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Kampf bei Vierschanzentournee : Das spektakuläre Duell um den Skisprung-Thron

Mit guten Leistungen bislang bei der Vierschanzentournee: Karl Geiger Bild: EPA

Kobayashi oder Geiger? Der Japaner vertraut im Duell um den Tourneesieg auf ein funktionierendes Gesamtpaket, der Bayer setzt vor allem auf seine Flugeigenschaften. Wer aber ist besser?

          3 Min.

          Es ist die Chance seines Lebens. Kann es Karl Geiger tatsächlich schaffen? Sieger der Vierschanzentournee, als erster Deutscher nach 18 Jahren, dem großen Coup von Sven Hannawald ? Der Kampf ist eng und offen – fast so offen wie vor einem Jahr, als der Gegner der Deutschen derselbe gewesen ist: Ryoyu Kobayashi. Vor einem Jahr, als die beiden Springen von Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen absolviert waren, hatte sich nicht nur im deutschen Skisprungteam, sondern auch in der riesigen Fangemeinde große Hoffnung breitgemacht. Der Japaner, der später als dritter Grand-Slam-Sieger in der Geschichte der Vierschanzentournee alle vier Springen gewinnen sollte, lag vor dem dritten Wettbewerb am vermeintlichen deutschen Schicksalsberg Bergisel lediglich 2,3 Wertungspunkte vor Markus Eisenbichler. Jetzt sind es 6,3 Punkte, nur marginal mehr – und wieder kommt der große Widersacher aus Deutschland: Karl Geiger.

          Mit damals Eisenbichler und heute Geiger haben sich zwei ziemlich beste Freunde gefunden, den kleinen großen Kobayashi „zu ärgern“. Dies ist die aktuelle, auf bewusste und taktische Untertreibung ausgelegte Sprachregelung, die sowohl Geiger als auch Bundestrainer Stefan Horngacher gewählt haben. Getreu dem Motto: Immer schön am Boden bleiben und verbal bloß nicht abheben. „Ich denke von Springen zu Springen“, sagt Geiger – und ist mit dieser Strategie bislang bestens gefahren. Auch sein Zimmernachbar Eisenbichler findet es richtig, „dass der Karl das nur von Wettkampf zu Wettkampf sieht. Es bringt ja nichts, sich zu stressen.“

          Geiger nahe an der Perfektion

          Stress machen – das behagt Geiger überhaupt nicht. Eisenbichler sagt: „Karl ist entspannt und locker. Ein cooler Typ.“ Einer, der weiß, dass er in diesem Winter die nächste Entwicklungsstufe erreicht hat und mit seinen technisch und stilistisch sauberen Sprüngen nah an der Perfektion ist. „Der perfekte Sprung ist das Ziel“, sagt Geiger – und liegt damit auf Kurs mit Horngacher. Dafür feilen sie seit Sommer vor allem an der Idealposition bei der Anfahrt auf der Schanze. Für den Betrachter mögen es nur Winzigkeiten sein, die den Unterschied ausmachen. Doch weil Sportler und Trainer wissen, dass Absprung, Flug und Landung passen und nahezu perfekt sind, wie dies schon drei Sprünge in der Vorbereitungszeit in Klingenthal und Garmisch-Partenkirchen gezeigt haben, gilt der Fokus der Hockposition.

          Konzentrierte Anfahrt, zumeist weite Sprünge: Ryoyu Kobayashi
          Konzentrierte Anfahrt, zumeist weite Sprünge: Ryoyu Kobayashi : Bild: dpa

          Der Fokus von Kobayashi liegt auf dem gleichzeitigen Abruf aller funktionierenden Systeme. Schneller als alle anderen 71 Skispringer, die bei der deutsch-österreichischen Tournee starten, kommt der Ästhet aus Fernost in seine Flugposition. Wie ein Klappmesser sieht das aus, wenn der kürzlich 23 Jahre alt gewordene Skisprungkünstler sofort nach dem Absprung vom Schanzentisch an Höhe gewinnt. Diese Fähigkeit verschafft ihm den Vorteil, aus einer höheren Flugposition länger in der Luft zu bleiben – und dadurch weiter zu springen. Doch dieser Vorteil ist kleiner geworden, denn der seit Wochen konstant springende Geiger hat sowohl in der Flugphase mit seiner ruhigen Körperstellung und als auch der vorzüglichen Telemarklandung zu Kobayashi aufgeschlossen.

          Wichtige Unterstützung bei diesem Prozess erhält der 26 Jahre alte Geiger von Horngacher. „Ich habe von Anfang an versucht zu machen, was ich für richtig halte“, sagt der Bundestrainer, der zwar die „hohe japanische Flugschule“ lobt, andererseits aber auch sagt: „Was die anderen Nationen machen, interessiert mich nicht, denn ich bin Trainer von Deutschland.“ Der Tiroler tritt selbstbewusst auf. Er weiß, was er kann. Das Gefühl, einen Springer zum Tourneesieg zu führen, kennt er aus seiner Zeit als polnischer Nationaltrainer und Coach von Kamil Stoch, der 2016/17 und 2017/18 siegte. Stoch wird in diesem Jahr als derzeitiger Gesamtneunzehnter mit 62,7 Punkten Rückstand auf Kobayashi mit dem Tourneesiege nichts mehr zu tun haben.

          Kobayashi ist nicht kopierbar

          Auch Geiger weiß, was er kann. Mit Horngacher besteht Einigkeit darüber, dass das System Kobayashi nicht kopierbar ist und dies auch nicht notwendig ist. „Denn es gibt nur einen Kobayashi.“ Und es gibt nur einen Geiger. Einen jungen Sportler, aufgewachsen und sozialisiert in Oberstdorf. 2019 war das Jahr seines großen Durchbruchs. Geiger wurde Weltmeister mit seinen Mannschaftskollegen Eisenbichler, Stephan Leyhe und Richard Freitag. Und er durfte sich in der Einzelentscheidung bei den globalen Nordischen Titelkämpfen zudem noch über Silber freuen. Zwei Entscheidungen auf einer Sprunganlage, die jetzt wieder im Blickpunkt steht: die Bergisel-Schanze.

          Am Freitag, als es galt, in der Qualifikation Witterung für den wichtigen Wettkampf an diesem Samstag (14.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Vierschanzentournee und im ZDF) aufzunehmen, präsentierte sich Geiger vor spärlicher Kulisse mit einem „feinen Sprung“, wie er später sagte, weiterhin in bestechender Verfassung. Anders als noch in Garmisch-Partenkirchen gewann er zwar nicht. Dies tat Marius Lindvik, der Sieger des Neujahrsspringens. Doch Platz drei für Geiger nach einem Sprung auf 131,5 Meter – Kobayashi, der bei 130 Meter landete, wurde Fünfter – lässt auf eine Fortführung seiner famosen Form schließen.

          Geiger gegen Kobayashi. Der Kampf um den Goldenen Adler, der erst am Dreikönigstag nach dem letzten Sprung auf der Fliegerschanze in Bischofshofen hochgehalten werden darf, geht in seine entscheidende Phase. Horngacher ist sicher: „Karl kann alle Schanzen springen.“ Zupass kommen sollen ihm dabei auch seine glänzenden Flugeigenschaften. Der 1,83 Meter große Geiger hat im Gegensatz zum neun Zentimeter kleineren Kobayashi lange Beine und einen eher kurzen Oberkörper, was sich positiv auf das Fliegen in der Luft ausgewirkt hat. Dadurch konnte er die vermeintlichen Vorteile Kobayashis unmittelbar nach dem Absprung wettmachen. Im Kampf um den Tourneesieg hat Geiger aber vor allem dies: großes Selbstvertrauen.

          Vierschanzentournee

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