https://www.faz.net/-gtl-a4uu1

Die Haie auf Eis : „Der Eishockeystandort Köln wackelt gewaltig“

  • -Aktualisiert am

Ein NHL-Star im Haie-Trikot: Leon Draisaitl trainiert derzeit bei seinem Jugendklub. Bild: dpa

Wenn die Deutsche Eishockeyliga am 11. November in ein Vorbereitungsturnier starten will, tut sie das wahrscheinlich ohne die Kölner Haie. Der Klub sieht Spiele ohne Fans als ein finanziell „massives Risiko“ und bittet deswegen um einen symbolischen Beitrag.

          3 Min.

          Der „Elfte im Elften“ ist für viele Menschen in Köln mindestens so wichtig wie Geburtstag und Weihnachten zusammen. Wenn der Karneval beginnt, sind alle Sorgen dahin, dann wird geschunkelt und gesungen, getrunken und gelacht. Im Corona-Jahr sieht das anders aus, die Sorgen sind für viele größer denn je, die Feiern wurden abgesagt. Zusätzlich hat das Kölner Ordnungsamt ein ganztägiges Alkoholkonsum- und Alkoholverkaufsverbot außerhalb von Gaststätten im gesamten Stadtgebiet verfügt.

          Das trifft auch die Kölner Haie, die jedes Jahr kräftig mitfeiern. Doch wenn sie derzeit an den 11.11. denken, haben sie andere Sorgen. Dann möchte die Deutsche Eishockey Liga (DEL) ihr Vorbereitungsturnier beginnen, um zu testen, ob die Saison während einer Pandemie funktionieren kann. Die Haie werden nur zuschauen. Als einer von sechs der 14 DEL-Klubs verzichten sie auf die Teilnahme. Dabei ist ihr zweistelliger Millionenetat einer der größten der Liga. Doch ohne Aussicht auf Zuschauereinnahmen „würden wir ein massives Risiko eingehen“, sagt Geschäftsführer Philipp Walter, „wir sind momentan nicht in der Lage, die Maschine verantwortungsvoll anzuwerfen“.

          Ebenjene Maschine steht seit Anfang März still. Kurzarbeit, kein richtiges Mannschaftstraining, keine Reisen und erst recht keine Saison. Selbst der dritte anvisierte Starttermin kurz vor Weihnachten ist nicht sicher. Weswegen zahlreiche DEL-Spieler für den Übergang ins Ausland oder in untere Ligen geflüchtet sind. Auch aus Köln: Moritz Müller und Marcel Müller haben sich dem Zweitligisten aus Kassel angeschlossen. Und wenn ihr Geschäftsführer dieser Tage spricht, hört es sich so an, als würden sie vielleicht nie wieder ein Haie-Trikot tragen: „Der Eishockeystandort Köln wackelt gewaltig.“

          F.A.Z.-Newsletter „Coronavirus“

          Die ganze Welt spricht über das Coronavirus. Alle Nachrichten und Analysen über die Ausbreitung und Bekämpfung der Pandemie täglich in Ihrem E-Mail-Postfach.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Seit Monaten klagen DEL-Vertreter, dass eine Saison ohne Fans in den Hallen nicht ohne öffentliche Hilfe zu finanzieren sei. In Köln gilt das umso mehr. Mit 13.333 Fans hatten die Haie zuletzt den besten Schnitt außerhalb des Fußballs. Entsprechend hoch sei „unsere Fallhöhe“, sagt Walter, „von 13.333 auf aktuell null, uns fehlen 80 Prozent der Einnahmen“. Also sprach er mit der Politik, um an die versprochenen Hilfsgelder zu kommen, mit Klubbesitzer Frank Gotthardt, der „ein spürbares Bekenntnis abgibt“, wie Walter sagt, und mit den Spielern, die auf „bis zu 60 Prozent“ ihrer Gehälter verzichten. Aber weil selbst das nicht reicht, ging er nun einen bemerkenswerten Schritt: Gemeinsam mit Trainer Uwe Krupp richtete er einen „Appell an alle Kölnerinnen und Kölner“, es brauche ein „klares Bekenntnis der Stadt Köln für den KEC“.

          Die Idee: Die Fans sollen auch ohne Spiel Tickets kaufen, von Mittwoch an gibt es sie unter dem Motto #immerwigger, immer weiter. Das Ziel sind 100.000 Stück à zehn Euro. Dann wäre die fehlende Million da, um in die Saison starten zu können. Andernfalls? Anderthalb Jahre kein Profieishockey in Köln, während die Konkurrenz spielt? An die Konsequenzen wollen sie lieber nicht denken. Auch nicht an die für den Stammverein mit seinen Frauen-Teams sowie 300 Kindern und Jugendlichen.

          Leon Draisaitl aus Kölner Jugend

          Diese Kölner Jugend hat nicht nur den aktuellen NHL-Star Leon Draisaitl und den vielleicht künftigen Dominik Bokk hervorgebracht, sondern auch einen ehemaligen, Uwe Krupp, erster deutscher Stanley-Cup-Sieger und heute Trainer der Haie. Auch Krupp fällt gerade mit emotionalen Reden auf, schwärmt von seiner Zeit im Nachwuchs und der Kölner Eishockeykultur. Dass nun alles in Frage steht, gehe ihm „sehr nah“, ein „unglaubliches Drama“.

          Natürlich wäre das schnell zu lösen: über Gesellschafter Frank Gotthardt, mit Software für den Gesundheitsbereich Milliardär geworden. Der 70-Jährige „liebt Eishockey“, versicherte der ehemalige Haie-Geschäftsführer Peter Schönberger nun dem „Stadtanzeiger“, „aber er will als Koblenzer sicher nicht alles allein stemmen“. Das tat er vor zehn Jahren. Als die Haie schon mal vor dem Aus standen, übernahm er 96 Prozent der Anteile. Seitdem leben sie auf großem Fuß, was am Ende fehlt, gleicht Gotthardt aus. Im Eishockey ist das nicht unüblich. Auch bei den Haien stehen im neuesten Jahresabschluss (Bilanz zum 30. April 2019), der sich im Bundesanzeiger findet, Verbindlichkeiten von mehr als 25 Millionen Euro. Allerdings sind das Altlasten aus der Zeit vor Gotthardt, zuletzt soll es wirtschaftlich bergauf gegangen sein. Am neunten Titel scheiterten die Kölner trotzdem immer wieder. Was schnell zu personellen Wechseln führen kann. Um alle Geschäftsführer, Manager und Trainer der Gotthardt-Jahre aufzuzählen, reichen zwei Hände nicht aus.

          Auch vergangene Saison mussten Trainer und Manager gehen. Weil die Kölner 17 Niederlagen am Stück einstecken mussten. Den DEL-Rekord verpassten sie knapp. „Nicht mal das können die“, spotteten die Fans. Und blieben dennoch treu. Weil ihnen die neue Ansprache der Geschäftsführung und die Idee gefallen, mehr auf den Nachwuchs statt auf alte Kanadier zu setzen. Das sollte diese Saison so weitergehen, doch nun kann das neue Team nicht aufs Eis. Auch nicht am „Elften im Elften“, der sich in Köln so anfühlen dürfte wie Aschermittwoch.

          Weitere Themen

          „Argentinien ist heute gestorben“ Video-Seite öffnen

          Trauer um Diego Maradona : „Argentinien ist heute gestorben“

          Überall in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires versammeln sich Menschen, um ihr Idol Diego Maradona zu betrauern. Der Ausnahme-Fußballer starb am Mittwoch im Alter von 60 Jahren. In Argentinien herrscht eine dreitägige Staatstrauer.

          Ischgl ohne Après-Ski

          FAZ Plus Artikel: Tourismus : Ischgl ohne Après-Ski

          Der Corona-Ausbruch hat dem Tiroler Skigebiet zugesetzt. Knapp ein Jahr danach keimt in der Region neue Hoffnung. Wie wird die Skisaison mit Hygienemaßnahmen aussehen?

          Topmeldungen

          Zwischen Angst und Wut: Unter den Demonstranten in Thailand sind viele junge Frauen, die sich von den Traditionen ihrer Eltern abwenden.

          Proteste gegen Rama X. : Thailands König entzweit Familien

          Die junge Thailänderin Nan demonstriert in Bangkok für eine Einschränkung der königlichen Rechte. Sie will nicht vom reichsten Monarchen der Erde regiert werden. Ihre Eltern aber wollen nicht an den Traditionen rütteln.
          Lange Schlangen vor den Supermärkten sind auch vor Weihnachten wieder zu erwarten.

          So reagiert der Handel : Lange Schlangen und gähnende Leere befürchtet

          Wenige Wochen vor dem Weihnachtsfest hat die Bundesregierung die Corona-Maßnahmen noch einmal verschärft – sehr zum Ärger des hiesigen Handels. Gerade Supermärkte haben für die Regeln nur wenig Verständnis.
          Schwierige Partner: Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen

          Polens Außenminister : Die EU-Verträge sind heilig

          In Europa gilt das Einstimmigkeitsprinzip. In den Regelungen für die Corona-Hilfe soll das nun rechtswidrig umgangen werden. Polen muss mit einem Veto drohen, um einen drohenden Vertragsbruch abzuwenden. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.