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Eiskunstlauf-WM : Die Eisbrecherin

  • -Aktualisiert am

Michelle Kwan - Favoritin in Dortmund Bild: AFP

Fünf Weltmeistertitel hat die amerikanische Eiskunstläuferin Michelle Kwan bereits gewonnen. In Dortmund hofft sie auf den sechsten und denkt schon laut über die Olympischen Winterspiele in Turin nach.

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          Achtung, sie kommt! Wie auf Kommando surren die Motoren und klicken die Verschlüsse zahlreicher Kameras, als sie endlich erscheint. Michelle Kwan, der Goldstern des internationalen Eiskunstlaufs, hält im Silbersaal der Dortmunder Westfalenhalle hof. Huldvoll lächelnd nimmt die dunkelhaarige Schönheit ebendort Platz, wohin sie am Samstag noch einmal zurückkehren möchte: auf dem Stuhl, der für die Weltmeisterin reserviert ist. Die 23 Jahre alte Kalifornierin hat sich vor ihrem ersten WM-Auftritt an diesem Mittwoch in der Qualifikation ein Viertelstündchen Zeit genommen, Fragen so unverbindlich-freundlich zu beantworten, wie das bei weitgereisten Weltstars des Sports üblich geworden ist.

          Hauptsache, sie ist da, denkt wohl so mancher derjenigen, die ihr an diesem Nachmittag am Ende der kurzen Fotosession buchstäblich zu Füßen liegen. Michelle Kwan steht auch in Dortmund ein Heimspiel wie überall bevor, wo die fünfmalige Weltmeisterin ihren großen Auftritt hat. Weil die Tochter chinesischer Eltern von klein auf gelernt hat, höflich zu ihren Mitmenschen zu sein, hat sie angeblich auch schon "viel über Dortmund gelesen" und findet die nicht auf allen Sightseeing-Landkarten hell umrandete Industriestadt im derzeit meistens verregneten Ruhrgebiet natürlich "very exciting". Mit anderen Worten: Die in Manhattan Beach, im Großraum von Los Angeles, lebende Millionärin schließt einen kurzen Einkaufsbummel in good old Germany nicht aus.

          „Ich liebe den Wettkampf“

          Der globale Fixpunkt aber ist für eine der Ikonen des amerikanischen Sports das Element, von dem Michelle Kwan nicht loskommt. Dabei ist sie vor allem am Eigentlichen und weniger an den Umständen interessiert. Jedenfalls tat Michelle Kwan in Dortmund ganz überrascht, als sie, die bei den amerikanischen Meisterschaften in Atlanta siebenmal mit der Höchstnote 6,0 ausgezeichnet worden war, von der bevorstehenden Einführung eines neuen Wertungssystems hörte: "Ist es wirklich so? Ich mache mir da keine großen Gedanken." Muß sie vielleicht auch nicht, denn noch ist sie, ob nach Noten oder Punkten, immer da oben, wo sie federleicht über das Eis schwebt.

          „very exiting” findet es Michelle Kwan in Dortmund
          „very exiting” findet es Michelle Kwan in Dortmund : Bild: AP

          "Die Leute wundern sich und wollen wissen, warum ich noch nicht zu den Profishowläufern gewechselt bin", hat die seit elf Jahren um die großen Titel ihrer Welt mitlaufende Amerikanerin neulich gesagt. "Darauf kann ich nur antworten: Ich bin sehr ehrgeizig und liebe den Wettkampf." Daß sie zu allem entschlossen sein kann, ist der sanft anmutenden jungen Frau kaum anzumerken. Dabei hat sie vier Monate vor den Olympischen Winterspielen 2002 den amerikanischen Startrainer Frank Carroll nach zehnjähriger Zusammenarbeit ohne große Worte gefeuert und sich in Salt Lake City selbst betreut. Im vergangenen Herbst trennte sich Michelle Kwan auch von Carrolls Kurzzeit-Nachfolger Scott Williams; nun darf der Russe Rafael Arutunian sein Glück bei der Frau, die in ihrem Metier einsame Spitze ist, versuchen. "Er ist ein Genie", hat Michelle Kwan bei ihrer Dortmunder Pressekonferenz behauptet.

          Kwan läuft weiter, immer weiter

          Arutunian gilt als ein Techniker des Eislaufs. Während seine Chefin in Jeans und schwarzem Oberteil mit Flatterärmeln auf der Bühne des Silbersaals ihren Charme spielen ließ, bog der gebürtige Armenier die Schlittschuhe der Frau passend zurecht. Schließlich will die eleganteste, anmutigste, effektsicherste und faszinierendste Läuferin weit und breit in Dortmund ihre Landsfrau Carol Heiss übertreffen, die wie Michelle Kwan fünfmal Weltmeisterin wurde. Dann wäre die Nummer eins der Welt die Nummer zwei in der ewigen Weltrangliste und nur noch vier Titel von der legendären Norwegerin Sonja Henie entfernt. So lange, auch noch diesen Rekord zu brechen, dürfte selbst eine Eisbesessene wie sie nicht um die meisten Punkte und die besten Plätze mitlaufen. Immerhin aber hat die Sportlerin, die alles erreicht hat außer einem Olympiasieg, schon heute die nächsten Winterspiele in Turin ins Auge gefaßt: "2006 geht mir im Kopf herum. Es ist eine Möglichkeit."

          Lang lebe die Königin des Eises, die sich von dem Makel, auf dem Olymp von anderen Amerikanerinnen überholt worden zu sein - 1998 in Nagano von Tara Lipinski und 2002 in Salt Lake City von Sarah Hughes -, längst befreit hat. "Eine Medaille entscheidet nicht darüber, ob du ein gutes oder ein schlechtes Leben hast", sagt Michelle Kwan heute, "ich bin mit meiner langen Karriere im Eiskunstlauf sehr glücklich." Sie hat die zweitwichtigsten Titel auf dem Eis in Serie erobert und den Traum von Olympia noch immer wachgehalten. Tara Lipinskis Spuren haben sich längst im ewigen Eis verlaufen: Der frühreife Teenager ist bei den Profis nicht glücklicher geworden. Sarah Hughes hatte einen großen Tag in Salt Lake City und studiert inzwischen. Michelle Kwan aber läuft weiter, immer weiter.

          Ihr Wissensdurst ist groß

          Aber dosiert, denn mehr als zwei Konkurrenzen im Jahr, die amerikanische Meisterschaft und die WM, mutet sich die hochdotierte Botschafterin des Disney-Konzerns und hochdekorierte Athletin nicht mehr zu. Dafür sind ihr Hunger auf das Leben und ihr Wissensdurst zu groß. Erst vor kurzem ging ihre Liebe zu dem Eishockeyprofi Brad Ference von den Florida Panthers in die Brüche; also wird sich die an der Universität von Kalifornien in Los Angeles eingeschriebene Studentin Kwan in Zukunft wieder mehr ihren Exerzitien in den Fächern Französisch und Psychologie widmen.

          Wenn dann der Herbst kommt und auch die Westküste ein kühler Hauch erreicht, zieht es Michelle Kwan hinauf in die Berge oberhalb von L.A. In der Abgeschiedenheit von Lake Arrowhead wird sie dann wie vor der WM in Dortmund ihre Passion wieder aufblühen lassen. "Ich liebe den Eiskunstlauf, deshalb bin ich hier", hat die Weltmeisterin zur Begrüßung in Dortmund gesagt. Das klang schlüssig und bedurfte keiner weiteren Fragen. Und außerdem waren damit die 15 Minuten, die sich die Königin ihrer Sportart für die deutsche Öffentlichkeit gegönnt hatte, auch schon vorbei.

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