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Nach Savchenko/Massot : Suche nach neuem Zauber im Eiskunstlauf

  • -Aktualisiert am

Derzeit nicht mehr im Wettkampf-Sport aktiv: die Olympiasieger Aljona Savchenko (unten) und Bruno Massot. Bild: dpa

„Ihr müsst euch bewegen“: Der Eiskunstlauf kämpft nach einem äußerst erfolgreichen Jahr um seine Zukunft. Die große Frage: Was und vor allem wer kommt nach dem Gold-Paar Aljona Savchenko und Bruno Massot?

          Dank Aljona Savchenko und Bruno Massot, den Olympiasiegern und Weltmeistern der vorigen Saison, erlebte die Deutsche Eislauf-Union (DEU) himmlische Zeiten. Das Paar, das den Gipfel seiner sportlichen Zweisamkeit im Februar und März dieses Jahres in Pyeongchang und Mailand erreichte, hat sich danach aus dem Wettkampfbetrieb zurückgezogen und versilbert derzeit den Lohn einer außergewöhnlichen Karriere im Zeichen von Glanz und Gloria in einer Art Arbeitsurlaub bei der Revue „Holiday On Ice“.

          Roland Zorn

          Sportredakteur.

          Versteht sich, dass den deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaften, die am Wochenende in Stuttgart ausgetragen wurden, kein Highlight-Charakter innewohnte. Es waren Titelkämpfe im Kammerspielformat, die mit ihren überschaubaren Teilnehmerzahlen – sieben Damen, fünf Herren, zwei Paare, drei Eistanzpaare – schon auf den ersten Blick verrieten, dass der deutsche Eiskunstlauf in der Zeit nach Savchenko/Massot nicht einmal mehr den Anschein erwecken kann, aus dem Vollen zu schöpfen.

          Die Frage nach dem Nachwuchs

          Udo Dönsdorf, seit 25 Jahren in Diensten der DEU, zuerst als Sportreferent, seit 1999 als Sportdirektor, beschreibt die Situation seiner Nischensportart ohne neue Zugpferde so: „Mir war schon klar, dass nach einem solchen Hoch ein Absinken der Leistungen auf uns zukommt.“ Die überschaubare Szene an den fünf Bundesstützpunkten in Berlin, Chemnitz, Dortmund, Mannheim und Oberstdorf nachhaltig zu stärken, auf dass in Zukunft neue Champions made in Germany den Zauber verströmen, der dieser Sportart zueigen ist, ist derzeit die Hauptaufgabe des 66 Jahren alten Dönsdorf und seiner Mitstreiter in der Münchner Verbandszentrale – sowie vor allem der Trainer in diesem kleinen Wintersportverband mit rund 20.000 Mitgliedern, darunter 5000 aktive Läuferinnen und Läufer.

          Der Erfolg der gebürtigen Ukrainerin Savchenko und des aus Frankreich stammenden Massot haben der DEU dabei geholfen, sich in den Gesprächen mit dem Deutschen Olympischen Sportbund und dem Bundesinnenministerium noch einmal genügend Mittel für die Arbeit an den Stützpunkten zu sichern. „Wir sind sehr gut bedacht worden, obwohl wir über alle Disziplinen gesehen nicht bestens abgeschnitten haben“, sagt Dönsdorf über die Unterstützung aus Berlin. „Unsere Analyse hat gezeigt, dass wir nicht kurzfristig planen können, wir mussten unser Potential bis zu den Olympischen Winterspielen 2026 nachweisen. Die Schwierigkeit unserer Sportart ist, dass wir junge Sportler trainieren, die noch in der Pubertätsphase sind. Bei denen kann man nicht zweifelsfrei prognostizieren, wie sie aus dieser Zeit herauskommen.“

          Auf der DEU und ihren Basisarbeitern, also den Trainern und Stützpunktleitern, laste, so Dönsdorf, angesichts der derzeit nicht eben rosigen Verhältnisse eine „hohe Verpflichtung und Verantwortung“, soll der zyklische Aufbau neuer Protagonisten bis zu den nächsten Olympischen Winterspielen 2022 in Peking eine Dividende verheißen. Sie ist zurzeit nicht in Sicht, weil auch nationale Spitzenathleten wie die Essenerin Nicole Schott, der Berliner Paul Fentz oder die Paare Hocke/Blommaerts und Hase/Seegert international keine Topplatzierungen verheißen. „Wir haben“, kritisiert Dönsdorf die Trainer, „eine Menge zu tun bei allem, was außerhalb des Eises verlangt wird. Wir haben zu viele Verletzungen. Das liegt unter anderem an der fehlenden Verletzungsprophylaxe, um den im Eiskunstlauf großen Belastungen zum Beispiel durch die Vierfach- und Dreifachsprünge standhalten zu können.“ Er meint damit Selbstverständlichkeiten wie die immer noch hier und da fehlende professionelle Anreicherung des Eistrainings durch ein angemessenes Athletiktraining, zusätzliche Ballettstunden, eine feinfühlige Trainingssteuerung und einen größeren Gemeinschaftsgeist in der Individualsportart Eiskunstlaufen.

          An Talenten, sagt Dönsdorf, fehle es der Deutschen Eislauf-Union nicht. International jedoch geben die deutschen Resultate bei den Wettkämpfen aller Altersklassen derzeit wenig Anlass zu größeren Hoffnungen. Um nachhaltig und strukturell besser gerüstet zu sein für die Anforderungen der Gegenwart und Zukunft, will Dönsdorf die fünf Bundesstützpunkte mit hauptamtlichen Leitern besetzen. Zwei feste Stellen habe der Bund für die Stützpunkte Berlin und Oberstdorf schon zugesichert. Beantragt seien Gelder für alle Stützpunktleiter. Mit Aljona Savchenko, die in Zukunft als Trainerin arbeiten will, hat Dönsdorf schon gesprochen mit dem Ziel, sie in Zukunftsprojekte des Verbandes, etwa am neuen deutschen Paarlaufzentrum Berlin, einbinden zu können.

          Insgesamt will sich der Verband in Zukunft jünger und auf der Höhe der Zeit präsentieren. So zumindest stellt sich das Dönsdorf vor. Immerhin wird das Präsidium des Verbandes in Zukunft, so hat es der Verbandstag im November beschlossen, zu einer Art ehrenamtlichem Aufsichtsrat, während die operative Führung der DEU in den Händen des Sportdirektors oder einer Sportdirektorin und zweier Geschäftsführer für den Sport und für das Marketing liegen soll. Als gesichert gilt auch, dass DEU-Präsident Dieter Hillebrand nach zwölf Jahren als Sanierer im Hintergrund in absehbarer Zeit Platz machen wird für einen jüngeren Nachfolger. Auch Dönsdorf wird sich Ende 2019 von seinem Arbeitsplatz verabschieden.

          Jünger, moderner, zupackender, besser: So will sich die DEU in Zukunft aufstellen. Auch deshalb hat Dönsdorf den jahrelang mächtigen Landesverbänden mit dem Hang, zuerst auf sich selbst zu sehen, beim jüngsten Verbandstag zugerufen: „Ihr müsst euch bewegen. Tut ihr es nicht, bleiben wir ein Breitensportverband.“ Dann aber dürfte der Eiskunstlauf, eine olympische Kernsportart, in Deutschland verkümmern.

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