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Razzia im Rahmen der Ski-WM : In flagranti erwischt

Polizei an der Loipe: Bei der Nordischen Ski-WM in Seefeld hat eine Doping-Razzia stattgefunden. Bild: AP

Bei den Nordischen Ski-Weltmeisterschaften werden sieben Personen in Seefeld festgenommen, dazu zwei in Erfurt. Es ist ein Doping-Beben wohl nicht nur in Tirol. Ein Sportler wird sogar bei der Eigenbluttransfusion erwischt.

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          Im Zuge der spektakulärsten Ermittlungen in der Doping-Szene des nordischen Skisports seit der Razzia beim österreichischen Langlaufteam während der Olympischen Spiele von Turin 2006 haben deutsche und österreichische Staatsanwälte in Seefeld und Erfurt am Mittwoch insgesamt neun Personen festnehmen lassen. Darunter sind fünf Sportler: zwei Österreicher, zwei Esten und ein Kasache. Einer der fünf, sagte Dieter Csefan am Mittwochnachmittag bei einer Pressekonferenz des österreichische Bundeskriminalamts (BKA) und der Innsbrucker Staatsanwaltschaft, sei bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft auf frischer Tat ertappt worden, „mit der Bluttransfusion im Arm“. Die Razzien liefen unter dem Namen „Operation Aderlass“, die Ermittlungen legen nahe, dass nicht nur Langläufer und nordische Skisportler von ihnen betroffen sein werden. Beim 15-Kilomter-Rennen der Männer standen die Österreicher Max Hauke und Dominik Baldauf, als Polizeisportler selbst Polizisten, die Esten Andreas Veerpalu und Karel Tammjärv sowie der Kasache Alexeij Poltoranin in den Startlisten, nahmen aber nicht am Rennen teil.

          Während der Wettkampf mit dem Sieg des einst wegen Dopings gesperrten Norwegers Martin Johnsrud Sundby zu Ende ging, gaben die österreichischen Ermittler im Polizeisaal der Landespolizeidirektion Tirol in Innsbruck Auskunft über ihre Ermittlungen. Zuvor waren in Erfurt am Mittwoch der deutsche Mediziner Dr. Mark S. und ein Gehilfe festgenommen worden, S. ist früherer Mannschaftsarzt des „Gerolsteiner“-Radrennstalls und gilt als Drahtzieher eines Netzwerks, das nach Darstellung des österreichischen BKA „weltweit agierte“. „Diese aus Erfurt agierende kriminelle Gruppierung ist dringend verdächtig, seit Jahren Blut-Doping an Spitzensportlern durchzuführen, um deren Leistung bei nationalen und internationalen Wettkämpfen zu steigern und dadurch illegale Einkünfte zu lukrieren“, teilten die österreichischen Ermittler mit.

          Die Staatsanwaltschaft München I, Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Doping, teilte gegenüber dieser Zeitung mit, dass in Deutschland neun und in Österreich zwei Objekte durchsucht wurden. Ausgelöst wurden die Münchner Ermittlungen durch die Aussagen des österreichischen Langläufers Johannes Dürr, der während der Olympischen Winterspiele von Sotschi 2014 positiv auf das Doping-Mittel Erythropoetin (Epo) getestet worden war, und der am 17. Januar der ARD über seine Doping-Karriere berichtet hatte. In München werden derzeit Ermittlungsverfahren gegen vier Beschuldigte geführt, „die alle heute (am Mittwoch, d. Red.) festgenommen wurden“, wie Oberstaatsanwältin Anne Leiding mitteilte.

          Pressekonferenz in Innsbruck: Dieter Csefan (links) vom österreichischen Bundeskriminalamt gibt Auskunft.

          „Im Zuge der Ermittlungen konnten wir die Organisation identifizieren und mit heutigem Tag auch zerschlagen“, sagte Csefan. Der Innsbrucker Staatsanwalt Hansjörg Mayr sagte, die Ermittler hätten konkrete Anhaltspunkte gehabt, dass S. plante, zur WM nach Seefeld zu reisen und seine Dienste am Austragungsort auszuführen. Daraufhin seien der Arzt und seine Mitarbeiter in Deutrschland sowie die Sportler in Seefeld observiert und „bei Doping-Maßnahmen“ beobachtet worden, was den Verdacht bestätigt habe. Zudem sei bekannt geworden, wer zu den Klienten des Arztes gehört. Das sei zuvor nicht bekannt gewesen, sagte Mayr in Innsbruck. Daraufhin seien Haftbefehle gegen fünf Sportler erwirkt und Hausdurchsuchungen durchgeführt worden. Die Sportler wurden in Untersuchungshaft genommen und am Nachmittag verhört.

          S., so der Verdacht der Ermittler, habe seit Jahren gewerbsmäßig „illegale Anwendungen an Spitzensportlern zur Leistungssteigerung durchgeführt“, wie es Csefan ausdrückte. Es sei gelungen ein „umfassendes Bild“ zu generieren. In Erfurt sei es während des „zeitgleichen, koordinierten Zugriffs, bei dem insgesamt 120 Beamte eingesetzt wurden, gelungen, das „illegale Doping-Labor, mit Doping-Präparaten, mit Blutbeuteln, mit Bluttransfusionen und einer Zentrifuge“ sicherzustellen. „Die komplette Beweis- und Indizienkette ist hier geschlossen“, sagte Csefan. Auf Grund des Verdachts, dass dieses Netzwerk „seit Jahren und weltweit agiert“ liege nahe, dass „sicherlich auch andere Sportarten betroffen sein werden“.

          Der Deutsche Ski-Verband teilte mit, von den Ermittlungen nicht betroffen zu sein. Langlauf-Bundestrainer Peter Schlickenrieder sagte, die Berichte seien „extrem bedenklich“, das mache einen „systematischen“ Eindruck. Nach der Ausstrahlung der Dürr-Dokumentation in der ARD, in der Dürr, nicht als erster Sportler, schilderte, wie die Doping-Karriere in der Spitzensport-Struktur über Jahre herangebildet wurde, hatten Sportler von einem Einzelfall gesprochen. Langläufer Sebastian Eisenlauer aus Sonthofen sagte am Mittwoch, schwarze Schafe gebe es leider immer. „Wir können uns glücklich schätzen, wenn sie raus sind.“ Trond Nystad, Langlauf-Koordinator des Österreichischen Ski-Verbands (ÖSV), sagte der Deutschen Presse-Agentur, er habe gedacht, dass seine Sportler trainierten und „nicht so einen Scheiß“ machten.

          Peter Schröcksnadel, schon ÖSV-Präsident zur Zeit der Razzia 2006, dessen damalige Aussage „Austria is a too small country to make good doping“ bis heute nachhallt, wurde in einer Mitteilung zitiert, in der es heißt, der ÖSV sei schockiert, dass „eine bestens vorbereitete Nordische Ski-Weltmeisterschaft nun von einem Doping-Skandal überschattet“ werde. „Nichts ist niederträchtiger als das Erkaufen von besseren Resultaten durch illegale leistungssteigernde Methoden. Ich bin zutiefst verärgert, dass einzelne Athleten scheinbar nichts aus der Vergangenheit gelernt haben. Im ÖSV gilt Null-Toleranz gegenüber Doping“, sagte demnach Schröcksnadel. „Unabhängig davon“, dass keine österreichischen Betreuer involviert seien, werde er vorschlagen, „den Langlaufsport im ÖSV völlig neu zu organisieren“.

          Die Nationale Anti-Doping-Agentur in Bonn war nach Aussage ihres Vorstands Lars Mortsiefer nicht in die Ereignisse von Mittwoch involviert, habe aber zwischen der Münchner und der Innsbrucker Staatsanwaltschaft im Vorfeld vermittelt. „Wir haben inzwischen ein Netzwerk aufgebaut, das die Nada, Staatsanwaltschaften, den Zoll, das BKA, auch Wada mit dem (beurlaubten, d. Red.) deutschen Kriminalbeamten Günter Younger verbindet. Das läuft hervorragend“, sagte Mortsiefer. Ihm sei es sehr recht, wenn die Ermittlungen nun eine Welle auslösen würde. „Wenn Doper nun Angst bekommen, dann ist es genau das, was wir beabsichtigen.“ Die Welt-Anti-Doping-Agentur teilte mit, sie habe in „engem Kontakt“ mit den Ermittlern gestanden, die Ermittlungsabteilung (die Younger leitet, d. Red.) habe „Informationen und andere Hilfestellung“ beigetragen.

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