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Eishockey-WM : Tschechien triumphiert gegen Erzrivale Russland

Tomas Rolinek, Kapitän des neuen Weltmeisters, kniet auf dem Eis Bild: dpa

Nach einem 2:1-Sieg über Russland ist Tschechien Eishockey-Weltmeister. Die Verlierer verpassen ihren 26. Titel und werden kritisiert. Grundstein für Tschechiens Sieg ist ein Tor nach 20 Sekunden Spielzeit durch Jakub Klepis.

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          Es war vom ersten Bully an eine Weltmeisterschaft der Außenseiter, und sie blieb es bis zum letztmaligen Ertönen der Schlusssirene. Der 2:1-Sieg (1:0, 1:0, 0:1) der Tschechen im Finale gegen Russland war die perfekte Pointe am Ende eines erstaunlichen Turniers, in dem manche Favoriten strauchelten und angriffslustige Außenseiter sich nicht mit der Nebenrolle als schmückendem Beiwerk zufriedengaben.

          Marc Heinrich
          Sportredakteur.

          Keinem anderen Team gelang es so perfekt, sich selbst und alle anderen zu überraschen wie der Mannschaft von Trainer Vladimir Ruzicka, die am Sonntag die Gunst der Stunde nutzte und einen anfangs überheblich und am Ende verzweifelt wirkenden Titelverteidiger nach allen Regeln der osteuropäischen Eishockeykunst entzauberte.

          Als der Goldstaub von der Decke der Arena auf die strahlenden Spieler um ihren Anführer Jaromir Jagr herabrieselte, konnten die Verlierer den Ort der Schmach gar nicht schnell genug verlassen. Während der tschechische Präsident Vaclav Klaus nach der Siegerzeremonie in die Kabine stürmte, um seinen Landsleuten die Hand zum Dank zu schütteln, wirkte der Gegner reichlich konsterniert.

          Tschechien feiert den zwölften Weltmeistertitel
          Tschechien feiert den zwölften Weltmeistertitel : Bild: dpa

          Alexander Owetschkin lehnte jeden Kommentar ab. Für den Star der Washington Capitals hätte die WM Trost spenden sollen für ein Sportjahr, in dem für ihn viele Wünsche unerfüllt geblieben waren. Doch der in der Heimat als nationale Tragödie aufgefassten 3:7-Blamage im Olympia-Viertelfinale gegen Kanada und dem Erstrundenscheitern mit seinem Klub in den Play-offs der nordamerikanischen Profiliga (NHL) folgte nun der nächste Tiefschlag.

          „Es tut mir leid für die Fans, die auch mehr erhofft haben“

          Kapitän Ilja Kowaltschuk, einer der wenigen, die zu einem Kommentar bereit waren, stammelte: „Es ist fürchterlich. Wir waren doch gekommen, um Gold zu gewinnen.“ Die Reaktionen in Russland, wo Ministerpräsident Wladimir Putin als prominentester Sympathisant und größter Kritiker der „Sbornaja“ bekannt ist, fielen wie nach dem Aus in Vancouver unmissverständlich aus: „Wie kann so etwas passieren, Jungs?“, titelte „Sowjetski Sport“.

          Der erste Versuch einer Erklärung des Trainers klang dürr: „Auch wir haben mehr erwartet. Es tut mir leid für die Fans, die auch mehr erhofft haben“, sagte Wjatscheslaw Bykow. Dass es dem Aufgebot, in dem immerhin 15 NHL-Cracks standen, an der nötigen Professionalität gefehlt haben könnte, deutete sich in den vergangenen Tagen schon an, als russische Journalisten Aufnahmen veröffentlichten, wie Owetschkin und Kollegen bei Streifzügen durch die Kölsch-Kneipen das Nachtleben genossen. Bykow schien vor dem Abflug nach Moskau zu ahnen, dass es um seine Zukunft als Chefcoach gerade im Hinblick auf das nächste Prestigeprojekt, die Winterspiele in Sotschi 2014, nicht gut bestellt ist: „Ob ich zurücktrete, soll der Verband entscheiden.“ Seine Miene sah dabei nach drohendem Unheil aus.

          „Dieser Titel zeigt, dass Talent keine Bedeutung hat“

          Anders die Stimmung bei den Tschechen: Sie hatten gut lachen. In der Vor- und Zwischenrunde kamen sie nur schwer in die Gänge, im Viertelfinale gegen Finnland und im Halbfinale gegen Schweden brachte jeweils nach Rückstand das Penaltyschießen die Rettung. Jagr, schon Olympiasieger 1998 (ebenfalls gegen Russland), konnte die letzten zehn Minuten in Köln nur von einem Stuhl neben der Bank aus verfolgen.

          Der ausgerechnet in Russland für Omsk spielende Stürmer hatte die Führung von Jakub Klepis nach 20 Sekunden eingeleitet, der Kapitän Tomas Rolinek später das zweite Tor folgen ließ (39.). Als Pawel Dazjuk 36 Sekunden vor Ultimo noch der Anschlusstreffer gelang, war Jagr schon von Alexej Jemelin mit einem Kniecheck außer Gefecht gesetzt worden - seiner prächtigen Laune konnten die Schmerzen aber nichts anhaben: „Dieser Titel zeigt, dass Talent keine Bedeutung hat. Man muss nur hart arbeiten, dann wird man im Leben belohnt.“

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