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Fall Steuer : Eiszeit

  • -Aktualisiert am

Endlich auf dem Eis: Aliona Sawtschenko und Robin Szolkowy Bild: REUTERS

Die deutschen Eiskunstläufer Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy wirken nach ihrer Ankunft in Turin gelöst, ihr Trainer Ingo Steuer angegriffen. Das NOK versucht noch immer zu verhindern, daß der frühere Stasi-Mitarbeiter am Samstag an der Bande steht.

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          Schritt für Schritt überwindet Aljona Sawtschenko ihr Schweigegelübde. Zwischen dem ersten Satz mit der eindeutigen Botschaft, "ich bitte um Verständnis, daß ich nichts sagen kann", und dem zweiten Satz liegen ein paar Treppenstufen. Die hüpft die Ukrainerin, die nun Deutsche ist, im Schlußsprung hinauf, ehe sie einem ihr bekannten Gesicht lächelnd ihren wiedergefundenen Glauben an die eigene Stärke anvertraut: "Ich bin optimistisch, auch wenn uns alle verrückt machen wollen."

          Die Europameisterschaftszweite im Paarlauf ist am Dienstag abend kurz vor Mitternacht in der diesjährigen olympischen Winterhauptstadt angekommen; am Mittwoch vormittag hat sie an der Seite ihres Chemnitzer Partners Robin Szolkowy erstmals den Fuß auf das Eis des Palavela gesetzt. Endlich in Turin, endlich auf dem Eis - die zierliche Sportlerin mit der sonnenblonden Mähne scheint den Moment zu genießen, an dem sie nach all den Tränen der vergangenen Tage mit ihrem wie sie ganz in Schwarz gekleideten sportlichen Lebensgefährten über ihr Element schwebt.

          Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy üben an diesem Mittwoch für Teil eins ihrer, so hoffen sie inständig, olympischen Gala: die am Samstag abend auf dem Programm stehende Kurzkür. Als das zur Zeit harmonischste Paar des internationalen Eiskunstlaufs eine erste Runde der Zweisamkeit noch ohne große Sprünge hinter sich hat, klatschen ein paar der wenigen Zuschauer in der silbern glänzenden Arena leise Beifall. Sawtschenko/Szolkowy hinterlassen unter den Augen einiger Preisrichter bei ihrem ersten vorolympischen Wettkampftraining einen sehr gelösten Eindruck.

          „Ingo sieht schlecht aus”, findet ein Kollege von Steuer

          „Bitte keine Fragen“

          Alles fließt, alles ist im Fluß. Das gilt auch für ihren Trainer Ingo Steuer, der in einer schwarzen Winterjacke und Jeans an der Bande steht und sein Paar gestenreich und damit wegweisend auf den ersten Runden zum Ziel Olympia begleitet. Steuer möchte "bitte keine Fragen" beantworten, aber nach dem Wettkampf über "alles" berichten, was ihn in diesen Tagen umtreibt und berührt. Der aus der verblichenen DDR stammende und dort als "IM Torsten" unauffällig, aber effektiv für die Staatssicherheit ermittelnde ehemalige Paarlauf-Weltmeister wirkt angegriffener als seine in Treue fest zu ihm haltenden Sportler. "Ingo sieht schlecht aus", sagt auch sein Trainerkollege Knut Schubert, der bei den Winterspielen das zweite deutsche Paar, Fitze/Rex, aushilfsweise betreut.

          Ersttrainerin Monika Scheibe, einst wie Steuer eine treue Stasi-Mitarbeiterin, ist anders als ihr vormaliger Meisterschüler lieber gleich zu Hause geblieben. Ingo Steuer aber hat sich auf dem Weg einer auch durch den Widerspruch des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) nicht aus der Welt geschafften einstweiligen Verfügung des Berliner Landgerichts sein Turin-Ticket erkämpft.

          Juristische Wende?

          Seit Mittwoch sind die Aussichten des 39 Jahre alten Sachsen noch besser geworden, seinem Paar über die Wettkampftage am Samstag und Montag erste Hilfe anbieten zu können. Beinahe gleichzeitig zum ersten Training der dreimaligen deutschen Meister Sawtschenko/Szolkowy verkündete NOK-Präsident Klaus Steinbach, daß seine Organisation, federführend für die olympischen Nominierungen, die Ad-hoc-Kommission des Internationalen Sportgerichtshofes (CAS) nicht anrufen werde.

          "Das CAS", sagte Steinbach, der noch tags zuvor mit dem Gang zur letzten Instanz der Sportgerichtsbarkeit geliebäugelt hatte, "ist ein Instrument für Fragen des Sports. Eine Entscheidung des CAS kann nicht die Entscheidung eines deutschen Gerichts aushebeln." Also hofft das NOK auf die juristische Wende in Deutschland. Es hat beim Berliner Kammergericht Einspruch gegen die Entscheidung des Landgerichts vom Montag eingelegt - und vertraut darauf, daß noch in dieser Woche, vielleicht am Freitag, verhandelt und abschließend entschieden wird. Gäbe das Kammergericht dem NOK und seiner Begründung, den olympischen Bronzemedaillengewinner von 1998 als Stasi-belasteten Trainer nicht noch einmal bei den Winterspielen mitmachen zu lassen, recht, es wäre ein Unglück für das auf seinen Eislauflehrer fixierte Paar. Dann nämlich müßte Ingo Steuer unmittelbar vor dem Wettkampfbeginn seine olympische Akkreditierung wieder abgeben und nach Hause verschwinden.

          Nicht ohne meinen Anwalt

          Der Trainer ahnt auch so, daß ihm die alten Geschichten und sein gegenwärtiges Handeln zum Durchsetzen seiner und seiner Sportler Interessen noch Ärger machen könnte. "Ingo war sehr reserviert, aber es gab einen ganz normalen Austausch auf der sportlichen Ebene", schildert Udo Dönsdorf, der Sportdirektor der Deutschen Eislauf-Union (DEU), die erste Begegnung der beiden auf olympischem Terrain zur Geisterstunde am frühen Mittwoch morgen. Dönsdorf ist wie DEU-Präsident Reinhard Mirmseker in letzter Zeit zu oft durch Wort und Tat von diesem Coach enttäuscht worden, der zuletzt auch Gespräche mit der Verbandsspitze im Beisein seines Rechtsbeistandes zu führen pflegte. Nicht ohne meinen Anwalt, dieser plakative Slogan, vermutet der Sportdirektor, gelte auch für die Steuer-Erklärungen von Turin.

          Der Trainer ist mit seinem Paar, wie es sich für diesen Sportkrimi gehört, am späten Dienstagabend vom Sicherheitsbeauftragten der deutschen Mannschaft, einem Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes, am Turiner Flughafen Caselle abgeholt worden. Steuer, selbst ein Sicherheitsbeauftragter der anderen Art gewesen, hoffte am Mittwoch, dem dreißigsten Gründungstag seines alten Nebenarbeitgebers, dem Staatssicherheitsdienst der DDR, auf ein glückliches Ende seines zähen Kampfes um eine Rückkehr in die olympische Arena. Rico Rex, Konkurrent und Freund des ins Zentrum der Neugier gerückten deutschen Traum- und Albtraumpaars, sieht die Sache nur sportlich und prophezeit: "Die beiden machen ihr Ding." So wie Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy am Mittwoch trainiert haben, könnte er recht behalten - vorausgesetzt, die Umstände verändern sich nicht mehr dramatisch.

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