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Eiskunstlauf : „Steuer-Prüfung“ nicht bestanden

  • -Aktualisiert am

In einsamer Verzweiflung: der ausgemergelte Trainer Ingo Steuer Bild: REUTERS

Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy haben der Unruhe um ihren Stasi-belasteten Trainer Ingo Steuer Tribut zollen müssen. Die deutschen Eiskunstläufer belegten im Kurzprogramm in Turin nach einem Patzer nur den siebten Platz.

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          Stocksteif, wie tiefgefroren standen die drei Chemnitzer Eis-Verkäufer nebeneinander. Von links nach rechts: Robin Szolkowy, Aljona Sawtschenko und Ingo Steuer. Traurig der Paarläufer, den Tränen nah seine Partnerin, in einsamer Verzweiflung der ausgemergelte Trainer.

          Dabei war die Antrittsvorstellung des Sachsen-Trios bei den Olympischen Winterspielen nicht einmal zur Eiskunstlauf-Kategorie „böser Ausrutscher“ zu zählen. Hätte die Neudeutsche am Samstag während des Kurzprogramms im Turiner Palavela beim Dreifachwurfsalchow nicht vornüber aufs Eis gegriffen - was unter Preisrichtern einem Sturz gleichkommt -, die Harmoniegesellschaft vom Chemnitzer Küchwald wäre nach dem Kurzprogramm in der Nähe der besten Plätze angekommen oder mittenmang auf einem Medaillenrang dabeigewesen.

          Auf wackeligen Beinen

          So aber fanden sich die drei nach niederschmetternden Tagen zuvor nur auf Zwischenposition sieben wieder. Von dort aus können sie indes, vorausgesetzt, sie lösen sich bis zu diesem Montag aus ihrer Schreckensstarre, noch nach oben kommen. Dreieinhalb Punkte Rückstand auf die drittplazierten Russen Petrowa/Tichonow sind nicht die Welt. Wer aber das Elend der Europameisterschaftszweiten und ihres Eislauflehrers am Samstag vor Augen gehabt hat, zweifelt an einer Genesung dieser tief getroffenen, seelisch völlig verunsicherten Schicksalsgemeinschaft.

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          Als solche betrachten sich Sawtschenko, Szolkowy und Steuer nach dem tagelangen Gezerre um den Trainer, der als DDR-Jungmann ein treuer Informant der Stasi war. Der „IM Torsten“ in Steuer war dem Nationalen Olympischen Komitee (NOK) in Turin alles andere als willkommen und wäre nach genau geprüfter Aktenlage seiner Vergangenheit wohl auch zu Hause geblieben - hätte ihm nicht das Berliner Landgericht den Weg zu den Winterspielen per einstweiliger Verfügung frei geräumt. Einmal da, durfte der Sportsmann Steuer dann seines Amtes walten; doch eine konzentrierte Vorbereitung auf ein Großereignis war so nicht mehr auf die im Palavela wackelnden Beine zu stellen.

          „Unser Kurzprogramm heute war wie die letzten zwei Wochen“, sagte Aljona Sawtschenko leise. Steuer wollte die Enttäuschung seines Paars im nachhinein wenigstens mit etwas Zuckerguß versüßen: „Nach allem, was die beiden in den letzten vierzehn Tagen durchgemacht haben, war das heute eine starke Leistung.“ Nette Worte, die ihre Adressaten glatt verfehlten. Schließlich sah Ingo Steuer selbst zum Erbarmen bleich und angegriffen aus. Sein Rendezvous mit den trüben Teilen seiner Vergangenheit ist ja noch längst nicht vorbei. Fortsetzung folgt juristisch (das Berliner Kammergericht wird über den Einspruch des NOK gegen die Landgerichtsentscheidung verhandeln), vertraglich (ihm droht die Kündigung durch seinen Arbeitgeber Bundeswehr) wie verbandsintern (die Deutsche Eislauf-Union ist über das vor allem bockige und wenig kooperative Verhalten ihres ersten Paarlauftrainers alles andere als amüsiert).

          Stasi-Steuer-Frust

          Am Samstag stand den drei Chemnitzern niemand zur Seite, als sie sich nach all dem Stasi-Steuer-Frust viel zu tief in ein Loch buddelten, in das sie nicht gehörten. Olympia ist nun einmal ein Stelldichein der Elite. Wer da bei der Millimetersache Kunstlauf nur für einen Moment nicht aufpaßt, liegt schon flach oder daneben. Und am Samstag glänzten die Konkurrenten von Sawtschenko/Szolkowy, voran die in kühler Pracht daherkommenden russischen Welt- und Europameister Totminanina/Marinin und die wuchtigen chinesischen Artisten Zhang/Zhang. Weil die beiden Deutschen, von Sawtschenkos Ausrutscher einmal großzügig abgesehen, ihr Talent, ihre Klasse, ihre Emotionalität auf Kufen auch unter großem Druck offenbarten, gingen Größen der Szene mit den beiden keineswegs streng ins Gericht. Katarina Witt, die auch dank ihrer unerschütterlichen Nervenkraft zweimal Olympiasiegerin geworden ist, urteilte altersmilde über das Paar mit Perspektive. „Das war doch bis auf den Fehler sehr ordentlich und souverän. Man hat ihnen die nervliche Belastung der letzten Tage nicht angesehen.“

          Steuer, der nach dem Programm seiner Musterschüler selbst mit hängendem Kopf in die Ecke schlich, in der die Sportler nach ihren Küren mit Küssen oder unter Tränen auf die Urteile ihrer Preisrichter reagieren, versuchte sich am späten Samstagabend noch einmal in der Rolle, die ihm unter den Umständen besonders schlecht lag: die des Muntermachers. „Wir sind stark und werden am Montag bei der Kür kämpfen“, lautete seine programmatische Ansage. Die Sportler neben ihm sahen dabei ganz schwach, ganz traurig und ganz hilfsbedürftig aus.

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