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Freeskierin Lisa Zimmermann : Die etwas andere Athletin

  • -Aktualisiert am

Lächeln für den dritten Platz: Lisa Zimmermann gilt nicht als Vorzeigeprofi, ist aber ein Ausnahmetalent. Bild: AP

Freeskierin Lisa Zimmermann macht, was sie will - vor allem braucht sie Spaß. Weil sie ein Supertalent ist, bleibt dem Verband nichts anderes übrig, als sie bei Laune zu halten.

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          Alles war so schön geplant. Big-Air-Weltcup für Skifahrer und Snowboarder in Mönchengladbach, 10.000 Zuschauer, 1,4 Millionen Euro Etat, eine Rampe, 49 Meter hoch, 120 Meter lang, 800 Kubikmeter Schnee, herübergekarrt aus der Skihalle in Neuss. Eine strahlende Siegerin war auch in Sicht: die Freeskierin Lisa Zimmermann aus Bad Aibling, die im November schon die Flugshow in Mailand gewonnen hatte. Die ARD war mit einem Großaufgebot angerückt, vor allem wegen Lisa Zimmermann, vielleicht würde sie es noch in die Tagesschau schaffen, alles war bereitet, um die Siegerin zu feiern, aber daraus wurde nichts. Lisa Zimmermann wurde Dritte.

          Nur Dritte, muss man sagen. Mit dritten Plätzen nämlich mögen viele zufrieden sein, doch sie hat andere Ansprüche. Die 20-Jährige ist Weltmeisterin im Slopestyle, dem Ritt über einen Hindernisparcours, und auch im Big-Air-Springen gilt sie als Maßstab für die internationale Konkurrenz. Sie ist das Wunderkind der Szene, seit sie mit 16 Jahren als erste Frau einen sogenannten Double Cork 1260 stand, eine doppelte Überkopf-Drehung mit dreieinhalbfacher Schraube. Das war umso bemerkenswerter, als sie bis zum Alter von 14 Jahren kaum auf Ski gestanden hatte, sondern eine talentierte Eiskunstläuferin war - und das erklärt auch, warum sie bis heute keine überragende Skifahrerin ist, sondern eher eine Eiskunstläuferin auf Ski, mit einem herausragenden Bewegungsgefühl für Sprünge, Drehgeschwindigkeit und Rotationen. Das reicht in Disziplinen wie Big Air und Slopestyle, um die Beste zu sein, meistens jedenfalls.

          Lisa Zimmermann war schon bei den Olympischen Spielen in Sotschi im Slopestyle eine Goldhoffnung des Deutschen Skiverbandes (ehe sie in der Qualifikation patzte), und sie ist es auch für die nächsten Spiele 2018 in Südkorea. Sie ist die Goldhoffnung des DSV, aber sie ist auch eine Athletin, die von den Funktionären allerbeste Nerven verlangt. Sie macht, was sie will, und weil sie ein Supertalent ist, bleibt dem Verband nichts anderes übrig, als sie bei Laune zu halten.

          Zimmermann hasst Wettkämpfe

          Lisa Zimmermann ist die etwas andere Athletin. Sie hält nichts von Trainern und Trainingslagern, nichts von ganzjähriger Konzentration auf ihren Sport, sie hält prinzipiell auch nichts von Wettkämpfen. „Ich hasse Contests über alles“, sagt sie. Warum? Weil sie die Freiheit einschränkten, in den Bergen neue Tricks zu proben, weil auf Contest immer nur das Gleiche präsentiert werde, weil sie den Spaß zerstörten. Immerhin: Die Show in Mönchengladbach sei ziemlich cool gewesen.

          In Sotschi war Lisa Zimmermann gescheitert, weil sie bei den Sprüngen zu viel riskierte und weil sie ohne Stöcke fuhr - beides hat sie mittlerweile geändert. Sie zeigt - entgegen ihrer Überzeugung - Sprünge, die sie im Prinzip sicher beherrscht, sie fährt mit Stöcken, die gut sind für die Balance. Dass sie im Mönchengladbacher Finale dennoch bei allen drei Versuchen patzte und am Ende deutlich hinter Silvia Bertagna aus Italien und Emma Dahlström aus Schweden gewertet wurde, lag vermutlich daran, dass sie seit Monaten kaum auf den Ski gestanden hatte. Vor dem Weltcup in Mailand im November hatte sie ganze drei Tage im Schnee verbracht.

          Im Himmel von Mönchengladbach: Lisa Zimmermann
          Im Himmel von Mönchengladbach: Lisa Zimmermann : Bild: dpa

          Den Sommer und Herbst, wenn viele Nationalkader auf Gletschern oder in Südamerika und Neuseeland unterwegs sind, hat Lisa Zimmermann in Portugal und Brasilien am Meer verbracht, beim Surfen. Der DSV hatte ihr ein Athletikprogramm mit auf den Weg gegeben, was ein Verband halt so macht. Ob sie es durchgezogen habe, wurde sie in Mönchengladbach gefragt. Klar, sagte Lisa Zimmermann und lächelte, sie wisse sogar, was da für Übungen drin stünden. Aber Yoga habe sie viel gemacht, das habe sie von den Surfern übernommen. „Lisa trainiert, wie sie will“, sagt Heli Herdt, der beim DSV für die Freeskier zuständig ist, und es klingt, als habe er sich damit abgefunden.

          Wenn man Lisa Zimmermann fragt, ob sie einen Trainer habe, einen Verbandstrainer vielleicht, dann lächelt sie und sagt, nein, das habe sie nicht. Ihre Freunde seien ihre Trainer, meistens Jungs, auch ein paar Mädels, mit denen sie im Stubaital unterwegs sei oder demnächst in Flachauwinkel. Die sagten ihr, was gut aussehe und was nicht. Dass sie im Sommer und Herbst die Ski kaum anrührte, erklärt sie mit ihrer ganz eigenen Sport-Philosophie: „Wenn man etwas zu oft macht, ist das schlecht für die Motivation“, sagt sie. „Was ich brauche, ist Spaß am Leben, dadurch werde ich besser.“ DSV-Mann Herdt hörte es mit Interesse. Sein Athletikprogramm dürfte auch in Zukunft nicht der Renner werden. Lisa Zimmermann steht mehr auf Spaßprogramm.

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