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Hanyu ist besiegt : Ein neuer König auf dem Eis

  • -Aktualisiert am

Voller Leidenschaft, am Ende aber doch unterlegen: Yuzuru Hanyu gewinnt beim Eiskunstlauf nur Silber. Bild: EPA

Japans Held Yuzuru Hanyu muss zusehen, wie Nathan Chen ihm mit seelischer Ausgewogenheit und einer nahezu makellosen Kür die Krone der Eiskunstläufer entreißt.

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          Er hatte sich vorgenommen, „wie ein König“ zu laufen, doch den Thron nach der abschließenden Herrenkonkurrenz bei der Eiskunstlauf-Weltmeisterschaft in Saitama bestieg am Samstagabend (Ortszeit) nicht Yuzuru Hanyu, der 24 Jahre alte Japaner, sondern der fünf Jahre jüngere amerikanische Titelverteidiger Nathan Chen. Und das ohne zu wackeln und zu zögern.

          Hanyu, zweimal Weltmeister (2014 und 2017) und zweimal nacheinander Olympiasieger (2014 und 2018), wurde von den Fans trotzdem wie ein Sieger gefeiert. Der Mann, der seine Anhänger in der ganzen Welt mit seinen faszinierenden Eisbahn-Abenteuern zwischen Schwerelosigkeit und Erdanziehungskraft in Atem halten kann, sah diesmal selbst erschöpft und abgekämpft aus, als er sein großes Ziel trotz einer großartigen Kür deutlich verfehlt hatte.

          Diesmal glückte selbst dem Midas auf Kufen nicht zum zweiten Mal das Kunststück, aus Bronze nach dem Kurzprogramm, wie 2014 in der Super Arena von Saitama, Gold nach der Kür zu machen. Hanyu, eine Ikone seines Sports, musste sich am Samstag nicht zum ersten Mal in seiner Laufbahn mit dem Trostpreis in Silber arrangieren. „Ich bin enttäuscht“, sagte er nach vergeblicher Liebesmüh’, „aber ich habe zumindest alles gegeben.“

          Strahlender Sieger: Nathan Chen (Mitte) neben dem zweitplatzierten Yuzuru Hanyu (links) und drittplatzierten Vincent Zhou

          Champion Chen, der als unerschütterlicher Meister der Vierfachsätze anders als der oft ätherische Japaner vollkommen irdisch daherkommt, erlaubte sich sich auch unter höchster Anspannung kein Fehlerchen und bewahrte sich im Wettkampf seine innere Ruhe. Den im Kurzprogramm erworbenen Dreizehnpunktevorsprung baute der 19 Jahre alte Sino-Amerikaner aus Salt Lake City sogar noch auf rund 23 Punkte aus, so dass schließlich kein Zweifel darüber herrschte, wer die alte und neue Nummer eins des Eiskunstlaufens ist. Als Dritter rundete Vincent Zhou den großen Erfolg der Amerikaner in Saitama ab.

          Dabei schien vor der WM die Bühne bereitet für ein glanzvolles Comeback des japanischer Superstars, der sich im November wieder einmal am rechten Sprunggelenk verletzt hatte und vier Monate pausieren musste. „Ich bin hundertprozentig bereit“, sagte Hanyu vor dem wichtigsten Wettkampf der Saison. Ihm reichten ein paar Prozent weniger nicht, um auch so auf den Thron zurückzukehren. Sein Sturz im Kurzprogramm nach einem Vierfachsalchow bescherte dem schon in diesem Wettkampfsegment führenden Chen einen Vorsprung von 23,5 Punkten, den der Amerikaner mit seiner nahezu makellosen Kür noch um weitere zehn Punkte ausbaute.

          „Ich muss an mich glauben“, redete sich Hanyu, dessen Blessur noch nicht ganz ausgeheilt ist, vor dem Tag der Entscheidung ein. Und tatsächlich bekamen die Fans anders als bei manchen Weltmeisterschaften zuvor auch den japanischen Vorkämpfer seines Sports zu sehen. Hanyu weiß ja, wie es sich anfühlt, während der Kür von allen guten Geistern verlassen zu werden. In solchen Momenten der unguten Gefühle, die ihn zuletzt bei der WM-Pannenkür 2016 in Boston geplagt hatten, versagen bei ihm alle Sicherungssysteme. In Saitama nicht.

          Dort wurde er getragen von der geballten Hysterie der 18.000 Zuschauer in der großen Halle des Volkes. Sie versuchten, ihm auch die Augenblicke des Scheiterns auf höchstem Niveau zu versüßen, indem sie ihm sein Maskottchen, den „Winnie-Puuh“-Plüschbären im Massenangebot zuwarfen und damit die Eisbahn zum Spielzeugladen machten. Die Stofftierchen konnten Hanyu aber am Samstag so wenig trösten wie die herzlichen Umarmungen seines Trainers Brian Orser.

          Was der androgyne Kunstläufer, der sein Privatleben sorgsam vor der Öffentlichkeit schützt, nicht im Übermaß besitzt, ist die seelische Ausgewogenheit des mit 19 schon reifen Weltmeisters Chen. Der sagt über sein ungezwungenes Doppelleben als Meister des Sports und Vollzeitstudent an der Universität Yale: „Ich definiere mich nicht mehr allein über den Eiskunstlauf.“ Davon ist der Vollzeiteiskunstläufer Yuzuru Hanyu weit entfernt.

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