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Frenzel holt WM-Gold : Extrem heiß und ziemlich cool

  • -Aktualisiert am

Ein Schritt ins Glück: Eric Frenzel holt sich den Sieg in Val die Fiemme Bild: dpa

Der 24 Jahre alte Titelverteidiger Eric Frenzel sichert dem Deutschen Skiverband die erste Goldmedaille bei den Nordischen Ski-Weltmeisterschaften. In der Kombination behält er nach dem herausragenden Springen alles unter Kontrolle.

          3 Min.

          Der Kleinste war endlich der Größte. Mit einem Schrei der Begeisterung, den er nach der Überquerung der Ziellinie ausstieß, fiel die Anspannung von Eric Frenzel ab. Der Sachse war als Weltmeister ins Fleimstal gekommen - und wird es auch als Titelträger verlassen. Er hat dem Druck Stand gehalten.

          Der 24-Jährige sicherte am Donnerstag dem Deutschen Skiverband (DSV) die erste Goldmedaille bei den Nordischen Ski-Weltmeisterschaften. Frenzel, 1,73 Meter groß, ging nach seiner Großtat zunächst zu Boden und sackte, von Glücksgefühlen übermannt, im Schnee auf die Knie. Ehe sich später Betreuer sowie Gefährten aus dem Team der Nordischen Kombinierer um den Sieger versammelten und ihn zu einer demonstrativer Geste auf die Arme nach oben nahmen.

          An diesem Nachmittag überragte Frenzel einfach alle. „Es ist ein herrliches Gefühl, dass es endlich funktioniert hatte“, sagte er, „es war, nach dem, was zuletzt passiert ist, wirklich nicht so einfach.“ Silber ging an Bernhard Gruber (Österreich) vor dem Franzosen Jason Lamy Chappuis.

          Den Grundstein für seinen Coup legte Frenzel im Springen. Er konnte als Letzter vom Bakken gehen. Diesen taktischen Vorteil, den er sich als Führender im Weltcup verdient hatte, machte er sich zu nutzen. Anders als mit der Mannschaft am zurückliegenden Wochenende, als er und seine Kollegen in der Windlotterie eine Niete gezogen hatten, durchkreuzten die Witterungsverhältnisse diesmal das optimistische Vorhaben nicht.

          Er wusste um die ersten Resultate und konnte exakt soviel riskieren, wie nötig war, um sich in Führung zu schieben. Frenzel erwischte einen perfekten Absprung, verlagerte den Körperschwerpunkt in der Luft ideal über die Ski und setzte wenige Sekunden später so weit unten auf wie niemand zuvor.

          „Das war so aggressiv, wie wir es uns vorgestellt hatten“

          Mit 138,5 Metern schaffte er einen neuen Rekord von der Großschanze in Predazzo, legte zudem eine sehenswerte Landung hin, was gute Haltungsnoten brachte und toppte so sämtliche vorherigen Ergebnisse. Ronny Ackermann, früher selbst Weltmeister und jetzt im Trainerstab des DSV beschäftigt, sprach von einer vorbildlichen Vorstellung, die bei den Mitbewerben beeindruckende Wirkung hinterlassen habe: „Das war so aggressiv, wie wir es uns vorgestellt hatten.“

          Die Nordische Kombination ist eine Disziplin für Spezialisten, die sich nicht viele Verbände auf der Welt leisten (wollen). Es ist die einzige Männerbastion, die es bei Olympia noch gibt. Bei der WM sind es lediglich 16 Nationen, die Teilnehmer an den Start schicken. Wenige verfügen über solche - finanziellen und technischen - Voraussetzungen wie der DSV. Was sich seit Jahren in den Medaillenbilanzen spiegelt.

          Gut gelandet und stark gelaufen: Eric Frenzel kombiniert am besten und holt Gold
          Gut gelandet und stark gelaufen: Eric Frenzel kombiniert am besten und holt Gold : Bild: dpa

          Frenzel habe sich „extrem heiß“ präsentiert, meinte Ackermann, und dabei auch von vielen zusätzlichen Übungsstunden profitiert, die der Verband dem WM-Kader zwischen Weihnachten und Silvester auf der Schanze in Val die Fiemme ermöglichte: „Eric hat perfekt verteidigt, was er sich über den Winter erarbeitet hat.“ Bundestrainer Hermann Weinbuch nannte die Vorstellung interessanterweise „wirklich cool“.

          Sein Vorzeigeathlet habe sich mental in einer Verfassung präsentiert, wie sie besser kaum möglich sei: „Er hatte den Tiefschlag im Einzel wegzustecken, als ihm ein Wimpernschlag zu Bronze fehlte, dann den Frust mit dem Team“, sagte der Bayer und schüttelte ungläubig den Kopf, „wirklich außerordentlich, zu was dieser Bursche immer wieder in der Lage ist.“

          Unentschlossenheit der anderen kommt Frenzel zu Gute

          Frenzel ging mit 14 Sekunden Vorsprung vor Christoph Bieler aus Österreich in den finalen 10-Kilometer-Langlauf. Seine Verfolger, die sich bei ihrer Aufholjagd im Windschatten abwechseln konnten, kamen ihm bis zur ersten Zwischenzeitnahme nach 2500 Metern nicht ernsthaft näher.

          Das änderte sich auch nach der Hälfte des Rennens kaum, weil in der Meute, sowohl der als Antreiber bekannte Norweger Magnus Moan sowie Lamy-Chappuis nicht mehr als das Nötigste taten und anstatt Führungsarbeit zu leisten, lieber Kräfte sparten, für den Kampf um die beiden übrigen Ränge auf dem Podium.

          Die Drei vom Podium: Eric Frenzel (Mitte) sowie Bernhard Gruber (links) und Jason Lamy Chappuis
          Die Drei vom Podium: Eric Frenzel (Mitte) sowie Bernhard Gruber (links) und Jason Lamy Chappuis : Bild: AP/dpa

          Diese Unentschlossenheit kam Frenzel zu Gute, der von Weinbuch auf dem Rundkurs mit 200 Höhenmetern, der viermal zu bewältigen war, stets mit den neuesten Informationen versorgt wurde. In der Gewissheit des nahenden Erfolgs im Schlussabschnitt taktierte er nicht, sondern forcierte weiter - und erreichte so mit deutlichem Abstand als Erster unter dem Jubel von zweitausend Zuschauern die Arena.

          Von einem Helfer des Teams bekam Frenzel rechtzeitig zum Abschluss seines Triumphmarsches noch eine schwarz-rot-goldene Fahne in die Hand gedrückt: Die Flucht nach vorne endete mit einem Happy End, auf das der DSV seit einer Woche sehnsüchtig gewartet hat.

          Kombination: Einzel - Großschanze/10 Kilometer

          1. Eric Frenzel (Oberwiesenthal) 27:22,8 Min. (144,1 Pkt./27:22,8 Min.)
          2. Bernhard Gruber (Österreich) + 0:36,7 (135,9/27:26,5)
          3. Jason Lamy Chappuis (Frankreich) + 0:37,2 (127,0/26:52,0)
          4. Akito Watabe (Japan) + 0:38,4 (134,9/27:24,2)
          5. Hideaki Nagai (Japan) + 0:42,3 (126,4/26:54,1)
          6. Wilhelm Denifl (Österreich) + 0:47,7 (135,4/27:35,5)
          7. Sébastien Lacroix (Frankreich) + 0:50,8 (123,4/26:50,6)
          8. Magnus Moan (Norwegen) + 0:57,7 (126,6/27:10,5)
          9. Håvard Klemetsen (Norwegen) + 0:58,2 (137,7/27:55,0)
          10. Johannes Rydzek (Oberstdorf) + 1:07,7 (119,8/26:53,5)

          ...14. Björn Kircheisen (Johanngeorgenstadt) + 1:24,5 (118,5/27:05,3)
          - Tino Edelmann (Zella-Mehlis) ausgeschieden (103,4/nicht angetreten)

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