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Eiskunstlauf-WM in Göteborg : Mit blanken Nerven zum größten Triumph

  • -Aktualisiert am

„Wir haben eher wie Erwachsene gefeiert”: Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy Bild: dpa

Sie kamen ohne Tränen der Begeisterung aus, doch deswegen war ihr erster WM-Titel im Eiskunstlauf nicht minder emotional. Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy sicherten sich in Göteborg Gold. Dabei hatte alles nicht nach Plan begonnen.

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          Sie haben sich nicht frenetisch umarmt wie Gesangsgruppen, die gerade den Eurovision Song Contest gewonnen haben. Sie sind auch im Augenblick ihres bisher größten Sieges nicht zum Jubelpaar, außer sich vor Freude, geworden. Mit ihrem Trainer Ingo Steuer fingen Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy gerade erst wieder an zu reden, nachdem der sie einen Tag lang demonstrativ mit Missachtung gestraft hatte.

          Wie sie da in der sogenannten Kiss-and-Cry-Ecke saßen, wo Tränen der Begeisterung und Tränen der Enttäuschung zu fließen pflegen, blieben sich die beiden Chemnitzer Paarläufer und ihr Eislauflehrer am späten Mittwochabend im Scandinavium zu Göteborg treu. Sie umarmten sich kurz und genossen danach leise den Gewinn ihres ersten Weltmeistertitels im Eiskunstlauf.

          „Hier hätte am Ende alles umsonst sein können“

          „Wir sind da nicht so herumgehoppelt“, beschrieb Szolkowy den Moment, da das Paar seinen Triumph vor den Chinesen Zhang/Zhang und den Kanadiern Dube/Davison schriftlich hatte, „wir haben eher wie Erwachsene gefeiert.“ Dabei war der 24 Jahre alten blonden Dynamikerin Sawtschenko, die in Kiew geboren wurde und seit dem Dezember 2005 Deutsche ist, die Erleichterung ebenso unschwer anzusehen wie ihrem 28 Jahre alten Partner mit tansanischen Familienwurzeln.

          Erhebendes Gefühl nach schwerer Kritik
          Erhebendes Gefühl nach schwerer Kritik : Bild: dpa

          Geradezu erschöpft sah neben den beiden der Trainer aus, der 1997 selbst an der Seite von Mandy Wötzel Paarlauf-Weltmeister geworden war. Steuer hatte noch am Abend zuvor auf Risiko gesetzt und seinem Paar die kalte Schulter gezeigt, nachdem Sawtschenko/Szolkowy im Kurzprogramm zweimal gepatzt hatten und am Ende nur Zweite hinter Zhang/Zhang gewesen waren. „Ich war noch nie der sanfte Typ“, sagte Steuer nach einem Tag der Sprachlosigkeit, „hier hätte am Ende alles umsonst sein können, und das sollten die beiden rechtzeitig spüren.“

          Steuer jetzt wie Beckenbauer und Heiner Brand

          Das Ergebnis und nichts anderes gab Ingo Steuer recht, der sich nach der Kurzkür beleidigt auf sein Zimmer zurückgezogen hatte und auch beim Abschlusstraining am frühen Morgen danach noch nicht wieder aufgetaut war. Doch die eisige Atmosphäre legte sich wie so oft rechtzeitig in der Chemnitzer Kufen-Gemeinschaft, die ihren Weg oft streitig sucht, in der Steuer und Sawtschenko keiner Auseinandersetzung aus dem Wege gehen und Szolkowy als ruhender Pol wertvolle Vermittlerdienste leistet.

          „Letztendlich geht es um den Erfolg“, sagt der 41 Jahre alte Sachse, der nun wie die ungleich populäreren Franz Beckenbauer im Fußball und Heiner Brand im Handball als Sportler und Trainer Weltmeistertitel miteroberte.

          „Ich bin immer bestrebt, meinem Paar zu helfen“

          Steuer, der wegen seiner Stasi-Vergangenheit und seines Dauerzoffs mit der Deutschen Eislauf-Union (DEU) als schwieriger Typ gilt, gab sich in der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag bei einer kleinen Siegesfeier der DEU ohne das in Göteborg komplett fehlende Präsidium wieder so entspannt und freundlich wie er am Sonntag mit seinem bestens vorbereiteten Paar in Göteborg angekommen war.

          „Ich bin immer bestrebt, meinem Paar zu helfen“, sagte er, „und letztendlich ist mir das auch stets gelungen.“ Selbstzweifel lässt der Trainer Steuer nicht zu. Mensch, Ingo, sagt er sich indes schon mal selbstkritisch, wenn er wieder eine seiner undiplomatischen, unverblümten Meinungen über andere preisgibt. Immerhin räumte er, als alles gutgegangen war, ein, dass er nicht „damit gerechnet hatte“, dass sein Paar mit Patzern in die zwei WM-Wettkampftage starten würde.

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