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Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee : Diethart fliegt allen davon

Ein neuer Star am Skisprung-Himmel: Thomas Diethart gewinnt die Vierschanzentournee Bild: REUTERS

Ein 21 Jahre alter Österreicher gewinnt die Vierschanzentournee. Mit seinem Flug ins Glück beim vierten Springen in Bischofshofen sichert sich Thomas Diethart auch eindrucksvoll den Gesamtsieg.

          3 Min.

          Ein Sprung, ein banger Blick, dann war es vorbei mit der seit Tagen gewachsenen Spannung und es machte sich Erleichterung breit bei Thomas Diethart. Nachdem er ein letztes Mal mit seiner überzeugenden Mischung aus Courage und Geschick das Gefühl der Schwerelosigkeit hatte genießen können, im Auslauf der Schanze in Bischofshofen sicher zur Landung ansetzte und die Augen auf die Anzeigetafel richtete, dauerte es ein paar Sekunden, die ihm selbst wohl wie eine halbe Ewigkeit vorgekommen sein mögen, ehe für ihn Gewissheit herrschte.

          Er war im Finale der 62. Auflage der Vierschanzentournee der Skispringer 138,5 und 140 Meter weit gesprungen (296,5 Punkte) und hielt damit als Tagesbester auch in der Gesamtabrechnung alle Konkurrenten auf Distanz: Der Einundzwanzigjährige sicherte sich eindrucksvoll den Titel vor seinem österreichischen Landsmann Thomas Morgenstern und dem Schweizer Simon Ammann.

          Für seinen Flug ins Glück verdiente sich der Newcomer neben dem „Goldenen Adler“ als Trophäe, eine Prämie von 20.000 Franken und – was wesentlich mehr wiegt – die mit Geld nicht zu bezahlende Gewissheit, von nun an im Geschichtsbuch seines Sports in einem der denkwürdigsten Kapitel verewigt zu sein.

          Dietharts Worte, mit denen er versuchte, sein verblüffendes Meisterwerk zu beschreiben, gingen fast unter in dem Lärm, den seine Fans veranstalteten: „Das ist der Wahnsinn. Es hat alles funktioniert. Ein Kindheitstraum ist in Erfüllung gegangen.“ Senkrechter, als es ihm gelungen ist, lässt sich tatsächlich kaum durchstarten. Seine Ankunft in der Weltspitze vollzieht sich gerade im Rekordtempo.

          Die in den Schnee projizierte Linie zeigt es an - das reicht

          Erst unmittelbar vor Weihnachten profitierte er von einer verletzungsbedingten Absage Morgensterns und absolvierte als Nachrücker sein Weltcup-Debüt in diesem Winter; in Engelberg wurde er Vierter. Beim Tournee-Auftakt in Oberstdorf stand er sodann als Dritter auf dem Podest, an Neujahr in Garmisch-Partenkirchen übernahm er nach seinem Sieg die Führung im Klassement, die er als Fünfter in Innsbruck verteidigte und sich am Montagabend unter Flutlicht nicht mehr nehmen ließ.

          Auch Olympiasieger Ammann gab freimütig zu: „Ich kannte ihn bis vor kurzem gar nicht.“ Details des bislang beispiellosen Aufstiegs können die Menschen in seiner Heimat gegenwärtig auch auf zahlreichen Sonderseiten in österreichischen Zeitungen nachverfolgen. Seine Eltern, die einst einen Kredit aufnahmen, um ihrem Sohn das kostenintensive Hobby zu ermöglichen, gewähren der Öffentlichkeit bereitwillig Einblick in privaten Aufzeichnungen, mit denen sie Erinnerungen an die ersten Schritte ihres Jungen dokumentierten.

          Thomas Diethart gewinnt die Vierschanzentournee nach seinem Erfolg in Bischofshofen

          Für seine Sternstunde bei der Tournee wird ein Fotoalbum alleine nicht reichen. Gernot Diethart, der Vater, sagte, ihm fehlten „eigentlich die passenden Ausdrücke“, um zu erklären, was ihm der Erfolg seines „Buam“ bedeute. „Wir sind zweimal die Woche 400 Kilometer zum Training gefahren“, berichtete er. Die Wochenenden waren mit Lehrgängen verplant. Die Dietharts sparten bei den Übernachtungen. „Wir haben im Auto oder im Zelt geschlafen, um es uns leisten zu können. Das ist jetzt der Lohn.“

          Für den Tiroler Alexander Stöckl, der heute die norwegische Nationalmannschaft betreut, und zuvor als Ausbilder am österreichischen Leistungszentrum in Stams beschäftig war, war „Thomas schon früher eine Klasse für sich“. Er sei wie „selbstverständlich gesprungen, ganz so, als ob er nicht nachdenken würde“. Stöckl hat Diethart als einen „ziemlich außergewöhnlichen Jungen“ kennengelernt: „Sehr begabt, koordinativ und turnerisch top.“

          Die goldenen Flüge bei der Vierschanzentournee bescheren Diethart den Gesamtsieg

          Allein die Leistungen in den Klassenarbeiten, auf die der Österreichische Skiverband (ÖSV) stets ein strenges Auge legte, entsprachen zu selten den Ansprüchen, so dass er als Teenager die Kaderschmiede nach vier Jahren verlassen musste. Diethart sei „kein Unguter“ gewesen, aber als Schüler „eine gewisse Herausforderung“, denn er habe „schon sehr viel Energie“ mitgebracht. „Aber die, die nicht die Einfachsten sind, entpuppen sich später halt oft als die Besten“, sagte Stöckl.

          Im vergangenen Sommer schloss Diethart seine Lehre als Industriekaufmann ab und wechselte in eine Sportförderkompanie des Bundesheers. Fortan verfolgte er sein Ziel mit neuer Dynamik. Mit ordentlichen Resultaten im B-Kader des Verbandes empfahl er sich für eine neue Bewährungschance, die er bei erstbester Gelegenheit auf nie dagewesene Weise nutzte. ÖSV-Chefcoach Alexander Pointner kommentierte Dietharts Coup als einen „Moment, der Gänsehaut verursacht“.

          Österreich im Freudentaumel: Wieder gewinnt ein Landsmann die Tournee

          Während die Österreicher den sechsten Tournee-Triumph in Serie bejubelten, präsentierten sich die deutschen Athleten ein weiteres Mal in einer Verfassung, die reichlich Luft nach oben aufwies: Andreas Wellinger kam in Bischofshofen auf den neunten Platz.

          Severin Freund wurde Zehnter, Marinus Kraus Fünfzehnter; für Wellinger reichte es immerhin noch zu Rang zehn in der Gesamtwertung. Der Bundestrainer nannte das Abschneiden „definitiv enttäuschend“. Es gebe, urteilte der aus Österreich stammende Werner Schuster, „keinen Grund“ zur Zufriedenheit. Das sahen mehr als 20.000 Landsleute vor Ort ein bisschen anders.

          Vierschanzentournee in Bischofshofen/Österreich

          1. Thomas Diethart (Österreich) 296,5 Pkt. (138,5/140,0 m)
          2. Peter Prevc (Slowenien) 294,8 (139,5/138,5)
          3. Thomas Morgenstern (Österreich) 293,6 (137,0/142,0)
          4. Simon Ammann (Schweiz) 285,7 (137,5/137,0)
          5. Noriaki Kasai (Japan) 281,0 (133,5/137,5)
          6. Anders Bardal (Norwegen) 278,4 (133,5/134,5)
          7. Anders Fannemel (Norwegen) 276,1 (132,0/135,5)
          8. Kamil Stoch (Polen) 275,1 (134,0/133,5)
          9. Andreas Wellinger (Ruhpolding) 273,3 (134,0/133,5)
          10. Severin Freund (Rastbüchl) 271,7 (133,0/133,5)

          ...15. Marinus Kraus (Oberaudorf) 264,5 (131,5/130,5)
          17. Michael Neumayer (Berchtesgaden) 262,0 (131,0/131,5)
          29. Richard Freitag (Aue) 223,6 (119,5/123,5)
          34. Karl Geiger (Oberstdorf) 119,6 (125,0)
          49. Andreas Wank (Oberhof) 76,4 (107,0)

          Gesamtwertung:

          1. Thomas Diethart (Österreich) 1012,6 Pkt.
          2. Thomas Morgenstern (Österreich) 994,3
          3. Simon Ammann (Schweiz) 992,4
          4. Peter Prevc (Slowenien) 971,3
          5. Noriaki Kasai (Japan) 962,1
          6. Anders Bardal (Norwegen) 950,6
          7. Kamil Stoch (Polen) 938,6
          8. Gregor Schlierenzauer (Österreich) 932,0
          9. Michael Hayböck (Österreich) 906,8
          10. Andreas Wellinger (Ruhpolding) 895,7
          11. Michael Neumayer (Berchtesgaden) 891,2

          ...16. Severin Freund (Rastbüchl) 787,1
          17. Marinus Kraus (Oberaudorf) 783,2
          24. Richard Freitag (Aue) 732,3
          29. Andreas Wank (Oberhof) 700,7
          42. Martin Schmitt (Furtwangen) 372,5
          48. Karl Geiger (Oberstdorf) 338,3
          54. Daniel Wenig (Berchtesgaden) 232,0
          57. Danny Queck (Lauscha) 124,7
          59. Markus Eisenbichler (Siegsdorf) 114,6

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