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Friesinger stürmt an Gold vorbei : Ein Wimpernschlag

  • -Aktualisiert am

Gold gewollt, Bronze gewonnen: Anni Friesinger Bild: dpa/dpaweb

Anni Friesinger hat in Turin ihre zweite Eisschnellauf-Medaille gewonnen. Doch man sah der 29 Jahre alten Bayerin an, daß ihr die Freude schwer fiel. Statt der erhofften Goldmedaille wurde es Bronze. Es gewann die Niederländerin Marianne Timmer. FAZ.NET-Bildergalerie.

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          Als Anni Friesinger am Sonntag abend um kurz vor 19 Uhr auf das Siegerpodest stieg, winkte sie ein bißchen schlaff ins Publikum, und die überwiegend aus Holland stammenden Fans bedankten sich prompt mit Sprechchören: „Anni, Anni“.

          Aber man sah der 29 Jahre alten Bayerin an, daß ihr die Freude schwer fiel. Sie lächelte zwar, doch es war kein befreites Lächeln, es kostete sie sichtlich Mühe. Sie war Dritte geworden, immerhin Dritte; ein ähnliches Erlebnis wie vor einer Woche, als sie den vierten Rang im Auftaktrennen über 3000 Meter belegt hatte, blieb ihr dieses Mal erspart. Zudem war ihre Zeit über 1000 Meter, 1:16,11 Minuten, nur ganze sechs Hundertstelsekunden schlechter als die der niederländischen Siegerin Marianne Timmer - „ein Wimpernschlag“, wie sie hinterher sagte, „ich habe nicht Gold verloren, sondern Bronze gewonnen“.

          „Man muß sich freuen

          Und doch sprachen ihre Miene und ihre Haltung eine andere Sprache. Am besten gab ihr Trainer Markus Eicher, ohne es zu wollen, die Befindlichkeit im Friesinger-Lager mit den Worten wieder: „Man muß sich freuen.“ Muß man? Anni Friesinger hatte sich ganz gewiß mehr ausgerechnet. Die 1000-Meter-Strecke war ihre stärkste Disziplin in dieser Saison gewesen, keine hatte sie in den Weltcup-Rennen auf dieser Distanz schlagen können. Nach der Goldmedaille im Teamwettbewerb am Mittwoch war sie, wie sie sagte, „mit emotionalem Rückenwind“, also unverkrampft, in das 1000-Meter-Rennen gegangen. Es war nicht allzu warm in der Lingotto-Halle, und die Luftfeuchtigkeit war mit 38 Prozent recht hoch, was ihr als Belastungs-Asthmatikerin entgegenkommt. Zudem konnte sie im letzten Paar starten, sie wußte also, welche Zeit sie laufen mußten. „Die Bedingungen waren optimal“, sagte sie, und ihr Trainer räumte hinterher ein: „Wir hatten mit Gold geliebäugelt. Aber es ging heute einfach nicht.“

          Gold gewollt, Bronze gewonnen: Anni Friesinger Bilderstrecke

          Anni Friesinger hatte in Tagen vor dem Rennen gesagt, sie sei „in der Form ihres Lebens“. Zunächst sah es so aus, als behielte sie recht. Die Inzellerin lag nach der ersten Zwischenzeit unter der von Marianne Timmer, nach 600 Metern - also vor der letzten Runde - 0,18 Sekunden darüber. Ein Rückstand, den „sie in normaler Form aufholt“, so Eicher. Dieses Mal aber, womöglich eine Folge des Energieverlustes aus dem Teamwettbewerb, fehlte ihr die Kraft. Womöglich war das eine Folge davon, daß sie im Mannschaftswettbewerb drei von vier Rennen bestreiten mußte. Geplant waren, im Hinblick auf den 1000-Meter-Lauf, nur zwei Einsätze. Am Sonntag schilderte sie, daß es lange gedauert habe, bis sie ihr Trainer davon überzeugt habe, und dabei sei es auch laut geworden. „Doch der Teamwettkampf hat uns Frauen so zusammengeschweißt, wie das niemand für möglich gehalten hat. Da konnte ich doch nicht nein sagen.“

          Auch über 1.500 Meter ist eine Niederländerin Favoritin

          Die Kanadierin Cindy Klassen, die überragende Läuferin dieser Saison, hatte auf das Finale des Teamwettbewerbs verzichtet. Doch auch für sie reichte es nicht zum ersehnten Gold. Sie wurde Zweite (1:16,09), und sie sah ebenfalls nicht besonders glücklich aus. Die große Siegerin dagegen war Marianne Timmer, Anni Friesingers beste Freundin im Lager der Eisschnelläufer. Der Stern der 31 Jahre alten Niederländerin war bei den Spielen vor acht Jahren in Nagano aufgegangen, damals gewann sie zwei Goldmedaillen. Seitdem blieben die ganz großen Erfolge aus. In Salt Lake City gewann sie keine einzige Medaille. Um so unerwarteter kam ihr Triumph, der am Sonntag in Turin Tausende von Oranje-Fans zum Vibrieren brachte. Im 500-Meter-Rennen war Marianne Timmer nach einem angeblichen Fehlstart im zweiten Anlauf disqualifiziert worden, eine äußerst umstrittene Entscheidung, die von den Videoaufnahmen nicht gedeckt wurde. Mit Wut sei sie in das Rennen über 1000 Meter gegangen, schilderte sie nach ihrem Erfolg. „Daß ich jetzt plötzlich Gold habe, kann ich gar nicht glauben.“

          Es war nach dem 3000-Meter-Sieg der 19 Jahre alten Ireen Wüst das zweite überraschende Einzel-Gold für die Niederlande - und wenn man Anni Friesinger glauben kann, wohl auch nicht das letzte. Am Mittwoch steht das Rennen über 1500 Meter an. „Für mich ist Renate Groenewold die absolute Favoritin, sie hat extra die 1000 Meter ausgelassen“, sagte Anni Friesinger. Und das war etwas, was man ihr wohl glauben muß.

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