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Bob-WM : Geld für Gold

  • -Aktualisiert am

Trainingsdurchlauf des deutschen Zweierbobs Bild: dpa

Kaum ein Sport ist so auf Steuergelder angewiesen wie der Bobsport. Deshalb ist die olympische Gegenleistung umso wichtiger. Die Heim-WM ist dafür der große Test.

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          Eigentlich hatten die deutschen Bobfahrer in der Nähe von Sotschi um die Weltmeisterschaft fahren wollen. Es gibt noch wenigstens eine offene Rechnung. 2014 kehrten die erfolgsgewohnten Bob-Teams ohne eine einzige Medaille von den Olympischen Winterspielen in Russland zurück. Erstmals seit 1964. Eine Schmach, die Sportskameraden gern an Ort und Stelle tilgen. Nun verhindert Doping die Revanche. Denn der Internationale Bob- und Skeleton-Verband sah sich gezwungen, unter dem Eindruck des detailliert beschriebenen, vom russischen Staat unterstützten Manipulationssystems in Sotschi, den Russen die WM zu entziehen. Am Freitag begann die Sause mit den ersten beiden von vier Fahrten der Frauen im Zweierbob auf der Kunsteisbahn am Königssee. Die eilfertige Bereitschaft des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland (BSD), innerhalb von acht Wochen eine WM zu organisieren, hat einen besonderen Grund: „Sie ist der letzte Höhepunkt vor den Winterspielen“, sagt der Cheftrainer der Deutschen, René Spies, „eine wichtige Generalprobe“ für die Winterspiele in einem Jahr in Südkorea; ein wegweisender Test für Mensch und Material.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Wer behält die Nerven vor eigenem Publikum auf der bestens bekannten Heimbahn? Welcher Bob hat goldenen Boden? Wer bekommt das Vertrauen für die heikle Olympiamission: „Noch so eine Schlappe wie in Sotschi“, sagte BSD-Präsident Andreas Trautvetter während der Eröffnungsfeier bierernst, „dürfen wir uns nicht erlauben.“ Geld für Gold. In kaum einem anderen Sportverband muss diese Kalkulation so wörtlich genommen werden. Der Hauptanteil der Förderung für den BSD kommt vom Steuerzahler. Er beteiligt sich an der Finanzierung der (weltweit einmalig) vier Kunsteisbahnen. Die Athleten werden überwiegend von Bundespolizei oder Bundeswehr abgesichert. Und die Schlitten sollen eigentlich von der staatlichen Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte (FES) kommen. Unter dem zunehmenden Erwartungsdruck des Innenministers Thomas de Maiziere („ein Drittel mehr Medaillen“) und des auf Leistungsoptimierung ausgerichteten neuen Spitzensportkonzepts muss der Verband wie lange nicht mehr um seine Position kämpfen. Das lässt sich ablesen an den Investitionen. Bislang hat der BSD in dieser Saison etwa 350.000 Euro in ein duales, sportpolitisch heikles Konzept gesteckt: Die Bobs kommen aus Berlin – aber vor allem aus Österreich.

          „Mit meinen Bobs können sie in Südkorea Gold gewinnen.“

          Ein Staatsunternehmen und ein privater Einmannbetrieb aus dem Ausland als Konkurrenten in einem Team? Das verspricht Spannung. Sie schwelt seit Monaten, die Aussprachen häufen sich. Weil mal von Tricks mit Übergewicht bei Vergleichstestfahrten die Rede ist, von falschen Interpretationen der Weltcup-Ergebnisse und sogar von Spionagevorwürfen. „Stimmt nicht“ oder „Kein Kommentar“, heißt es von allen Seiten. Hannes Wallner, der Konstrukteur der Privatbobs in Händen deutscher Piloten, lächelt süffisant. Verbotene Einblicke? Das hat es schon immer gegeben im Bobgeschäft. Einst wurde ein Bundestrainer an den Hammelbeinen aus dem Ausstellungs-Bob eines deutschen Herstellers gezogen.

          An den Innereien der Schlitten erkennen wahre Experten die feinen Unterschiede. Und deshalb soll es eine unsichtbare Mauer im deutschen Team geben. Nur Wallner und ausgewählte Mechaniker dürfen am Allerheiligsten der österreichischen Bobs Hand anlegen. Umgekehrt erlaubt die FES keinen Einblick in ihr System. Allerdings fragt die Wallner-Fraktion halblaut wie rhetorisch, ob sie das denn nötig habe angesichts der bisherigen Ergebnisse: Die Frauen fahren zwar im FES-Zweier, haben aber nur Außenseiterchancen in Südkorea. Die Männer siegten in Wallner-Modellen, ab 80.000 Euro das Stück. Weltmeister Francesco Friedrich führt die Weltcup-Wertung im Zweier an mit vier Erfolgen in sechs Rennen. Auch im großen Schlitten (ab 110.000 Euro) scheint der Österreicher voraus zu sein. Dem Novizen Johannes Lochner gelangen drei Siege. Bei der WM, sagt Spies, sehe er eine doppelte Gold-Chance.

          Der Cheftrainer ist ein kluger Mann des Ausgleichs. Er lobt das jüngste „Entwicklungstempo“ der FES. Aber niemand aus der Bob-Szene würde sich wundern, wenn die deutsche Olympia-Flotte Anfang April überwiegend auf Wallners Schlitten ausgerichtet wird. Trotzdem wird die FES das Rennen langfristig gewinnen. Der BSD hat kein Interesse, seine Schmiede grundsätzlich in Frage zu stellen. Es gab zwar in der Vergangenheit immer wieder Schwankungen und auch schon mal einen Notkauf bei einem Privatier in der Ära des famosen Olympiasiegers André Lange, aber auch eine enorme Zahl von Erfolgen mit Produkten aus der Staatsschmiede. Wenn sie die Nase vorn hat, ist ihre Exklusivität unbezahlbar. Verlöre der BSD die Forschungsgruppe, dann wäre er auf alle Zeit den Privatiers ausgeliefert, Technikern, die ihr Wissen aus Eigenschutz so lange wie möglich hüten wie einen Schatz. Das Interesse an seiner Technik schätzt der Österreicher als natürliche Reaktion von neugierigen Ingenieuren ein. Er macht sich keine Illusionen. Die Firewall im deutschen Team wird seine Geheimnisse nicht lange schützen. Er hat das einkalkuliert. „Exklusivität kostet“, sagt Wallner mit Blick auf weitere Investitionen in das Olympiaprojekt. Im Gegenzug bietet er dem BSD Rettungsmedaillen an: „Mit meinen Bobs können sie in Südkorea Gold gewinnen.“

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