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Eisschnellauf-EM : Holländische Feiertage mit Rückschlag

  • -Aktualisiert am

Konzentriert auf der Eisbahn: Anni Friesinger Bild: dpa/dpaweb

Anni Friesinger hat bei der Mehrkampf-EM ihren vierten Titel gewonnen. Trotz des Erfolges lief nicht alles nach Plan. Die deutsche Eisschnelläuferin mußte erkennen, daß die Konkurrenz aufgeholt hat.

          3 Min.

          Es sind angenehme Tage gewesen in Heerenveen, vor allem natürlich für Anni Friesinger. Sie genoß das niederländische Intermezzo aber nicht nur wegen des sportlichen Gipfelsturms. Die Inzellerin, die am Sonntag zum vierten Mal Europameisterin im Mehrkampf wurde, fühlte sich fast wie zu Hause in der Thialf-Halle, wo sie stets ein gerngesehener Gast ist. Ihr fliegen dort die Herzen zu - und manchmal auch Plüschtiere.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          "Ich inhaliere die Stimmung", sagte Anni Friesinger schwärmerisch, und sie betonte, aus der tiefen Zuneigung des Publikums "ganz viel Kraft" zu ziehen. Daß die deutsche Eisschnelläuferin in Heerenveen beinahe wie eine Einheimische angenommen wird, mag auch daran liegen, daß sie des Niederländischen mächtig ist. Mancher Reporter aus Deutschland hat sie nun auch dazu animiert, etwas in holländischer Sprache zu sagen - geduldig ließ Anni Friesinger auch diese Art von Interviews über sich ergehen.

          „Leben im Geschäft bei den Damen"

          Für die Inzellerin, die am Sonntag 27 Jahre alt wurde, beinhaltete das Wochenende aber auch manche Überraschung. Trotz des Erfolges lief nicht alles nach Plan für Anni Friesinger, zum Beispiel das Rennen am Samstag über 1.500 Meter, ihre "Zuckerstrecke", wie sie sagt. Sie mußte erkennen, daß die Konkurrenz aufgeholt hat - jedenfalls war Anni Friesinger "nur" Zweitschnellste hinter der Niederländerin Renate Groenewold. Und ihre deutsche Rivalin Claudia Pechstein aus Berlin hatte über 1.500 Meter nur einen geringen Rückstand auf die Inzellerin.

          "Das bringt Leben ins Geschäft bei den Damen", beschrieb Joachim Franke, Trainer von Claudia Pechstein, danach die Situation. Sein bayerischer Kollege Markus Eicher, der Mann an der Seite von Anni Friesinger, räumte ein, daß der kleine Rückschlag seine beste Läuferin mächtig gewurmt hatte. "Sie war sehr enttäuscht", sagte Eicher, der Anni Friesinger nach dem unerwarteten Ergebnis nur raten konnte: "Du mußt cool bleiben." Das gelang offensichtlich, denn wenig später konterte Anni Friesinger eindrucksvoll. Zwar wurde sie über 3.000 Meter wieder von einer Niederländerin, von Gretha Smit, geschlagen - doch mit 4:08,28 Minuten hielt sie Renate Groenewold (4:08,45) und auch Claudia Pechstein (4:09,37), die sie im direkten Duell bezwang, auf Distanz.

          Das macht einen Champion aus

          Damit erarbeitete sich die Inzellerin einen Vorsprung von fast zehn Sekunden vor der Entscheidung am Sonntag, wo sie als Dritte über 5.000 Meter vor 13.000 Zuschauern und auf dampfendem Eis die EM-Führung verteidigte; Anni Friesinger siegte schließlich vor Claudia Pechstein, die sagte, "total happy" zu sein, und Renate Groenewold.

          Wie sich die Inzellerin im Lauf über drei Kilometer in Szene gesetzt, wie sie sich gegen ihre schärfsten Widersacherinnen gewehrt hatte, stieß auch bei Helmut Kraus auf großen Respekt. Der Cheftrainer der deutschen Eisschnellauf-Gemeinschaft (DESG) nannte den Auftritt "wahnsinnig stark". Das, sagte Kraus, mache einen Champion aus.

          Überfordert sich Anni Friesinger?

          Doch Heerenveen war für Anni Friesinger nur der erste von mehreren Belastungstests. Die Läuferin aus Bayern will sich in dieser Saison noch bei drei Weltmeisterschaften beweisen: bei der WM der Sprinter in Nagano, bei der WM der Mehrkämpfer in Hamar und bei der Einzelstrecken-WM in Seoul. Das ist selbst für eine Protagonistin des Eisschnellaufs ein ungewöhnlich dichtes Programm. Und mancher äußert Skepsis, ob dies der richtige Weg sei für Anni Friesinger.

          "Sie hat sich auf alle Fälle viel vorgenommen", sagte Kraus, "wir hoffen, daß wir das hinkriegen." Auf die Frage, ob es sich um eine vernünftige Planung handele, antwortete Kraus: "Das ist sehr schwer zu sagen." An diesem Montag bereits tritt Anni Friesinger die Reise nach Nagano an. "Japan wird kein Streß werden", behauptete Eicher, und er fügte hinzu: "Auch wenn es nicht so gut geht, war es einen Versuch wert."

          Dissonanzen im deutschen Verband

          Anni Friesinger wird tatsächlich zugetraut, auch im Sprint einen Rang mit Auszeichnung zu belegen - ihr geht es angeblich allerdings in Fernost auch darum, mit den kürzeren Distanzen, mit den höheren Geschwindigkeiten vertrauter zu werden und dabei ihre Kurventechnik zu verbessern. "Ich kann in Nagano sehr gut üben", sagte sie. Eicher wird die Inzellerin auch in Japan betreuen, doch es gab darum Dissonanzen im deutschen Verband, da Eicher im allgemeinen nicht für den Sprint zuständig ist. "Wir können den Damen nicht alle Wünsche erfüllen", sagte Kraus zu der heiklen Angelegenheit. Eicher soll, so sieht es eine vorläufige Regelung vor, die Kosten für seinen Aufenthalt in Japan an die DESG zurückerstatten - falls Anni Friesinger in Nagano keine Medaille gewinnen sollte. Der Inzellerin war der Unmut darüber anzumerken, dazu Stellung nehmen mochte sie in Heerenveen jedoch nicht.

          Am Sonntag wurde die "Affäre" ohnehin überlagert durch den sportlichen Triumph und durch ihren Geburtstag. Ein Geschenk gibt Anni Friesinger Anlaß, zumindest auch noch einmal mit Freude in die Luft zu gehen: Von Eicher erhielt sie eine Fahrt mit einem Heißluftballon.

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