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Eislaufpaar Savchenko/Szolkowy Weltmeister : Einsame Kunst im eisigen Reich

  • -Aktualisiert am

Nur auf der ureigenen Bühne haben sich Savchenko/Szolkowy bisher einen Namen gemacht - dabei beherrscht kein Paar die Kunst auf dem Eis so gut wie sie Bild: REUTERS

Mit einer hinreißenden und zauberhaften Kür haben Aljona Savchenko und Robin Szolkowy den Weltmeistertitel im Paarlauf verteidigt. Das gelang zuletzt Kilius/Bäumler. Doch anders als die Wirtschaftswunderstars ist die Vermarktung der Chemnitzer nicht der Rede wert - der Eiskunstlauf verharrt in der Aschenputtelecke.

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          Die Website der Deutschen Eislauf-Union (DEU) hatte auch Stunden danach nichts Neues zu vermelden. Dabei waren es doch höchst erfreuliche Nachrichten, die der mindestens in diesem Fall verschlafene Verband längst hätte verkünden müssen. In Los Angeles hatten Aljona Savchenko und Robin Szolkowy ihren Titel verteidigt und die Paarlaufweltmeisterschaft gewonnen. Und wie! Einfach hinreißend, einfach zauberhaft, einfach schön hatten die beiden Chemnitzer eine Kür aufs Eis gemalt, die das Publikum im Staples Center zu Jubelstürmen hinriss. Weil in Deutschland zur selben Zeit früher Morgen war, übertrug die ARD das Kufenspektakel mit zwei Deutschen in der strahlenden Hauptrolle ausnahmsweise live, und alle, voran die sächsische Kunstlauf-Ikone Katarina Witt, waren sich einig: „Sie sind in ihrer eigenen Liga“, urteilte die zweimalige Olympiasiegerin über das Paar, das in seinem Element alle Elemente beherrscht und, wichtiger noch, die Menschen berührt und Herzen erobert.

          Die Vermarktung des Weltmeisterpaars ist nicht der Rede wert

          Den WM-Paarlauftitel zu verteidigen schafften aus deutscher Sicht vor Savchenko/Szolkowy zuletzt Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler 1964. Die zwei waren zu ihrer Zeit massenhaft gefeierte Sportler mit Starappeal. Wirtschaftswunderkinder eben, die zu „Eisprinzen“ und „Eisprinzessinnen“ geadelt wurden. Savchenko/Szolkowy aber haben sich bisher nur auf ihrer ureigenen Bühne einen großen Namen gemacht. Die beiden verlassen ihr eisiges Reich viel zu selten - und können deshalb kein Kapital aus ihrer Kunst schlagen.

          Jubelstürme im Staples Center: die Chemnitzer liefen hinreißend
          Jubelstürme im Staples Center: die Chemnitzer liefen hinreißend : Bild: REUTERS

          Ihre Vermarktung ist nicht der Rede wert, von einem Hauptsponsor war auch vor der Zeit der großen Wirtschaftskrise nichts zu sehen. Das hat mit Ingo Steuer, ihrem Trainer, zu tun. Der Chemnitzer ist fachlich eine Koryphäe, doch ein PR-Fachmann und Öffentlichkeitsarbeiter ist er nicht. Mit seinem erst in letzter Zeit etwas aufgeweichten Alleinvertretungsanspruch hat der Paarlauf-Weltmeister von 1997 manchen Weg und manche Tür versperrt, die sich andernfalls für Savchenko/Szolkowy geöffnet hätten.

          Steuer ist den Stasi-Schatten nicht los geworden

          Was die Zwei dazu um einen höheren Lohn für ihre exquisite Kunst gebracht hat, sind negative Schlagzeilen um sie herum. Ihr Eislauflehrer wurde vor den Olympischen Winterspielen 2006 als früherer Stasigeselle enttarnt - und ist diesen Schatten auf seiner Vita bis heute nicht los geworden. Ob ihn der Deutsche Olympische Sportbund vier Jahre danach für das Winterfest 2010 in Vancouver im Einvernehmen mit dem Bundesinnenministerium nominiert, ist die spannende Frage.

          Vielleicht sendet bis dahin auch die DEU wieder ein paar lichte Signale. Derzeit wird sie von den Verbandssanierern Dieter Hillebrand und Uwe Harnos geführt, zwei Männern des Eishockeys, die sich bei Kunstlauf-Veranstaltungen wie auch jetzt in Los Angeles in der Regel nicht blicken lassen. Dort fehlt auch der Sportdirektor Udo Dönsdorf, der sich daheim mit einer drei Jahre alten Affäre herumschlägt, in der ihm ein Eistänzer einen Fall von sexueller Belästigung vorhält.

          Showsport in der Aschenputtelecke

          Diese eher schmuddlig anmutende Geschichte belastet seit neuestem diese immer wieder auch skandalträchtige Sportart. Wenn die Paarlauf-Majestäten Savchenko/Szolkowy demnächst wieder nach Chemnitz zurückkehren, hat sie die deutsche Kunstlaufprovinz wieder - und noch ist nirgends jemand zu sehen, der diesen Showsport par excellence mit Persönlichkeit, Charakter und Charisma aus seiner Aschenputtelecke befreite. „Ich wünsche Aljona und Robin, dass sie ihren verdienten Starstatus bekommen“, hat Katarina Witt am Donnerstagmorgen gesagt. Wünschen ist nicht glauben, und deshalb kann, was eigentlich sein sollte, wieder einmal pure Illusion gewesen sein.

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