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Eishockey : Lions lassen den Meister wie einen Lehrling aussehen

  • -Aktualisiert am

Antreiber und Vorbereiter: Jason Young, der Kapitän der „Löwen” Bild: picture-alliance/ dpa

Die Frankfurter Eissporthalle als Tollhaus: Auf die „Gänsehaut-Stimmung“ beim Derbysieg gegen die Mannheimer Adler folgt nun der mühsame Arbeitsalltag in Iserlohn. Von Tobias Rabe.

          3 Min.

          Greg Poss saß einfach nur da und schaute gedankenverloren in die Ferne. Eine weitere bittere Niederlage hatten seine Mannheimer soeben eingesteckt, diesmal mit 2:5 beim Erzrivalen aus Frankfurt, und nun musste der Trainer der Adler auch noch im kleinen Presseraum einsam auf seinen Kollegen warten.

          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Dass dieser sich ein wenig verspätete, war kein Wunder, schließlich feierten draußen in der Eissporthalle die Löwen den Derbysieg mit ihren Fans ausgiebig. Als ein strahlender Rich Chernomaz dann eintraf, erwachte auch der frühere deutsche Nationalcoach Poss aus seiner Starre und gratulierte seinem Kollegen mit einem Lächeln zum "verdienten Sieg". Seine wirkliche Gemütsverfassung wird freilich eine andere gewesen sein, völlig gegensätzlich zu der von Chernomaz.

          Ausgerechnet Hackert

          Dabei hatte der Lions-Trainer zuvor den Zeigefinger gehoben und gefordert, auch in diesem emotionalen Derby gegen den kriselnden Meister "einfach zu spielen und alles wie immer zu machen". Doch die wohlüberlegte Mahnung verfehlte zunächst ihre Wirkung. Stattdessen gingen die Kurpfälzer in Führung. Ausgerechnet Michael Hackert, in der vergangenen Saison noch in stürmischen Diensten der Lions, markierte in der 18. Minute das 0:1 - und erntete ein gellendes Pfeifkonzert vom Löwen-Anhang.

          Das erste Drittel, in dem Chernomaz "zu viel Respekt" seines Teams erkannt hatte, ging also an die Adler. Wie schon im letzten Heimspiel gegen Ingolstadt zeigten sich die Frankfurter erst nach der Hälfte der Spielzeit treffsicher. Jeff Heerema (32.) und Chris Armstrong (35.) münzten die optische Steigerung - zwanzig Torschüsse der Lions im Mitteldrittel gegenüber sechs der Adler - in eine faktische Verbesserung des Spielstandes um.

          „Das war für uns tödlich“

          Endgültig auf die Siegesstraße kamen die Löwen mit dem schnellen 3:1 nach 35 Sekunden des dritten Abschnitts, wieder durch Armstrong. Während Chernomaz das Tor als "Knackpunkt" bezeichnete, benutzte Kollege Poss eine deftigere Wortwahl: "Das war für uns tödlich." Die anschließenden Treffer von Richie Regehr (52.), Mannheims François Methot (56.) und Jay Henderson (60.) mit einem Schuss ins leere Adler-Tor zum Endstand waren im Endeffekt nicht viel mehr als statistisches Beiwerk eines brisanten Duells, für das der Sieger zwar wie in jeder anderen Partie in der Tabelle der Deutschen Eishockey Liga (DEL) nur drei Zähler gutgeschrieben bekam, aber zugleich das Zufriedenheitskonto seiner Fans um ein Vielfaches füllte.

          7000 Zuschauer hatten die erstmals seit der Play-off-Niederlage gegen Mannheim Ende März wieder ausverkaufte Frankfurter Heimstätte mit ihrem ohrenbetäubenden Lärm in ein Tollhaus verwandelt. Während Doppeltorschütze Armstrong von "Gänsehaut-Stimmung" sprach, bedankte sich auch Trainer Chernomaz für den lautstarken Ausnahmezustand, der "für den Sieg sehr wichtig war". Höchst erfreulich neben dem Erfolg und der damit verteidigten Spitzenposition in der DEL war auch das Comeback von Sebastian Osterloh. Nach seinem Muskelfaserriss stand der Nationalverteidiger wieder in der Beletage auf dem Eis und durfte sich von Chernomaz eine "super Leistung" bescheinigen lassen.

          Alltag in Iserlohn

          Lange auskosten können die Frankfurter ihren Derbyerfolg indes nicht. Nach der rauschenden Party vom Freitag wartet an diesem Sonntag von 18.30 Uhr an in Iserlohn (im FAZ.NET-Liveticker) wieder der Arbeitsalltag. Dann wird sich zeigen, ob der Tabellenführer schon genug gereift ist, um nicht nur physisch, sondern auch psychologisch beim Liga-Achten präsent zu sein. Die Stimmung in Iserlohn wird eine andere sein; zum letzten Heimspiel kamen gerade dreieinhalbtausend Besucher. Dass die Löwen sich dennoch nicht einschläfern lassen, dafür will der Trainer sorgen.

          Für den erfahrenen Chernomaz sind die Roosters bislang "die positivste Überraschung der Saison". Vor allem die Offensive hat es dem Kanadier angetan: "Dort sind sie sehr stark." Daher sei es nicht verwunderlich, dass Iserlohn mit 62 Treffern in 15 Spielen den zweitbesten Wert der Liga aufweist. 54 Gegentore sprechen jedoch für eine nicht sattelfeste Verteidigung. Der Schlüssel zum Erfolg dürfte im Frankfurter Überzahlspiel liegen. Nach drei Treffern bei numerischer Überlegenheit gegen Mannheim haben die Lions in dieser Kategorie ihre Spitzenposition ebenfalls behauptet. Die Chance, auch in Iserlohn die Stärke im Powerplay ausspielen zu können, ist gut: Mit 477 Strafminuten sind die Roosters unangefochtener Spitzenreiter der DEL.

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