https://www.faz.net/-gtl-9l42u

Deutscher Eishockey-Star : Die Hoffnung trägt den Namen Draisaitl

  • -Aktualisiert am

Ganz weit oben: Leon Draisaitl spielt bei den Edmonton Oilers eine herausragende Saison in der NHL. Bild: dpa

Auf dem Weg zum NHL-Superstar: Leon Draisaitls Bilanz könnte in dieser Saison kaum besser sein – und jetzt brauchen die Edmonton Oilers seine Hilfe mehr denn je. In der vergangenen Nacht hat er gezeigt, was er drauf hat.

          In einer Stadt, in der die Sportfans hauptsächlich von den Triumphen der Vergangenheit zehren müssen, bedeutet der Umzug des beliebtesten Spitzenteams immer etwas mehr als ein rein logistisches Unterfangen. Es geht in solchen Augenblicken darum, den Symbolgehalt der guten alten Zeit zu bewahren. Und sei er noch so kitschig. So landete vor ein paar Jahren eine angejahrte, 400 Kilogramm schwere und drei Meter hohe Statue vor der neuen Halle der Edmonton Oilers. Sie stellt überlebensgroß den bedeutendsten Eishockeyspieler der Stadt dabei dar, wie er den Stanley Cup in die Luft stemmt.

          Der in Bronze gegossene Kufenkünstler Wayne Gretzky verkörpert einen Wunsch, der in der Stadt im Zentrum der Provinz Alberta mit ihren knapp eine Million Einwohnern in jedem Winter wiederbelebt wird. Dass nämlich eines Tages einer wie er – Spitzname: „The Greatest“ – das Schicksal der Oilers wenden wird, die seit den glorreichen achtziger Jahren (mit fünf Meistertiteln innerhalb von sechs Wintern) auf einen weiteren Coup warten.

          Viele Ansätze, um sich positiv von den Konkurrenz abzuheben, verpufften. Auch in der aktuellen Spielzeit: Da schoss sich ein junger Stürmer so warm, wie man das eigentlich nur vom legendären Gretzky kannte. Und seitdem ist der Kölner Leon Draisaitl, ein 23-jähriger Ausnahmekönner, den sich die Oilers 2014 gesichert und 2017 mit einem Achtjahresvertrag über insgesamt 68 Millionen Dollar langfristig an sich gebunden hatten, endgültig in aller Munde. Denn seine persönliche Erfolgsbilanz ist beeindruckend. So gehört er mit 43 Toren und insgesamt 94 Scorer-Punkten wenige Spiele vor der Abrechnung der Hauptrunde zu den absoluten Spitzenstürmern in der National Hockey League (NHL). Erst in der vergangenen Nacht brachte er beim 4:1 gegen die Columbus Blue Jackets drei weitere Vorlagen auf sein Saisonkonto. Acht Hauptrundenspiele bleiben ihm, um die 100-Punkte-Marke zu knacken.

          Nur der russische Stanley-Cup-Gewinner Alexander Owetschkin (48) zeigte sich bislang treffsicherer. Draisaitl rückt damit momentan sogar in Reichweite der Bestmarke der alten Oilers-Heroes wie Gretzky (62) oder des Finnen Jari Kurri (54).

          Der Sohn von Peter Draisaitl, dem ehemaligen deutschen Nationalspieler, mag solche Vergleiche innerlich genießen, aber gegenüber Journalisten wehrt er sie lieber ab: „Darüber will ich nicht nachdenken“, sagte er, als sich die Neugier der Medien immer stärker auf ihn zu fixieren begann. Nur so viel gab der Center preis, der mal den zweiten Sturm anführt und mal im ersten zum Einsatz kommt: „Das ist ein bisschen neu für mich. Denn ich bin von Natur aus kein Torschütze.“ Die Reputation des Linkshänders basiert hauptsächlich auf seiner Fähigkeit, seine Nebenleute mit präzisen Vorlagen zu bedienen. Aber weil er inzwischen immer häufiger selbst den Puck aufs Tor bringt, musste dieses Bild revidiert werden: „Im Moment gehen sie rein. Ich klopfe auf Holz und hoffe, dass es so bleibt.“

          Trotz Draisaitl droht wieder das frühe Aus

          Allerdings: So attraktiv der Blick auf die Statistik in seinem Fall auch ausfallen mag. Auf die einzige Kategorie, die wirklich zählt, haben seine Glanztaten so gut wie keinen nachhaltigen Einfluss. Die Mannschaft hängt im unteren Tabellenabschnitt der Western Conference fest. Die Oilers haben in der Western Conference bei acht ausstehenden Spielen noch fünf Punkte Rückstand auf einen Wildcard-Platz. Das frühe Aus ist in Edmonton seit mehr als einem Jahrzehnt so etwas wie das Standardresultat. Nur einmal – vor zwei Jahren – erreichten sie zuletzt überhaupt die K.-o.-Runde und kamen bis unter die letzten acht. An Grundvertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit mangelt es nach wie vor nicht. Sonst hätte sich zum Beispiel Kapitän Connor McDavid – der zweite Top-Mann der Oilers – nicht öffentlich dafür starkgemacht, dass die Fans seinen Kollegen Draisaitl zum All-Star-Treffen der Liga in San Jose nachnominieren.

          Schreckern der Torhüter: Draisaitl gegen Malcolm Subban von den Vegas Golden Knights.

          Der gebürtige Kölner schied zwar mit der Auswahl der Pacific Division im Halbfinale aus und erzielte bei seinem Einsatz keine Tore. Dafür konnte er bei der sogenannten „Skills Competition“ glänzen. Er gewann den Titel als bester Passgeber und damit einen Siegerscheck über 25 000 Dollar. „Der andere Star der Edmonton Oilers“, wie die kanadische Zeitung „The Globe & Mail“ ein Porträt des Kölners überschrieb, verfügt über ein hohes Maß an Bodenhaftung. Im Herbst spendete er in aller Stille einer karitativen Organisation namens „Hockey Helps Kids“ 1,2 Millionen Dollar.

          Gelegentlich hilft Draisaitl bei sozialen Einrichtungen und deren Aktivitäten aus. Für seine Mannschaft, in der mit dem Landshuter Tobias Rieder noch ein zweiter Deutscher steht, vermag er vermutlich nicht mehr zu tun, als er ohnehin leistet. Sein Trainer Ken Hitchcock, der sich bereits im Ruhestand befand, als man ihn nach dem schlechten Saisonstart überreden konnte, die Oilers zu übernehmen, holte wie erwartet das Maximum aus ihm und dem Kader heraus. Sein simples Rezept: Er gab McDavid und Draisaitl so viel Eiszeit wie möglich.

          Das klubinternere Motto, um im Schlussspurt noch zuzulegen, klang denkbar schlicht: Irgendetwas muss passieren. Als jüngste Maßnahme wurde deshalb ein echter Gretzky animiert. Waynes jüngerer Bruder Keith wurde zum Interims-General-Manager befördert. Als Spieler war der 52-Jährige nicht gut genug für die NHL. Aber er weiß, was es heißt, im Schatten einer Legende zu stehen. Ein Ziel formulierte er nicht, als er den neuen Posten annahm: Nur seine Philosophie: „Du arbeitest hart und konzentrierst dich auf das, was vor dir liegt.“

          Das wäre fürs Erste gar nicht mal so schwierig. In der Liga spielen 31 Klubs, von denen sich die besten sechzehn für die Play-offs qualifizieren. Und einen Abstieg gibt es nicht. Sollte es mit den Oilers mal wieder nicht zum Happy End reichen, bliebe Draisaitl immerhin noch eine weitere Gelegenheit, zum versöhnlichen Abschluss einer für ihn wechselhaften Saison: Am 10. Mai beginnt die Weltmeisterschaft in der Slowakei. Toni Söderholm hat bereits signalisiert, dass er für den Stürmer bis zuletzt einen Platz im Kader frei lassen wird: „Er ist absolute Weltklasse“, sagte der neue Bundestrainer, „wenn Leon dabei wäre, wäre es super.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.