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Eishockey : Dave King ist nicht mehr aller König

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Die Achterbahnfahrt der Hamburg Freezers bringt ihren Trainer in arge Bedrängnis. Niemand spricht an der Elbe mehr vom erstmaligen Gewinn der Meisterschaft.

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          Es war wie ein Ritterschlag für den Retortenverein. Als Dave King im Sommer 2003 als neuer Chefcoach der Hamburg Freezers vorgestellt wurde, wähnten sich die Fans im siebten Eishockey-Himmel. Die kanadische Trainer-Ikone mit der exzellenten Reputation würde dem als Plastikklub belächelten Verein, der vor der Saison 2002/03 aus wirtschaftlichen Gründen von München nach Hamburg verpflanzt worden war, zu Glanz und Ansehen verhelfen. Im zweiten Jahr des Bestehens der Hamburg Freezers fühlten sie sich angekommen in der Deutschen Eishockey Liga (DEL), von der Konkurrenz als Aspirant auf den Titel wahrgenommen.

          Achtzehn Monate später spricht an der Elbe niemand mehr vom erstmaligen Gewinn der Meisterschaft. Für den Halbfinalteilnehmer der vergangenen Serie geht es einzig und allein darum, überhaupt erstmal die Play-offs zu erreichen. Die sportliche Achterbahnfahrt der Freezers, die sich derzeit am siebten Tabellenplatz festklammern, hat Narben hinterlassen. King hat keinen Kredit mehr bei den Anhängern. Von der innigen Zuneigung, die dem früheren kanadischen Nationaltrainer noch vor einem knappen halben Jahr entgegengebracht wurde, ist nichts mehr geblieben. Dem 57 Jahre alten Kanadier, dessen Vertrag bis Sommer 2006 läuft, schlägt offen Ablehnung in Gesicht.

          Kritik und Pfiffe

          "Mr. King, Sie haben fertig!" stand in großen Lettern auf einem Spruchband geschrieben, das die Fans vor dem Heimspiel gegen den ERC Ingolstadt (3:2 nach Penaltyschießen) emporreckten. In der Partie zuvor gegen die Düsseldorfer EG (4:1) bekundete die Basis mit einem stummen Protest ihren Unmut. Erst nach drei gespielten Minuten strömten die Fans in den Block und nahmen ihre Plätze ein. Und Pfiffe gegen Dave King bei der Vorstellung der Teams sind in der Color Line Arena bereits seit mehreren Wochen obligatorisch.

          Hauptkritikpunkt der Fans: King vergraule mit seiner direkten Art die Spieler. Mark Greig zog es kurz vor der Saison zu den Kassel Huskies, Wayne Hynes Mitte November nach Hannover. Und Angreifer Jim Dowd hält sich derzeit irgendwo in den Vereinigten Staaten auf. Offiziell und auch auf Versicherung des Trainers wegen familiärer Gründe. Nicht wenige halten aber einen Streit mit King für ausschlaggebend. Zudem gab es aus dem Kreis der Mannschaft Kritik an der defensiven Taktik. Von veralteten Methoden war die Rede, nicht richtig dosierten Trainingseinheiten.

          Eine Aussprache zwischen Mannschaft und Coach war unumgänglich. Seitdem habe sich King verändert, zum Positiven, wie Manager Boris Capla befindet. "Dave geht jetzt mehr auf die Mannschaft zu." King bestätigt, daß er sich und seine Arbeit hinterfragt hat. "Ich habe immer versucht, meine Spieler anzutreiben. Manchmal war ich wohl ein bißchen zu hart." Er habe lernen müssen, Nachsicht walten zu lassen - wohl dosiert. "Ich trete wie ein Großvater auf, der zwar seine Ansprüche und seine Ansichten formuliert, aber in letzter Konsequenz doch nachsichtig ist." Der Unterschied zur nordamerikanischen Profiliga NHL sei immens, dort herrsche ein rauherer Ton. Er habe sich auf die andere Mentalität erst einstellen müssen, sagt King. Sein Lebensmotto lautet: Intelligenz liegt darin, sich anzupassen.

          Mechanismen des Profigeschäfts

          Daß die Mannschaft in den vergangenen Wochen gegen ihn gespielt haben könnte, dafür hat King trotz der Niederlagen in Kassel (1:3), Mannheim (0:5) und Köln (1:6) keinen Hinweis finden können. "Ich habe niemals daran gezweifelt, daß sie auf meiner Seite war. Die Fans haben jedes Recht, ihrer Enttäuschung eine Stimme zu geben. Sie bezahlen für ihr Kommen."

          Ein Abebben des Zuschauerstroms können sich die Hamburger nicht leisten. Der Verein mit einem Etat von 7,1 Millionen Euro befindet sich weiter in der Investitionsphase. "Wir werden sehen, ob es diesmal eine schwarze Null gibt", orakelt Manager Capla und hinterfragt die Mechanismen des Profigeschäfts. "Es gibt nichts Einfacheres, als den Trainer zu entlassen. Zwei, drei Spiele lang würde das die Mannschaft antreiben, danach aber fällt die Leistungskurve wieder. Eine Trainerentlassung ist immer auch ein Kostenfaktor." Setzen die Hamburger ihrem Coach den Stuhl vor die Tür, wird der Break-even-Punkt kaum zu erreichen sein.

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