https://www.faz.net/-gtl-9wz1o

Fischtown Pinguins : „Schicki-Micki braucht hier kein Mensch“

  • -Aktualisiert am

Eingeschworener Haufen: Die Pinguins spielen seit Jahren in der DEL gut mit Bild: dpa

Ihr Dasein in nördlicher Randlage mit langen Busfahrten und Nächten in günstigen Hotels nehmen sie hin: Die Eishockey-Arbeiter der Fischtown Pinguins haben sich in der DEL etabliert.

          3 Min.

          In den bekannten Geruch verschwitzter Eishockeyklamotten mischt sich etwas anderes. Frischer Teig. Geschmolzener Käse. Fettige Salami. Pizza! Mittagspause in den Kabinen der Fischtown Pinguins. Eben hat der Inhaber einer örtlichen Pizzeria seinen Stapel Kartons schmackhaften Inhalts abgestellt. Und schon kommen die Eishockeyprofis aus ihrer Kabine, einige mit freiem Oberkörper, und genießen das Mittagessen nach einer schweißtreibenden Vormittags-Einheit auf dem Eis der Bremerhavener Halle. Einmal die Woche werden die 24 Profis und ihre beiden Trainer derart verwöhnt. Es passt zu diesem Klub, dass der beleibte Mann, der die Pizza bringt, mit Spielern und Management abklatscht, sich hier offenbar sehr zu Hause fühlt und jeden kennt.

          Eine Szene ganz nach dem Geschmack von Alfred Prey. „Schicki-Micki braucht hier kein Mensch“, sagt Bremerhavens „Mr. Eishockey“: „Anderswo sitzen Businessleute in Eishockey-Klamotten in der Kabine. Bei uns ganz normale Sportler.“ Prey, 66 Jahre alt, ist seit Ewigkeiten dabei und mischt mit wie am ersten Tag. Wenn der Teammanager stöhnt über all das, was kurz vor Ende der Hauptrunde der Deutschen Eishockey Liga (DEL) zu tun ist, dann soll das keine Kritik sein. Sondern ist eine Zustandsbeschreibung: Nicht einmal das Zugticket für die Partie in Straubing an diesem Freitag habe er bisher gebucht. „Es ist kein Stress, sondern Passion“, sagt Prey.

          Die Fischtown Pinguins sind zwar keine bestaunte Attraktion mehr in der DEL mit ihrem Mini-Mannschafts-Etat von zwei Millionen Euro. Dafür waren sie in den vergangenen Jahren zu gut: Zehnter, Neunter, Siebter – das sind die Plazierungen seit 2017. Jedes Mal erreichte das Team von Trainer Thomas Popiesch die Pre-Play-Offs; zweimal sogar das Viertelfinale. Das Ganze könnte nun getoppt werden, denn als aktuell Sechster wären die Pinguins erstmals direkt in der Runde der letzten acht. Dieser Platz soll in den verbleibenden vier Spielen der Hauptrunde abgesichert werden. Und selbst wenn der Vorsprung in den vergangenen Wochen geschmolzen ist, gilt die Spielzeit jetzt schon als vollkommen gelungen: „Ich sage vor jeder Saison: Wenn wir die Pre-Play-offs erreichen, ist das unsere Meisterschaft“, sagt Prey. Insofern haben die Pinguine ihren Titel geholt.

          Der Star zum Anfassen im Arbeiterklub: Topscorer Jan Urbas.
          Der Star zum Anfassen im Arbeiterklub: Topscorer Jan Urbas. : Bild: Imago

          Doch Sportprofis ticken oft anders, sind weniger an Sicherheit interessiert. „Ich bin ein wettkampforientierter Typ und will natürlich in die Play-off-Runde“, sagt Jan Urbas. Er hat gerade seine Pizza mit Champignons und Schinken verzehrt, dann geduscht. Im dritten Jahr bei den Pinguinen hat der 31 Jahre alte Slowene dem Klub ein völlig neues Gefühl beschert: Mit 26 Treffern in 46 Spielen ist er neben dem Mannheimer Borna Rendulic bester Torschütze der Liga. Zusätzliche 19 Vorlagen weisen ihn in der Scorer-Liste als Fünften aus.

          Der Stürmer aus der Nähe Ljubljanas ist ein typischer Prey-Transfer. Schon einmal war Urbas in der DEL. Doch im ersten Jahr der neuen Organisation aus München lief vieles schief für ihn. Über Umwege in Österreich und Schweden, wo er zu Beginn seiner Laufbahn gespielt hatte, fand Urbas nach Bremerhaven. Prey hatte ihn schon seit Münchner Zeiten an der Angel: „Den müssen wir im Auge behalten!“

          Starke Zugänge aus nord- und osteuropäischen Ligen, die andere übersehen, gelten als Spezialität der Fischtown Pinguins. Urbas sagt: „Ich habe erst ein bisschen gegoogelt, was sich hinter dem Verein verbirgt. Am Ende war es das gesamte Paket, das für die Pinguins sprach: ein gutes Team, das sich verbessern kann. Ein schöner Ort zu leben für mich und meine Familie. Ein enges Verhältnis zum Management. Und das Ganze in einer Stadt, der Eishockey alles bedeutet.“

          Wenn Alfred Prey erzählt, wie es gelungen ist, Urbas nun bis Sommer 2021 an den Klub zu binden, hört man heraus, wie nahe er am Team dran ist. Jan Urbas und Sturmkollege Miha Verlic gelten als Zwillinge. Als es um neue Verträge ging, sagte Verlic, wenn Urbas bleibe, bleibe er auch. Urbas äußerte sich ähnlich. „Da habe ich gesagt: Bleibt ihr beide!“, sagt Prey. Die Art, wie in Bremerhaven Eishockey gespielt wird, passt zur Region. Die Auslastung der Halle mit ihren 4400 Plätzen liegt bei 96 Prozent. „Wir sind ein Team mit kleinem Budget, und wir sehen uns als Team, das immer kämpft, nie aufgibt. Das kommt gut an“, sagt Urbas. Es versteht sich von selbst, dass der Slowene zwar bester Torschütze ist, aber niemals abheben würde. Die Nähe zu den Fans ist nicht behauptet, sondern gelebt.

          F.A.Z.-Newsletter „Coronavirus“

          Die ganze Welt spricht über das Coronavirus. Alle Nachrichten und Analysen über die Ausbreitung und Bekämpfung der Pandemie täglich in Ihrem E-Mail-Postfach.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Dass das Dasein als Team in nördlicher Randlage mit vielen langen Busfahrten und Nächten in günstigen Hotels verbunden ist, nehmen die Profis klaglos hin. So schlimm kann das auch nicht sein, denn es gibt einige, die seit vier, fünf oder mehr Jahren für die Fischtown Pinguins spielen. Die Stetigkeit in der Geschäftsführung färbt offenbar auf die Mannschaft ab. Und auch von den 186 kleinen und großen Sponsoren springt kaum mal einer ab. Dabei wirkt das ganze Konstrukt weniger von Sieg und Niederlage abhängig als an anderen, größeren Plätzen, wo der Etat das Drei-, ja Vierfache verschlingt. Prey sagt: „Wir wollen ein solider DEL-Standort bleiben. Das werden wir bis zum letzten Blutstropfen verteidigen.“

          Für die neue Saison, die fünfte im Oberhaus seit dem Aufstieg im Sommer 2016, verspricht Prey ein paar interessante Transfers. Das muss er auch. Dann der Abschied von Jan Urbas käme nicht überraschend. „Ich bin 31, habe vielleicht noch fünf weitere Jahre. Ich habe ein Bild von meiner Karriere und würde gern noch einmal eine andere Liga probieren, die besser ist als die DEL“, sagt Urbas. Auch das bedeutet Eishockey der Marke Fischtown Pinguins: Man steht hier im Schaufenster für größere Klubs. Alfred Prey kann daran nichts Schlechtes erkennen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wollen keine Spaltung: Biden und Harris am 1. Dezember in Wilmington

          Joe Biden gegen Spaltung : Die Botschaft lautet Zuversicht

          Biden glaubt, dass Kompromisse zwischen Demokraten und Republikanern möglich sind – trotz aller Polarisierung. Ein Einlenken beim Abzug der Soldaten aus Deutschland scheint ein erstes Zeichen dafür zu sein.
          Pfizer stellt den Impfstoff in Belgien und den Vereinigten Staaten her.

          Impfstoffherstellung : Qualitätsproblem bremst Biontech

          Pfizer und Biontech müssen ihrem hohen Tempo Tribut zollen und können nur halb so viele Impfstoffdosen liefern wie ursprünglich geplant. Wer macht das Rennen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.