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Deutsches Skisprung-Team : Es ist noch Luft nach oben

Fragender Blick nach oben: Severin Freund fliegt noch nicht so weit wie erhofft. Bild: dpa

Die deutschen Skispringer suchen weiter ihre Form, punkten aber mit ihrer Geschlossenheit. Ein Österreicher ist derweil schon topfit – und mittlerweile einer der Favoriten für den Sieg bei der Vierschanzentournee.

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          Nach einer Generalprobe nicht wunschlos glücklich zu sein gilt als akzeptable Voraussetzung, um vor der Hauptaufführung, bei der dann wesentlich mehr auf dem Spiel steht, die Sinne noch einmal zu schärfen und in besserer Verfassung auftreten zu können. Mit dieser entspannten Sichtweise konnten auch die deutschen Skispringer dem Weltcup-Wochenende in Engelberg etwas abgewinnen.

          Sie mühten sich, nach den schwankenden Vorstellungen in der Schweiz nicht allein den Platzierungen Beachtung zu schenken, die verdeutlichten, dass bei allen noch Luft nach oben ist. Als „ein bisschen ambivalent“ schätzte Bundestrainer Werner Schuster die Lage ein: „Wir haben die Hausaufgaben gemacht. Schwierigkeiten sind aber da, zwei Sprünge im Wettkampf zu bringen.“ Seine Leute werden sich steigern müssen, wenn sie rund um den Jahreswechsel bei der Vierschanzentournee der Konkurrenz mit größeren Erfolgsaussichten begegnen wollen.

          Freund kämpft weiter mit OP-Folgen

          Am Samstag punktete das Team durch mannschaftliche Geschlossenheit. Beim Sieg des Österreichers Michael Hayböck, der sich vor dem slowenischen Aufsteiger Domen Prevc sowie Landsmann Andreas Kofler durchsetzte, blieb das Quintett des Deutschen Skiverbandes hinter den eigenen Ansprüchen zurück; Markus Eisenbichler (7. Platz), Richard Freitag (8.), Severin Freund (10.), Stephan Leyhe (14.) und Andreas Wellinger (15.) kamen nicht so ins Fliegen, dass sie Selbstvertrauen für kommende Aufgaben hätten sammeln können. Der Sonntag lief ein wenig erfreulicher: Eisenbichler landete mit 136 und 136,5 Metern auf dem fünften Rang, Freitag (136,5/135,5) wurde Siebter, Freund (138,5/138,5) Neunter, während sich Domen Prevc (144/141,5 Meter) souverän an die Spitze schob.

          Freund nahm die wechselhaften Ergebnisse vergleichsweise gelassen zur Kenntnis. Sein Motto in der gegenwärtigen Phase scheint zu lauten: In der Ruhe liegt die Kraft. Die Führungsfigur des Teams, der noch immer die Nachwirkungen einer Hüftoperation zu schaffen machen, räumte ein, „dass die Form natürlich noch nicht so ist, wie ich es mir vorstelle“. Aber er wirkte darüber nicht verwundert oder gar verärgert: „Weit springen macht schon mehr Spaß. Und es gibt genug Momente, in denen ich säuerlich dreinschaue. Doch das ist dann schnell verflogen.“

          Der Bayer hat sich durch seine Meisterstücke in der Vergangenheit ein Grundvertrauen in die eigene Stärke erarbeitet, das durch nichts und niemanden so schnell zu erschüttern ist. Es fehle ihm hauptsächlich an Verlässlichkeit, um dann „mit mehr Konstanz das Ganze eine Stufe nach oben zu bringen. „Es braucht Zeit“, sagte der 28-Jährige, für den „Druck machen“ als Alternative „nicht in Frage kommt“. Er wolle sich, sagte der Tournee-Zweite der vergangenen Saison, „selbstverständlich verbessern“. Doch unrealistische Erwartungen würden die Sache nur komplizierter machen: „Es gibt da ja dann nur den ersten Platz. Und es wäre unter den jetzigen Umständen dämlich, im Kopf diese Wand einzubauen. Müssen ist im Skispringen keine Lösung.“

          Die Trainingspausen taten ihm gut: Der Österreicher Hayböck hat kurz vor der Vierschanzentournee die richtige Spur gefunden.

          Hayböck, der gegenwärtig über ein tragfähigeres Flugsystem verfügt, weiß, dass es weit gehen kann, wenn der imaginäre Rucksack aus Erwartungen und Befürchtungen, den ein jeder in der Zunft mit sich herumträgt, nicht zu schwer auf den Schultern lastet. Hinter dem Mann aus Linz, der am Sonntag Sechster wurde, liegen Wochen, in denen wenig funktionierte, doch seitdem die Ursache für seine Schmerzen an den Lendenwirbeln gefunden und medizinisch behandelt wurde, wichen die Sorgen frischem Schwung. Er sprach von „perfektem Timing“, sich kurz vor Weihnachten in eine Mitfavoritenrolle für die Tournee katapultiert zu haben: „Das ist cool.“ Bis zum Dienstag musste der 25-Jährige die Füße still halten. Er wurde mit Massagen behandelt, ehe Einlagen angepasst waren, mit denen einem Beckenschiefstand entgegengewirkt werden soll.

          „Körperlich fühle ich mich perfekt vorbereitet“, sagte Hayböck, der seinem Trainer explizit dafür dankte, dass dieser die Weitsicht besaß, ihn vorübergehend aus dem Übungsbetrieb auszuschließen, was den Heilungsprozess befördert habe. Heinz Kuttin, der Chefcoach, kann Erfolgsmeldungen gebrauchen. In der Heimat, wo die Fans von den „Superadlern“ jahrelang fast nur Triumphe gewöhnt waren, mehrte sich Kritik an seinem Engagement. Keiner formulierte sie so scharf wie Alexander Pointner, der seinem Nachfolger vorwarf, „eine Wohlfühloase“ kreiert zu haben, in der zu bescheidene Ansprüche gestellt würden.

          Kuttin fühlt seine Leute nach Engelberg aber mehr denn je gewappnet. Hinter ihnen liegt ein Sommer, in dem Anlaufpositionen aerodynamische modifiziert wurden, wodurch die Geschwindigkeit der Athleten am Schanzentisch um bis zu einen Kilometer pro Stunde zunahm. Beim Krafttraining wurde mehr Wert auf Mobilität und Stabilität gelegt. „Stand heute würde ich sagen, wir haben alles richtig gemacht.“ Hayböck lobte den eingeschlagenen Weg ausdrücklich: „Die Gewissheit, gut trainiert zu haben, hilft uns allen ungemein.“ Auch demnächst bei der Tournee. Die wie immer und ganz egal, was vorher war, zu einer besonders kniffligen Angelegenheit werde. Auch wegen der Rivalität zu den Deutschen: „Sobald wir in Oberstdorf an der Schanze stehen, werden auch sie wieder ein Wort mitreden.“

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