https://www.faz.net/-gtl-y7jt

Eisschnelllauf : Pechstein ist tatsächlich wieder da

Fingerzeig für die Kritiker: Claudia Pechstein schafft nach zweijähriger Dopingsperre das Comeback Bild: dapd

Claudia Pechstein gibt ihr Comeback nach der Doping-Sperre und qualifiziert sich für den Eisschnelllauf-Weltcup. Ihr Blut war schon vor dem Start im Analyselabor eingetroffen.

          3 Min.

          Siebeneinhalb Runden lief sie am Samstag auf der Eisbahn von Erfurt, dann hatte Claudia Pechstein vollzogen, was sie bei Ablauf ihrer Dopingsperre am Dienstag schon angekündigt hatte: „Ich bin wieder da.“ Mit 4:10,05 Minuten über 3000 Meter blieb die 38 Jahre alte Berlinerin fast fünf Sekunden unter der Norm, die für die Qualifikation für den Eisschnelllauf-Weltcup gefordert ist. Später erfüllte sie in 2:01,22 Minuten auch über 1500 Meter die Norm. „Übermorgen geht’s nach Salt Lake City“, kündigte sie noch auf dem Eis an, und jeder der mehr als tausend Zuschauer, der das über die Lautsprecheranlage hörte, wusste, dass sie dort über 5000 Meter in der B-Gruppe siegen will, um sich für die Einzelstrecken-Weltmeisterschaft im März in Inzell zu qualifizieren. „Das ist der größte Sieg meiner Karriere, dass ich zurückgekommen bin“, sagte die fünfmalige Olympiasiegerin und sechsmalige Weltmeisterin. „Es war mein größtes Ziel, wieder dabei zu sein.“

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Schön, dass du wieder da bist“, hatten Fans auf ein Transparent geschrieben, das sie an der Gegengeraden ausbreiteten. Um ihnen Beine zu machen, hatte der Veranstalter trotz der prominenten Starterin bei seinem Nachwuchswettbewerb darauf verzichtet, Eintrittsgeld zu verlangen. Claudia Pechstein hatte der Lokalzeitung ihr einziges Interview dieser Tage gewährt und um breite Unterstützung geworben.

          „Mir ist auch klar, dass es in Deutschland ein paar Figuren gibt, bei denen die Schadenfreude groß wäre, wenn ich scheitern würde“, sagte sie der „Thüringer Allgemeinen“ nach ihrem Training in der Gunda-Niemann-Stirnemann-Halle von Erfurt am Freitag. „Das macht die Sache nicht leichter. Ich muss versuchen, locker zu bleiben und den Druck, der von außen aufgebaut wird, nicht an mich heranzulassen.“ Auf dem Eis sah die fünfmalige Olympiasiegerin so souverän aus wie vor ihrer Sperre von zwei Jahren.

          Jubel bei der Rückkehrerin: Claudia Pechstein in Erfurt

          Zweitschnellste Zeit einer Deutschen in dieser Saison

          Als allererste Läuferin des Wettkampftages ging sie am Mittag um ein Uhr mit der Startnummer vier aufs makellose Eis. Um auf keinen Fall allein laufen zu müssen, wie in den Wochen und Monaten ihres Trainings, hatte sie die Berliner Nachwuchsläuferin Bente Kraus mitgebracht. Der Veranstalter schickte nach eineinhalb Runden ein weiteres Paar auf die Bahn – dann war der Wettkampf über 3000 Meter auch schon vorüber. „Uns ist gelungen, was im Juli noch fast unmöglich schien“, sagte ihr 70 Jahre alter Trainer Joachim Franke, der für das Comeback aus dem Ruhestand zurückgekehrt war, erfreut. Die 4:10,05 Sekunden sind in diesem Jahr die zweitschnellste Zeit einer deutschen Läuferin auf dieser Strecke, und Claudia Pechstein wirkte nicht, als hätte sie besonders darum kämpfen müssen.

          Fast einhundert Journalisten hatten sich für die Veranstaltung akkreditiert, gut ein Dutzend Fernsehkameras waren auf die Athletin gerichtet, die in Erfurt um ihre Zukunft im Spitzensport rannte und sich hinterher so gut gelaunt wie selten präsentierte. Seit Dienstag gehörte sie zwar wieder der deutschen Nationalmannschaft an, Flug nach Amerika und Unterbringung beim Weltcup auf Kosten der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft hat sie sich aber erst am Samstag gesichert. Mit einem Erfolg in Salt Lake City will sie sich auch fürs Weltcup-Finale in Heerenveen und dort für die 3000 Meter in Inzell qualifizieren.

          Finanziell scheint es für Claudia Pechstein nach einem Marathon aus kostspieligen Gerichtsverfahren und medizinischen Gutachten wieder bergauf zu gehen. Für den Hintergrund ihrer Interviews hatte ihr Management eine Stellwand mit mehr als zwanzig Sponsorennamen aufgeschlagen.

          Blut schon bei der Analyse

          Sicherheit hatte sie schon vor dem Start verspürt. „Ganz ehrlich: Ich hatte kein Rundenkonzept“, verriet sie. „4:15 kann man angehen wie die Feuerwehr und schafft es am Ende immer noch.“ Im Übrigen fühle sie sich gar nicht so alt, wie sie sei. Tatsächlich zielt sie mit ihrem Comeback auf die Olympischen Spiele in Sotschi 2014, während deren sie 42 Jahre alt werden wird. International habe es auf der Langstrecke keinen großen Fortschritt gegeben, hat Trainer Franke analysiert. Hinter der überragenden Tschechin Martina Sablikova und der Erfurterin Stephanie Beckert werde seine Athletin mit guten Erfolgsaussichten um Position drei kämpfen.

          Noch vor der üblichen Doping-Kontrolle bat Claudia Pechstein am Samstagmorgen selbst zur Blutabnahme. Um über die Gutachten renommierter Hämatologen hinaus beweisen zu können, dass sie eine Kugelzellenanämie habe, worauf die schwankenden Retikulozytenwerte zurückzuführen seien, lässt sie nun regelmäßig und freiwillig Blutkontrollen vornehmen. Als Claudia Pechstein am Samstag zum Comeback antrat, war ihr Blut schon zur Analyse in Berlin eingetroffen.

          Weitere Themen

          Klopps Mann fürs Grobe

          Liverpool-Kapitän Henderson : Klopps Mann fürs Grobe

          Auf jeden Bewunderer kommt bei Jordan Henderson ein Zweifler. Doch Jürgen Klopp setzt bedingungslos auf seinen Kapitän. Zu Recht – denn Hendersons Stärken werden oft verkannt.

          Topmeldungen

          Hat nach dem Diesel-Urteil von Kassel was zu knabbern: Frankfurts Verkehrsdezernent Oesterling (links)

          Streit um Diesel-Fahrverbote : Letzte Mahnung für Frankfurt

          Im Streit um Diesel-Fahrverbote kann sich die Stadt Frankfurt bewähren. Angesichts des endlosen Wirrwarrs könnte man das Vertrauen in einen Staat verlieren, der erst gar nicht und dann sehr zäh auf den Dieselskandal reagierte.
          Wer sich Bildungsurlaub in den Kalender schreiben will, muss einiges beachten, bevor es losgehen kann.

          Die Karrierefrage : Lohnt sich Bildungsurlaub?

          Was haben Social-Media-Training und Klangmeditationen gemeinsam? Für beides gibt es eine ganze Woche frei. Bloß: die Regeln sind schwer zu durchschauen.

          Roxette-Sängerin Fredriksson : Die bessere Hälfte

          Es ist eine seltene musikalische Gabe, heftige Gefühle zu verstärken und gleichzeitig ein wenig über sie hinwegzuhelfen: Zum Tod der begnadeten Marie Fredriksson.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.