https://www.faz.net/-gtl-6v0dy

Eishockey-Bundestrainer Kölliker : Unterschätzter Lückenbüßer

Raffiniert und aufrichtig: Kölliker hat als Assistenztrainer fünf Olympische Spiele erlebt Bild: dpa

Der Deutsche Eishockey-Bund hat Ralph Krueger nicht bekommen - und Jakob Kölliker genommen. Der Rekordnationalspieler der Schweiz ist nun Bundestrainer zur Probe.

          3 Min.

          Der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) hat noch Nachholbedarf. Auf seiner Internetseite, mit der der Verband unter anderem für den an diesem Wochenende stattfindenden Deutschland-Cup wirbt, sind es weiterhin die Nationalmannschaft des Jahrgangs 2010 und der ehemalige Bundestrainer Uwe Krupp, die den Besucher der Homepage in Großformat anstrahlen. Dabei ist das Kapitel Krupp seit fünf Monaten beendet - und viele der Akteure, die im vergangenen Jahr bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land auftrumpften, sind bei dem Vier-Nationen-Wettbewerb gar nicht dabei. Der Zeitenwechsel, der im Sommer mit dem Abgang Krupps zu den Kölner Haien eingeläutet wurde, vollzieht sich verbandsintern bislang ohne merkliche Veränderungen. Sportlich abgeschlossen ist der Umbruch längst nicht.

          Marc Heinrich
          Sportredakteur.

          Das Kommando bei der DEB-Auswahl führt seit Juli Jakob Kölliker, ein Newcomer. Der Schweizer ist hierzulande ein weitgehend unbekannter Eishockey-Experte. Bei der Veranstaltung in der Olympiahalle bietet sich nun erstmals die Gelegenheit, dass sich ein breiteres Publikum in Deutschland von ihm ein Bild machen kann. Wobei gleich die Premiere für ihn eine reizvolle Konstellation bereithält: Ausgerechnet gegen sein Heimatland steht der nach wie vor in Bern lebende Achtundfünfzigjährige an diesem Freitag (20 Uhr) erstmals hinter der Auswechselbank der Akteure in Schwarz-Rot-Gold. "Ich denke nicht, dass ich mich da zurückhalten muss. Ich bin im Moment auf Deutschland getrimmt. Das ist jetzt meine Mannschaft. Alles andere verdränge ich", sagte er und fügte an: "Sentimentalitäten werden keine aufkommen."

          „Schlau, loyal und unterschätzt“

          Kölliker ist mit 213 Länderspielen bis heute Rekordnationalspieler der Eidgenossen. Neun Jahre lang, bis 2009, half er als rechte Hand Nationalcoach Ralph Krueger bei der Evolution der Schweizer von einem Abstiegskandidaten zu einer etablierten Mittelmacht im Kreis der besten Nationen. Kölliker verfügt mit fünf Olympischen Spielen und 22 weiteren Teilnahmen an internationalen Turnieren als Aktiver und Assistenztrainer über eine weitreichende fachliche Reputation. Er gilt als raffiniert und aufrichtig, doch im Vergleich zu seinem früheren Chef bei weitem nicht so charismatisch. "Schlau wie der brave Soldat Schwejk, aber loyal und wie Inspektor Columbo immer wieder unterschätzt", kommentierte die Schweizer Zeitung "20 Minuten", als sein Wechsel ins Nachbarland feststand. Kölliker muss versuchen, mit vielen kurzfristigen Erfolgen, den ihm anhaftenden Ruf des Lückenbüßers loszuwerden. Präsident Uwe Harnos verständigte sich nach vielem Hin und Her und wechselnden Mehrheitsmeinungen in den Gremien des DEB und den Klubs der Deutschen Eishockey Liga mit dem Seiteneinsteiger nur auf einen Zwölfmonatsvertrag.

          Als eigentlicher Wunschkandidat galt Krueger, der sich jedoch dazu entschloss, vorerst seine Verpflichtungen als Betreuer der Edmonton Oilers zu erfüllen. Die Zusammenarbeit mit dem Klub in der nordamerikanischen Profiliga NHL endet für ihn in knapp einem halben Jahr - sollten die Resultate aus Köllikers Engagement bis dahin als unbefriedigend bewertet werden, wäre Krueger garantiert noch einmal erster Anwärter für die wichtigste Stelle, die der DEB zu vergeben hat. Wobei selbst bei einer erkennbaren Weiterentwicklung der Nationalmannschaft unter der Regie des Debütanten nicht ausgeschlossen ist, dass Krueger dennoch die Verantwortung übernimmt - gemeinsam mit seinem langjährigen Partner, der dann auf den vakanten Posten des Sportdirektors rücken könnte.

          Kein fester Spielführer

          Kölliker geht zuversichtlich an die Aufgabe heran. Er fühle sich überhaupt nicht als Verlegenheitslösung, sondern freue sich auf die Herausforderung: "Es ist für beide Seiten Neuland. Ich werde alles Menschenmögliche machen, um dieser Position gerecht zu werden", sagte der ehemalige Abwehrspieler des EHC Biel, aber niemand wisse, "was nächsten Frühling passiert. Alles ist Spekulation." Ansonsten klangen seine Vorhersagen nicht so zurückhaltend wie die seiner Vorgänger Krupp oder Hans Zach bei ähnlichen Gelegenheiten, die beide stets auf den begrenzten Rahmen der Möglichkeiten hinwiesen, der ihnen die Arbeit erschwerte. Das Verwalten des Status quo sei ihm zu wenig, sagte Kölliker, weil damit auf Dauer keine Qualitätssteigerung des deutschen Eishockey zu erzielen sei: "Wir wollen siegen, das ist immer das Ziel."

          Ansprache: Kölliker versammelt sein Team um sich
          Ansprache: Kölliker versammelt sein Team um sich : Bild: dpa

          Vor dem Kräftemessen in der bayerischen Landeshauptstadt, das auch Partien gegen die Slowakei (Samstag, 14.30 Uhr), und die Vereinigten Staaten (Sonntag, 17.15 Uhr) bringt, überraschte die neue Führungskraft mit der Ankündigung, zunächst auf einen festen Spielführer verzichten zu wollen. Stattdessen solle es ein "Kapitänsteam" aus bis zu acht Routiniers geben. Daraus werde er bei den weiteren Tests jeweils einen anderen Anführer bestimmen. "Ich will den Vergleich haben", so Kölliker, "denn eines ist klar: Die Selektion Richtung WM beginnt jetzt." Jeder müsse in den kommenden Monaten bis zu den Titelkämpfen in Schweden und Finnland seine Stellung in der DEB-Gemeinschaft stets aufs Neue behaupten. Das gilt nicht zuletzt auch für ihn.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          So sollte es nach Meinung fast aller Parteien an mehr Orten in Deutschland aussehen: Windpark im Sönke-Nissen-Koog an der Nordsee

          Von Fahren bis Bauen : Wie die Parteien das Klima retten wollen

          CDU, SPD und Grüne wollen die nächste Regierung anführen und den Klimawandel aufhalten. Wo sich ihre Programme unterscheiden, wo sie sich ähneln – und wo sie vor allem auf das Prinzip Hoffnung setzen.
          „Wachstumsschmerzen sind etwas Positives, wie bei Teenagern“, sagt Vorstandsvorsitzender Joachim Kreuzburg, 56.

          Sartorius-Chef Kreuzburg : Der deutsche Börsenstar

          40.000 Prozent Kursplus in 18 Jahren: Joachim Kreuzburg hat aus Sartorius einen Weltkonzern gemacht. Alle Impfstoffhersteller sind auf die Produkte angewiesen. Analysten sehen weiteres Kurspotential.
          In einer Reihe? Die SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken, in ihrer Mitte Kanzlerkandidat Olaf Scholz

          Esken und Kühnert : Wie viel Scholz steckt in der SPD?

          Noch herrscht zwischen Kanzlerkandidat und Parteiführung Einigkeit – nach der Wahl könnte sich das ändern. Vor allem die Jusos werden in der neugewählten Fraktion stark vertreten sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.