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Sorgen vor der WM : Dem Eishockey droht eine Katastrophe

  • -Aktualisiert am

Eishockey in der Schweiz – Fans haben momentan keinen Zutritt. Bild: Imago

Absage, Verlegung, Verschiebung? Das Coronavirus gefährdet auch die Eishockey-WM in der Schweiz. Russland und Weißrussland würden zwar als Ausrichter einspringen, dennoch könnte es zu einem Ausfall kommen.

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          Nur ein paar Kilometer hinter dem Gotthard-Tunnel steht Europas stimmungsvollstes Eisstadion. In der Pista la Valascia ist der HC Ambri-Piotta zu Hause, eigentlich ein Dorfverein aus einer 300-Seelen-Gemeinde im Tessin. Doch deren alte wie zugige Halle ist ein Sehnsuchtsort für Eishockey-Nostalgiker aus der Schweiz, aus Italien, ja sogar aus Deutschland. Knapp 5000 Zuschauer begrüßt Ambri im Schnitt zu seinen Erstliga-Heimspielen. Nur am Wochenende gegen Davos blieben die Tribünen leer. Die Schweizer Behörden hatten wegen des Coronavirus Veranstaltungen mit mehr als 1000 Zuschauern bis Mitte März verboten.

          So fanden die letzten Hauptrunden-Spiele ohne Zuschauer statt. Und nahezu ohne Einnahmen für die Klubs. Anfang der Woche entschied sich die Liga deswegen für eine Verschiebung der Play-offs, statt an diesem Samstag beginnen sie frühestens am 17. März. Die Deutsche Eishockey Liga spielt normal weiter, hat aber am Freitag ihre Gala zum Ende der Hauptrunde in Wolfsburg abgesagt. Die Schweizer Behörden wollen am 15. März bekanntgeben, ob sie ihr Veranstaltungsverbot aufrechterhalten. Dann werden nicht nur die Vereine genau zuhören, auch beim Weltverband IIHF sind sie alarmiert.

          „Alles läuft wie geplant“

          Im Mai soll in Zürich und in Lausanne die Weltmeisterschaft stattfinden. Nach außen geben sich die Ausrichter gelassen: „Die Durchführung der WM ist aus heutiger Sicht unverändert geplant“, sagt Janos Kick, Medienchef des Organisationskomitees, auf Anfrage. „Momentan laufen die Vorbereitungen wie geplant“, sagt auch Franz Reindl, Chef des Deutschen Eishockey-Bundes und Mitglied im IIHF-Council, der Regierung des Welteishockeys. Das passiere „im engen Austausch“ mit dem WM-OK, dem medizinischen Komitee der IIHF und den Behörden. Doch entspannt ist die Lage nicht: Diese Woche sagte der Weltverband schon U18- und Frauen-Turniere ab. Das soll für die ungleich wichtigere Herren-WM unter allen Umständen vermieden werden. Am 15. März berät das IIHF-Council, ob das Turnier wirklich in der Schweiz stattfinden kann.

          Das ist vor allem für René Fasel heikel. Fasel ist nicht nur Präsident der IIHF, er ist auch Schweizer. Die WM in der Heimat sollte der Abschluss seiner mehr als 25 Jahre dauernden Regentschaft über das Welteishockey sein, die dieses Jahr endet. Zwar betonte er gegenüber dem „Blick“, die WM in jedem Fall in der Schweiz spielen zu wollen, doch er sagte auch: „Eine Weltmeisterschaft mit Geisterspielen wird es nicht geben.“ Bleibt das Veranstaltungsverbot bestehen, muss ein anderer Ausrichter einspringen. Und Fasel hat gleich zwei potentielle an der Hand: „Die Russen haben uns einen Vorschlag unterbreitet“, wird er von der russischen Nachrichtenagentur Tass zitiert. Der andere Kandidat sei Weißrussland. Das überrascht nicht wirklich. Eishockey ist in beiden Ländern wichtig, für beide sind Sportveranstaltungen ein Instrument der Innen- wie Außenpolitik, und beide sehen sich in der Lage, ein Turnier auch ohne großen Vorlauf zu organisieren. Die Weißrussen sind ohnehin 2021 WM-Gastgeber, die Russen 2023. Und noch wichtiger: Fasel pflegt ein enges Verhältnis zu Russland. Der 70-Jährige gilt als Freund von Präsident Wladimir Putin.

          Der GAU droht

          Daran konnte nicht mal die Staatsdopingaffäre etwas ändern. Fasel, Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee, lehnte einen Ausschluss russischer Sportler von internationalen Wettbewerben stets ab. Eine „unzulässige Kollektivstrafe“ sei das. Ebenso verhält es sich mit der Entscheidung der Welt-Anti-Doping-Agentur, die Russen bei Weltmeisterschaften oder Olympia als neutrale Athleten starten zu lassen. Er denkt auch nicht daran, seinen Freunden Großveranstaltungen zu entziehen. Nicht zufällig wird spekuliert, der Schweizer könnte nach seinem Ende beim Weltverband zur russischen Topliga KHL wechseln.

          Die andere große Liga der Eishockey-Welt spielt in Nordamerika: die NHL. Auch die diskutiert über Corona. Der Austausch mit den Gesundheitsbehörden sei eng, hieß es beim Manager-Treffen diese Woche in Florida, Geisterspiele oder Absagen seien aber nicht zu erwarten. Bislang dürfen ihre Talentspäher auch nach Europa reisen. Aber wie lange noch? Auch ein Verbot für NHL-Spieler, im Mai in die Schweiz zu fliegen, steht im Raum.

          Für den Weltverband wäre das der GAU. Zuletzt kamen immer mehr Topstars und werteten die WM auf, nun könnte die diesjährige nach Olympia 2018 das zweite Turnier ohne Spieler aus der mit Abstand stärksten Liga der Welt werden. Sollten Kanada und die Vereinigten Staaten gar nicht antreten, wäre das laut Fasel ein „schwerwiegender Eingriff ins System, allein aufgrund des Spielplans und der Ticketverkäufe“. Auch das WM-Organisationskomitee in der Schweiz ist gewarnt, hat aber für eine komplette Absage vorgesorgt: „Wir sind gegen einen Ausfall der WM gedeckt. Aber die detaillierten Diskussionen mit den Versicherern sind zurzeit im Gang“, sagte Sprecher Janos Kick. 250.000 Franken soll das OK bezahlt haben, um mögliche Einnahmen in Höhe von 22 Millionen abzusichern. Vielleicht bald schon gut investiertes Geld.

          Eishockey-WM der Frauen in Kanada wegen Coronavirus abgesagt

          Die Eishockey-Weltmeisterschaften der Frauen in Kanada sind wegen des neuartigen Coronavirus abgesagt worden. Die Titelkämpfe sollten am 31. März mit Austragungsorten Halifax und Truro eröffnet werden. Die Entscheidung sei per Telefonkonferenz getroffen worden, teilte die International Ice Hockey Federation IIHF am Samstag auf Twitter mit. Der Kanadische Eishockey-Verband und die Regierungsbehörde des Sports seien dabei, die beteiligten Nationen und ihre Partner über die Absage zu informieren. „Es ist beängstigend“, sagte IIHF-Präsident René Fasel der Nachrichtenagentur AP. Schon einmal wurden die Welttitelkämpfe der Frauen abgesagt, im Jahr 2003 wegen des Sars-Virus in China. Akut gefährdet ist nun auch die Weltmeisterschaft der Männer, die vom 8. bis 24. Mai in der Schweiz geplant ist. Bis Mitte April will die IIHF entscheiden, ob die Titelkämpfe ausgetragen werden können. (dpa)

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