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Abfahrt in Kitzbühel : „Der Mythos Streif wird aufrechterhalten“

  • -Aktualisiert am

Schöner Ausblick: Vor dem Fahrer liegt der steilste Starthang im Ski-Weltcup. Bild: Imago

Die Hoffnungen des alpinen Männer-Teams ruhen auf den Abfahrern – auch beim Hahnenkammrennen. Cheftrainer Mathias Berthold spricht im Interview über die bewusst schlechte Pistenpräparierung auf der Streif und das Talent Thomas Dreßen.

          Die Streif in Kitzbühel gilt als die spektakulärste Abfahrt im Weltcup. Erfordert ein besonderes Rennen wie an diesem Samstag (11.30 Uhr in der ARD und bei Eurosport1) auch eine besondere Vorbereitung?

          Es ist jedes Wochenende für sich ein besonderes Wochenende, aber in der gesamten Jahresplanung auch wieder nichts Besonderes. Wir haken die Rennen ab, letzte Woche war Wengen, jetzt ist Kitzbühel. Wir bereiten uns vor jedem Rennen auf die jeweiligen Anforderungen vor. Jede Strecke für sich hat ihre eigene Geschichte, genauso wie die Olympischen Spiele. Es ist sich jeder bewusst, dass das in diesem Jahr das Hauptereignis sein wird, es einen übergeordneten Stellenwert hat. Da entsteht vielleicht eine gewisse Drucksituation. Aber wir sprechen vorher schon mit den Athleten einen Plan durch, wie wir damit umgehen.

          War das anders, als Sie noch Cheftrainer der österreichischen Männer waren? In Ihrer Heimat hat das Hahnenkammrennen doch eine enorme Bedeutung, und jeder erwartet einen österreichischen Sieg. Der Druck muss immens sein...

          Ich beurteile Rennen niemals nach der jeweiligen öffentlichen Wahrnehmung. Natürlich wird es einem als österreichischer Cheftrainer bewusst, wenn es heißt, dass in Kitzbühel 10000 Zuschauer mehr erwartet werden, weil die Abfahrtsmannschaft aktuell gut ist. Aber es ist als Trainer nicht meine Aufgabe, diese Dinge in den Vordergrund zu stellen.

          Was macht diesen Mythos Kitzbühel denn aus?

          Kitzbühel ist vermeintlich das schwerste Rennen. Die Abfahrt ist sicher eine Herausforderung für die Jungs mit den Schlüsselstellen wie Mausefalle, Ausfahrt Steilhang, die Traverse. Aber in erster Linie ist die Streif wegen ihrer Pistenpräparation so spektakulär. Die ist, etwas provokant gesagt, nicht besonders gut – und das ein Stück weit ja gewollt, um diesen Mythos auch aufrechtzuerhalten. Das ist also ein Waschbrett, von oben bis unten. Es sind Passagen dabei, die richtig gut präpariert sind, und dann kommt man von einer gut präparierten Sektion aber in eine schlecht präparierte. Ich halte davon nicht viel.

          Hat diese Abfahrt also ganz andere Anforderungen als alle anderen Strecken im Weltcup?

          Die Jungs wissen genau, was auf sie zukommt. Wir bereiten sie darauf vor, dass es rumpelt, dass sie gut springen müssen und bei der Steilhang-Ausfahrt über dem Ski sein müssen.

          Wie in jedem Jahr hat es auch dieses Mal wieder Diskussionen um die Piste gegeben. War die Kritik an den Sprüngen, die ja auch ein großer Teil dieses Kitzbühel-Spektakels sind, berechtigt?

          Der Schnee war am Dienstag sehr ,schnell‘, und es hieß deshalb, die Läufer seien schneller an die Sprünge hingekommen als gedacht. Der Seidlalmsprung ist völlig unnötig, denn der wird von keiner Kamera das ganze Wochenende über erfasst. Dieser Sprung hat einst Tobias Stechert (ehemaliger deutscher Abfahrer/die Red.) die Karriere gekostet. Vor dem zweiten Training am Donnerstag wurden aber die richtigen Schritte unternommen. Es wurden die Sprünge verändert und mehr Farbe aufgetragen. Die Piste ist außerdem durch den Neuschnee der vergangenen Tage vergleichsweise relativ langsam geworden.

          Der Renndirektor des Internationalen Skiverbandes, Markus Waldner, hat hier in Kitzbühel den Vorschlag wiederholt, professionelle Vorläufer auf Abfahrtspisten einzusetzen. Was halten Sie davon?

          Sehr viel. Didier Défago (Schweizer Abfahrts-Olympiasieger 2010, d. Red.) hat es mal vor zwei Jahren gemacht. Das hat sich eigentlich sehr bewährt. Das Gegenargument ist, dass der Einsatz von professionellen Testfahrern den Internationalen Skiverband 100000 Schweizer Franken pro Saison kosten würde. Aber wenn ich Gefahr laufe, bei jedem ersten Training ein Problem zu haben, dann wäre das mehr als angebracht. Es hören doch jedes Jahr einige erfahrene Abfahrer auf. Wenn man die dann für zwei Jahre verpflichten könnte, wäre das gut.

          Mit Ihnen als österreichischem Cheftrainer gab es einige Siege Ihrer Athleten in Kitzbühel. Aber Sie erlebten auch einen äußerst traurigen und schwierigen Moment, als 2011 Johann Grugger nach einem schweren Sturz mit dem Tod gerungen hat. Hat sich Ihre Einstellung zu den Rennen auf der Streif danach verändert?

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