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Eishockey : Die Berliner Eisbären lassen Pierre Page schmählich im Stich

  • -Aktualisiert am
Die Spieler schenkten Page kein Gehör mehr
          2 Min.

          Ein paar Minuten lang saß Pierre Page am Tisch und sah aus, wie ein Trainer eben aussieht, nachdem er von seinen Spielern im Stich gelassen wurde. Er verzog keine Miene, er blickte ins Leere, er presste die Lippen zusammen, und nichts deutete zunächst darauf hin, dass der oft eigensinnig auftretende Kanadier im nächsten Moment zu einer rührenden Rede ansetzen würde, zu einer Abschlussansprache, die zum Loblied auf die vergangenen fünf Jahre bei den Berliner Eisbären geriet.

          Thomas Klemm
          Sportredakteur.

          "Ich bedauere einige Dinge in meinem Leben", sagte Page und hatte plötzlich Pathos in der Stimme, "aber was ich, meine Frau und meine Tochter nicht bedauern, ist nach Berlin gekommen zu sein. Es waren die besten fünf Jahre meines Lebens." Der 58 Jahre alte Trainer, der die Eisbären in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) dreimal nacheinander ins Finale und in den vergangenen beiden Jahren zur Meisterschaft geführt hatte, dankte nach dem 0:6-Debakel bei den Frankfurt Lions allen und jeden (Siehe auch: Eishockey: Eisbären erledigt, Hühnchen verspeist, Adler vor Augen), sprach gar davon, dass es "ein Traum" sei, für die Anschutz-Gruppe als Eisbären-Eignerin gearbeitet zu haben. Nur den Manager Peter John Lee, den erwähnte der scheidende Erfolgstrainer nach der verpassten Play-off-Teilnehme mit keinem Wort.

          Zermürbt vom Machtkampf

          Zermürbt vom langem Machtkampf mit dem Manager und vom Zwist mit einigen Führungsspielern, hatte der Trainer schon im vorigen August angekündigt, die Eisbären verlassen zu wollen. Nun geht Page zwar als gestürzter Meistertrainer, der über seine Zukunftspläne schweigt, aber er hinterlässt in Berlin etwas, worauf er stets besonderen Wert gelegt hat: eine Perspektive. Es war das Konzept des Kanadiers, auf deutsche Talente zu vertrauen und sie zu fördern; manche von ihnen haben es unter ihm bis in die Nationalmannschaft geschafft. Dass sein Konzept in diesem Jahr sportlich scheiterte, dass der Eishockeymeister sich erst als Hauptrundenneunter nicht direkt für das DEL-Viertelfinale qualifizierte und dann in der "Pre-Play-off-Serie" eine 1:0-Führung gegen die Frankfurt Lions mit zwei anschließenden Niederlagen verspielte, lag wohl weniger an Page als an jenen, die ihm die Gefolgschaft verweigerten (Siehe auch: Eishockey: Frankfurt Lions als Überlebenskünstler).

          "Wir alle sind ihm dankbar", behauptete zwar der ewige Eisbär Sven Felski, ignorierte dabei aber geflissentlich jene Kollegen, die auf Page nicht so gut zu sprechen waren. Vor allem jenes Häuflein war es, das sich am Dienstag nach dem 0:1-Rückstand in Frankfurt zunehmend aufgab, das zwar weiter übers Eis lief, aber das Spielen und Kämpfen einstellte und eine besondere Form des Vorführeffekts erlebte: Die Frankfurter Löwen spielten mit den Berliner Eisbären Katz und Maus, und am Ende haderte Trainer Page damit, dass seine Appelle an die Berufsehre in der Frankfurter Eissporthalle ungehört verhallten.

          Die Liga wird ihn vermissen

          "Ich habe den Profis gesagt, sie sollten bis zuletzt wie Champions auftreten", sagte der Kanadier, "aber sie sind nicht aufgetreten wie Champions." Eine Strafe folgte der nächsten, eine Prügelei folgte auf die andere, und am Ende mussten die Berliner 52 Minuten absitzen und damit zehn Minuten mehr als die Lions.

          Der Löwen-Trainer Rich Chernomaz, dessen Team sich auf den letzten Drücker eine Viertelfinalserie gegen die Adler Mannheim sicherte, sah in Pages bitterem Ende kein Schattenwurf auf eine glanzvolle Karriere. "Die Liga wird dich vermissen", sagte der Kanadier, "du bist ein exzellenter Eishockey-Mann. Ich hoffe, eines Tages werde ich so viel Erfolg haben wie du." In dem Moment wurden Pierre Page, dem Mann mit dem strengen Scheitel und dem strengen Gesicht, die Augen feucht.

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