https://www.faz.net/-gtl-11mun

Eisschnelllauf-Klassiker : Trotz Eiseskälte: Elfstedentocht fällt ins Schmelzwasser

Durch Grachten vorbei an Windmühlen: Das Elfstedentocht ist der Eischnelllauf-Klassiker Bild:

Ganz Europa friert, aber für einen Eisschnelllaufklassiker war es trotz Eiseskälte immer noch nicht kalt genug: Das Elfstedentocht fällt auch im hundertsten Jahr seines Bestehens ins Schmelzwasser. Die Eisschicht auf den 200 Kilometern durch niederländische Grachten ist nicht dick genug.

          Letzte Woche lief Jacob Brandsma seinen privaten Elfstedentocht. Die Zeitungen berichteten über den „waghals van De Hommerts“, der den berühmtesten Eisschnelllaufwettbewerb der Welt startete, obwohl das Eis noch nicht dafür taugte. Nach zwei von zweihundert Kilometern kam der erste Einbruch. Brandsma fand sich im Grachtwasser wieder.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Er setzte die Tour erst mal bibbernd am Ufer fort. Mit trockenen Sachen ging es dann weiter, auf dünnem Eis oder dort, wo es zu brüchig schien, mit Kufen an Land; teilweise auch auf dem vom Bruder mitgeführten Mountainbike.

          Vor hundert Jahren waren es 23 Friesen

          Einmal verfuhr sich Brandsma damit auf eine Schnellstraße und bekam von der Polizei ein Strafmandat. Nach über 18 Stunden auf der historischen Strecke kam der 50-jährige Friese kurz vor Mitternacht wieder in Leeuwarden an. Und hatte eine neue, zeitgemäße Form des Elfstedentocht erfunden: den Eis-Triathlon. Die Niederländer stritten, ob sie Brandsma für Mut bejubeln oder für Dummheit beschimpfen sollten. Die Bewunderung überwog wohl. Er hatte getan, wovon Millionen Landsleute wieder nur träumen durften.

          Ein Weg durchs Eis: 200 Kilometer in der Kälte

          Vor hundert Jahren waren 23 Friesen, hölzerne Platten mit eisernen Kufen unter die Schuhe geschnallt, auf den ersten Elfstedentocht gegangen – das Rennen über gefrorene Grachten, Tümpel, Wiesen, das die elf (heute zwölf) westfriesischen Orte mit Stadtrecht verbindet. Hoffnung keimte auf, als das Jubiläumsjahr 2009 so eiskalt begann wie ein guter Genever. An den letzten beiden Wochenenden wagten sich zahlreiche „Schaatser“ aufs Eis, boten vor Windmühlen und weißen Baumwipfeln Bilder wie von Breughel. Doch die Voraussetzungen für durchgängig fünfzehn Zentimeter dickes Eis auf der 200-Kilometer-Runde – mindestens zwei Wochen strenger Frost – wollten sich nicht einstellen. Alle Hoffnung schmolz mit dem Tauwetter dieser Woche dahin.

          Kommt er überhaupt noch einmal?

          „Wahrscheinlich ging jedem Niederländer in den letzten Wochen mindestens einmal das Wort durch den Kopf: Elfstedentocht“, schrieb der „Telegraaf“. Ein Land im Banne der bangen Frage: „Kommt er oder kommt er nicht?“ Und in dem der noch bangeren, unausgesprochenen: Kommt er überhaupt noch einmal? Die Erderwärmung ist nicht der Freund des Eisläufers. Fünfzehnmal in hundert Jahren, im Durchschnitt alle sechs bis sieben Jahre, gab es die nötige Kälte für das Rennen – seit 1986 allerdings nur noch ein einziges Mal, 1997, und da schon mit „Eistransplantationen“ der Feuerwehr, die zu weiche oder dünne Stücke aussägte und durch tragfähige Blöcke ersetzte.

          Im 21. Jahrhundert, so haben Wissenschaftler berechnet, werde das Rennen durch den Klimawandel nur noch durchschnittlich alle 18 Jahre stattfinden können. Die nationale Umweltagentur ist noch viel pessimistischer: nur noch alle 182 Jahre. „Sie können alles Mögliche berechnen“, sagt trotzig Wiebe Wieling, der Vorsitzende der Vereinigung „De Friesche Elf Steden“. Er findet: „Alle soundsoviel Jahre“ könne auch „morgen“ bedeuten. „Wir werden jedenfalls bereit sein.“

          Der Sieger erhält unsterblichen Ruhm

          Die Vereinigung gründete sich vor genau hundert Jahren, am 15. Januar 1909, um die vom Eislaufverband gestartete Erstauflage nicht zur Eintagsfliege werden zu lassen. Das gelang ihr – und mehr: Sie schuf einen nationalen Mythos. Die Friesentour gebar Heldengeschichten wie eine Tour de France auf Eis. Vor allem die vom 18. Februar 1963, die „Hölle des Nordens“, als von über 10.000 Läufern nur 69 ins Ziel kamen, fast erfroren bei bald zwanzig Grad unter null mit peitschend eisigem Ostwind, beinahe ohne Orientierung im einsetzenden Schneesturm. Der Sieger, Reinier Paping, der hundert Kilometer solo gelaufen war, bekam als Prämie zwei Jahreskarten für die Eisbahn in Deventer, eine silberne Zigarettendose, einen Zehnguldenschein von einem unbekannten Gönner – und unsterblichen Ruhm.

          Weitere Themen

          „Was zur Hölle?!“

          Freudentränen nach DTM-Sieg : „Was zur Hölle?!“

          René Rast hat sich bereits vorzeitig seinen zweiten Titel im Deutschen Tourenwagen-Masters gesichert. Und das, obwohl der Audi-Pilot im zweiten Rennen gar nicht auf dem ersten Platz gelandet ist.

          Topmeldungen

          Braunkohlekraftwerk Jänschwalde hinter dem ehemaligen Braunkohletagebau Cottbus-Nord

          Details des Klimapakets : Wer hat’s erfunden?

          Kommenden Freitag soll das Klimapaket beschlossen werden. Um die entscheidenden Details wird bis zuletzt gerungen: Offen ist vor allem die Frage, wie viel die Tonne CO2 kosten soll.
          Der frühere türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu trat am Freitag mit fünf anderen Politikern aus der AKP aus.

          Austritte aus der AKP : Rebellion gegen Erdogan

          Einige prominente Politiker sind aus der türkischen Regierungspartei AKP ausgetreten, um ihre eigenen Bewegungen zu gründen. Für den türkischen Präsidenten Erdogan könnte es eng werden.
          Schild vor dem Trump Hotel in Washington, 21. Dezember 2016

          Klage von Hoteliers : Hat Donald Trump die Verfassung gebrochen?

          Trump schädige ihr Geschäft, indem er Diplomaten nötige, in seinen Hotels abzusteigen, monieren Gaststättenbetreiber. Damit haben sie vor einem New Yorker Gericht einen Etappensieg errungen. Nun könnte der Surpreme Court den Fall an sich ziehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.