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Biathlon in Ruhpolding : Preuß ist endlich auf der großen Bühne angekommen

Erleichtert nach dem ersten Sieg: Franziska Preuß jubelt in Ruhpolding. Bild: dpa

Das Warten hat ein Ende für Franziska Preuss: Seit Jahren ist sie Teil des starken deutschen Biathlon-Teams. Jetzt gewinnt sie aber erst ihr erstes Weltcup-Rennen.

          Was war das für ein Wahnsinns-Finale beim Biathlon-Weltcup in der Ruhpoldinger Chiemgau Arena. Die 24.000 Zuschauer waren völlig „aus dem Häuschen“ und veranstalteten einen Höllenlärm. Es war ja auch ein knallharter Zweikampf, den sich da unten Franziska Preuß und die Norwegerin Ingrid Landmark Tandrevold lieferten. Beide waren im Massenstart fast gleichzeitig von der letzten Schießeinlage weggelaufen, und dann verwickelten sie sich auf der Schlussrunde in ein Duell, das an Spannung kaum zu überbieten war. Die Attacke der einen wurde mit dem Konter der anderen beantwortet, aber zum guten Schluss – und auf der letzten Rille sozusagen – rettete sich Franziska Preuß, auch dank des schnelleren Skis, als Erste ins Ziel. Erstmals hat sie ein Weltcup-Rennen gewonnen, das war nicht unbedingt erwartet worden, aber es ist auch kein Zufall.

          Der Trend zeigte steil nach oben, nach jenem Tiefpunkt vor zehn Tagen in Oberhof, als die 24 Jahre alte Skijägerin aus Wasserburg am Inn im Sprint auf Platz 45 gelandet war. Indiskutabel. Von den Trainern gab es einen auf den Deckel, Preuß war „ziemlich geknickt“. Jetzt steht sie ganz oben. „Es ist ein wahnsinnig tolles Gefühl, daheim in meinem Wohnzimmer zu gewinnen. In einem perfekten Rennen mit null Fehlern“, sagte Franziska Preuß und klang dabei relativ gefasst: „Ich wusste gar nicht, wer und wie viele hinter mir waren, weil ich in dem Lärm die Trainer nicht verstanden habe.“ In solchen Fällen hilft der Blick auf die Videowand, und da war ihr klar: Es wird mindestens Platz zwei. „Auch damit wäre ich zufrieden gewesen, aber trotzdem habe ich nicht aufgegeben.“ Endlich hat sie sich belohnt. „Ich weiß das umso mehr zu schätzen, nach all den Jahren.“

          Allein der Winter zählt

          Franziska Preuß wurde einst in einem Atemzug mit Laura Dahlmeier genannt, wegen ihres großen Talents. Aber die große Karriere blieb vorerst aus. Sie wurde zum Pechvogel in der deutschen Mannschaft, gebeutelt von Missgeschicken, Verletzungen und Krankheiten. Das ging so weit, dass sie schon daran gedacht hat, alles hinzuwerfen. Aber so schnell gibt man eben doch nicht auf. Auch wenn sich Franziska Preuß im Herbst sogar für das Weltcup-Team qualifizieren musste. „Ich habe mir vorher sehr viel Druck gemacht, war sehr angespannt, weil ich es schaffen wollte.“ Aber ihr war auch klar: Letzten Endes zählt allein der Winter.

          Und das Beste, was ihr nach all den Rückschlägen passieren konnte: Sie kam gesund durch die Vorbereitung. Aber dafür hat sie auch einiges getan. „Da steckt schon System dahinter“, sagte sie. „Ich habe mir einen Kreis aufgebaut zu Ärzten, zu denen ich Vertrauen habe, die mir guttun. Ich bin beim Osteopathen, mit dem ich auch viel reden kann. Diese ganzheitlichen Verfahren tun mir gut.“ Sie hat sich auch hin und wieder mal eine Auszeit genommen. „Manchmal ist es wichtig, das normale Leben zu sehen. Ich fahre immer heim zu meinen Eltern auf den Bauernhof. Meine Schwester hat drei Kinder, das tut mir immer wahnsinnig gut.“ Oder sie macht mit ihrem Vater Bergläufe. Sie hatte als Leichtathletin angefangen – 800 Meter. Bis sie vom Biathlon-Virus befallen wurde.

          Das Konzept ist aufgegangen. Ihre läuferischen Fortschritte im Vergleich zur vergangenen Saison sind bemerkenswert. „Aktuell stehen wir bei fast zwei Prozentpunkten, die sie sich im Vergleich zum letzten Jahr verbessert hat. Wenn man das als Trainer immer bei jedem Sportler alle Jahre schaffen würde, wären wir sehr erfreut“, sagt Florian Steirer, einer der beiden neuen Frauentrainer. „Man sieht es aber auch in der Loipe, wie sie sich bewegt, das ist richtig gut.“ Steirer hatte schon vor dem Coup vom Sonntag prophezeit: „Mit ein wenig Glück geht es ganz nach vorne. Das hat die Franzi allemal drauf.“ Aber dass es so schnell gehen würde, hatte der Coach wahrscheinlich auch nicht gedacht.

          Franziska Preuß beschlich schon länger das Gefühl, dass sie langsam wieder dahin kommt, wo sie schon einmal stand in dieser Saison. Beim Saisonauftakt in Pokljuka gelang ihr mit zwei neunten Plätzen die Qualifikation für die WM in Östersund, in Nove Mesto wurde sie Siebte. So etwas gibt zumindest Planungssicherheit. Dann aber kam der große Dämpfer in Oberhof. „Der Sprint war bei mir einfach ein Satz mit X, ein Ausrutscher. Das ist hoffentlich nicht mein Leistungsvermögen.“ Tags drauf zeigte sie wieder ihr wahres Niveau. Von Rang 45 auf Platz sechs in der Verfolgung – ein Riesensprung. Aber in diesem Rennen hatte sie nichts zu verlieren, spürte keinen Druck.

          Am Sonntag, als es um den Sieg ging, noch dazu vor dem tosenden Heimpublikum, war das eine ganz andere Nummer. Die Nervenprobe schlechthin. Sie hat sie bestanden. „Es ist ein unheimlich tolles Gefühl, wenn man wieder agieren kann, statt nur zu reagieren.“ Weil die Form stimmt. Und vermutlich ist eines noch viel schöner: Wenn endlich, nach vielen Jahre im Schatten, der Sprung ins Rampenlicht der große Bühne gelingt. Laura Dahlmeier stand oft dort. Sie wurde am Sonntag, noch immer geschwächt, mit sechs Fehlern Dreißigste, Letzte.

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