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Eisschnellauf : Meistertrainer, CSU-Stadtrat und Ersatzvater für Anni Friesinger

Die Schinderei mit Trainer Markus Eicher hat sich für Anni Friesinger gelohnt Bild: dpa

Anni Friesinger hat auf dem Eisen einen Mann immer in ihrer Nähe: Markus Eicher stets in ihrer Nähe auf. Eicher, der im April 50 Jahre alt wird, ist viel mehr als nur der Trainer für die Inzellerin, deren Vater früh gestorben ist.

          3 Min.

          Wenn Anni Friesinger läuft, hält sich Markus Eicher stets in ihrer Nähe auf. Er steht dann mit Schlittschuhen am Rande der Eisbahn, er gestikuliert, spornt an, signalisiert Rundenzeiten. Er ist in diesem Fall ihr Fixpunkt, und so wird es nun auch an diesem Wochenende in Heerenveen in den Niederlanden sein, bei den Europameisterschaften der Eisschnelläufer im Mehrkampf. Daß Anni Friesinger dort als aussichtsreichste Kandidatin auf den Titel gilt, ist keine Frage. Dreimal hat die Inzellerin diesen kontinentalen Wettbewerb schon gewonnen, und Eicher sagt in bestimmtem Ton, daß es "fast ein Muß" sei, wieder zu siegen. Das soll schließlich beflügelnd wirken für die nächsten schweren Aufgaben in dieser Saison.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Eicher hat trotz seiner ständigen Präsenz und seines großen Engagements in gewisser Hinsicht einen ruhigen Job: Er wird, wie viele andere Trainer im Eisschnellauf, von der Allgemeinheit kaum wahrgenommen. Diese Art von Schattendasein stört ihn nicht, im Gegenteil. "Das ist eine gute Geschichte", betont Eicher, der ohnehin ein zurückhaltender Typ ist. Lieber, sagt er, lasse er "die Leistung der Sportler sprechen". Den weithin unbekannten Inzeller einfach nur als sportlichen Betreuer einer der herausragenden deutschen Eisschnelläuferinnen zu bezeichnen, das würde seiner Rolle nicht gerecht werden. Eicher, der im April 50 Jahre alt wird, ist viel mehr für Anni Friesinger, deren Vater früh gestorben ist. Er war früher so etwas wie ein Ersatz für ihn, wie Eicher selbst sagt, inzwischen betrachtet er sich mehr als "älteren Freund". Die 26 Jahre alte Athletin und er reden nicht nur über Bewegungsabläufe auf dem Eis, über sportliche Perspektiven, sie diskutieren auch private Angelegenheiten. "Ich habe sie in vielen Sachen beraten", sagt Eicher. Und manchmal versucht er die impulsive Läuferin auch zu bremsen, ausgleichend auf die bisweilen hitzköpfige Anni Friesinger zu wirken. Sie nimmt an, was er sagt, und so funktioniert dieses Duo aus dem bayerischen Örtchen Inzell schon seit fast 15 Jahren. Nur als das "Zicken-Duell" zwischen Anni Friesinger und der Berlinerin Claudia Pechstein entbrannte, als erbitterte Wortgefechte die Welt des deutschen Eisschnellaufs beherrschten, stieß auch Eicher an Grenzen. Erfolglos bemühte er sich zu schlichten, "das war nicht aufzuhalten". So soll es nie wieder werden, sagt Eicher, notfalls will er künftig "Vorsichtsmaßnahmen einbauen", zum Beispiel vor den Olympischen Winterspielen 2006.

          Eicher, der Mitte der siebziger Jahre selbst deutscher Mehrkampf-Meister war und sich später zum Schwimm-Meister ausbilden ließ, verhehlt auch nicht, schon einmal "amtsmüde" gewesen zu sein. Er wollte nicht mehr dauernd unterwegs sein, der Familie, seinen drei Söhnen mehr Zeit widmen. Doch seinen Vorschlag, sich zurückzuziehen, einen personellen Wechsel vorzunehmen, lehnte Anni Friesinger empört ab. "Da war sie ganz entsetzt", sagt Eicher, der demnächst auch noch für die CSU in den Inzeller Gemeinderat einziehen wird. Er hat sich also entschieden weiterzumachen, die "extrem lange Beziehung" aufrechtzuerhalten auf Wunsch der starken Frau an seiner Seite. Immer wieder denkt Eicher darüber nach, wie er neue Reize setzen kann, um im Alltag keine Monotonie aufkommen zu lassen. So wurde die "Gruppe Inzell" erweitert, die inzwischen acht Läufer umfaßt - unter anderen Anni Friesingers Bruder Jan, der ebenfalls in Heerenveen startet. Dieses Miteinander soll Abwechslung garantieren, genauso wie ein öffentlicher Übungsbetrieb in Inzell unter Anteilnahme von Touristen. Das hatte sich Eicher im vergangenen Jahr einfallen lassen - mit dem Nebeneffekt, daß damit auch für Inzell ein bißchen Werbung gemacht wurde.

          Anni Friesinger, die nach Salzburg gezogen ist, weil sie den Trubel in ihrer Heimat nicht mehr ertragen wollte, wird mit Eicher Turin ansteuern; das steht fest. Und Eicher ist überzeugt, daß seine beste Kraft als Läuferin noch längst nicht ausgereift ist. "Sie hat noch genug Reserven." Er sieht vor allem Entwicklungsmöglichkeiten im Sprint, Anni Friesinger soll auch an Kraft zulegen, das will Eicher "vorsichtig probieren" in den kommenden Jahren. Dann könnte sie noch zügiger über das Eis gleiten, "dynamisch wie ein Mann". Manchmal schafft Anni Friesinger das bereits, mit Genugtuung weist Eicher darauf hin. Auch einige "perfekte Rennen" hat er schon von ihr erlebt - Momente des höchsten Genusses natürlich auch für ihn. Und Augenblicke, die Eicher verdeutlichen dürften, wie sehr es sich lohnt, der Eisschnelläuferin Anni Friesinger treu zu bleiben.

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