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Iserlohn Roosters : Angst hat nur der Gegner

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Iserlohns Trainer Jari Pasanen ist einer der Erfolgsgaranten. Bild: dpa

Ambitioniert starten die Iserlohn Roosters in die DEL-Play-offs. Der Höhenflug der „Hähne“ trägt dabei Züge eines Phänomens, als läge neben der Halle tatsächlich die Quelle eines Zaubertranks.

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          Jason Jaspers hatte nicht von langer Hand geplant, seinen Arbeitgeber zu wechseln. „Es kam unerwartet“, erzählt der Kanadier aus Thunder Bay in Ontario. Seit zehn Jahren verdient Jaspers sein Geld in Deutschland. Mannheim, Köln, Nürnberg hießen seine Stationen. Eigentlich wollte er in Franken bleiben. Dann machten sie ihm im Sommer aus dem Sauerland eindeutige Avancen, und der 34-Jährige war angetan. Seine Entscheidung wird er kaum bereuen. Jaspers steht mit den Iserlohn Roosters im Viertelfinale um die deutsche Meisterschaft, Gegner dort ist ausgerechnet sein alter Klub: Nürnberg.

          An diesem Mittwoch (19.30 Uhr / Live im DEL-Ticker bei FAZ.NET) treffen Roosters und Ice Tigers im ersten von maximal sieben Spielen aufeinander. Parallel greifen auch Wolfsburg und Düsseldorf in die Play-offs der Deutschen Eishockey Liga (DEL) ein. Schon am Dienstag eröffnete der Hauptrunden-Erste München die Meisterschaftsrunde und gewann gegen die Straubing Tigers mit 5:0. Der DEL-Rekordmeister Berlin (7 Titel), bekam es mit Köln zu tun und musste sich mit 3:0 geschlagen geben.

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          Wenn in Iserlohn der Puck fällt, wird das Heimteam kaum mehr als Außenseiter gelten, das sich versehentlich in die Endrunde verirrt hat. Die Erzählung von den mal belächelten, mal unterschätzten Eishockey-Galliern aus der Provinz, die den Mächtigen und Gutbetuchten der Branche tapfer die Stirn bieten, mag lange Charme versprüht haben – doch sie greift längst zu kurz. Gerne weisen sie in Iserlohn darauf hin, wirtschaftlich nach wie vor in den Sphären Schwenningens, Augsburgs und Straubings zu kreisen. Die sportliche Realität aber liefert einen augenfälligen Kontrast zu dieser rituellen Demut. Iserlohns erste Play-off-Teilnahme 2008 - als Fünfter scheiterten die Roosters in sieben Spielen an Frankfurt - blieb noch ein Achtungserfolg.

          Es folgten Jahre, in denen die Liga durch negative Schlagzeilen auffiel: In Frankfurt, Kassel und Hannover gingen der Reihe nach wegen finanzieller Turbulenzen die DEL-Lichter aus; Düsseldorf schlingerte, weil der Metro-Konzern ausstieg. „Auch wir hatten eine schwierige Zeit“, sagt Karsten Mende, seit bald 16 Jahren Manager der Roosters. „Heute haben wir andere Möglichkeiten.“ Sein Chef, der Geschäftsführende Gesellschafter Wolfgang Brück, nannte seinen Klub einst einen schlafenden Riesen. Wenn dem so ist, dann ist dieser Riese jetzt erwacht. Seit 2013 verstetigte sich der Erfolg im Sauerland, zum dritten Mal in Folge erreichten die Iserlohner das Viertelfinale. Eine bessere Ausgangslage, um erstmals ins Halbfinale vorzustoßen, hatten sie nie.

          Die Spieler fühlen sich wie im Haifischbecken

          Weil sich die Mannschaft keine ausgeprägte Schwächephase erlaubte, in 40 der 52 Hauptrundenspiele punktete, war sogar Platz eins bis zum letzten Spieltag in Reichweite. Nun starten die Roosters vom dritten Rang; das bedeutet Heimrecht in der Serie gegen Nürnberg. Und in ihrer Heimstatt am Seilersee, einer der letzten klassischen Eissporthallen in der Eliteliga, sind die Iserlohner eine Macht: Hier verloren sie lediglich zwei Spiele nach 60 Minuten. Nicht von ungefähr spricht man auf Nürnberger Seite vom unangenehmsten Gegner, auf den man hätte treffen können - zumal im Wissen um den Malus, das erste und notwendigenfalls das entscheidende siebte Spiel auswärts bestreiten zu müssen.

          Jaspers sieht darin „einen großen Vorteil. Die Fans sind extrem laut. Wir wissen, wie schwer es für den Gegner ist, in Iserlohn zu spielen.“ Der Höhenflug der „Hähne“ trägt durchaus Züge eines Phänomens. Das zeigt sich vor allem an jenen Profis, die nach ihrem Weggang aus Iserlohn bei ihren neuen Klubs, ausgestattet mit lukrativen Verträgen, die Erwartungen nicht erfüllt haben. „Es scheint hier irgendetwas zu geben, was viele besonders gut spielen lässt“, sagt Trainer Jari Pasanen kryptisch, als läge neben der Halle tatsächlich die Quelle eines Zaubertranks. Womöglich ist es die Arbeitsatmosphäre. Anderswo, sagt der Finne, fühlten sich die Spieler häufig wie im Haifischbecken. Mende ergänzt: „Wir sagen den Jungs offen und ehrlich, was wir von ihnen erwarten, in guten wie in schlechten Zeiten.“

          In der Mannschaft habe jeder seine Rolle akzeptiert, darin sind sich alle einig. Jaspers etwa sagt, sein Part sei offensiver konzipiert als in Nürnberg. Das Ergebnis: 42 Punkte, seine zweitbeste Ausbeute in der DEL. „Vom ersten Tag an war erkennbar, dass wir ein besonderes Team haben“, sagt Jaspers, der 2007 mit Mannheim Meister wurde. „Viel Talent und Spieler, die sich dem System fügen und unseren Zielen unterordnen, ergeben eine gefährliche Mischung.“ Unter Jaspers’ früheren Kollegen stechen Patrick Reimer (64 Punkte) und der bald vierzig Jahre alte Kanadier Steven Reinprecht (55) heraus.

          Zusammen bilden die beiden Nürnberger das produktivste Sturmduo der Liga. Beide Mannschaften verfolgten einen ähnlichen Stil, seien „läuferisch und technisch stark“, so Jaspers. Kurz: Es ist ein Viertelfinalduell mit offenem Ausgang. „Nürnberg ist mit dem Anspruch, Meister werden zu wollen, in die Saison gegangen und hat seine Qualitäten gezeigt“, sagt Mende. „Aber wir sind Dritter, und ich wüsste nicht, warum wir mit Angst ins Spiel gehen sollten.“

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