, er habe sich wegen Durchfalls selbst eine Infusion mit Kochsalzlösung verabreicht; dabei wurde er von der Polizei überrascht.

          Besitz, Konspiration, Zusammenarbeit und Vertuschung

          Der Ermittlungsbericht der italienischen Behörden ging dem IOC erst am 16. Januar dieses Jahres zu. Die Beweise für organisierten gemeinschaftlichen Betrug erwiesen sich offenbar als erdrückend. Ein ganzes Labor sei gefunden worden, Beleg für ein erschreckendes Ausmaß an krimineller Energie. „Erstens der Besitz, zweitens die Konspiration, die Zusammenarbeit und das Vertuschen“, so Bach, hätten zu dieser harten, hoffentlich abschreckenden Sanktion geführt. Rogge sagte, dies sei ein trauriges, aber notwendiges Signal für einen sauberen Sport.

          Nicht einer der beschuldigten Sportler war zur Anhörung vor dem Bach-Ausschuss am 4. und 5. April in Lausanne erschienen, von allen lagen nur schriftliche Erklärungen, teilweise von Anwälten, vor. Mayer hatte zwischenzeitlich gegen IOC-Präsident Rogge und Richard Pound, den Vorsitzenden der Welt-Anti-Doping-Agentur, wegen Rufschädigung und Verleumdung geklagt. Als „Mann, der Doping organisiert“ hatte Rogge den Trainer bezeichnet. Mayer zog seine Klagen Anfang des Jahres zurück, offenbar auf Druck aus Salzburg, wo man sein Vorgehen als Belastung für die Olympiabewerbung ansah.

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