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Deutscher Skiverband : Die kleine Frauenkrise

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„Das ist mein erster Podiumsplatz in Lienz überhaupt, das ist ein gutes Ende“: Maria Höfl-Riesch Bild: AP

Maria Höfl-Riesch sorgt in Lienz für Erleichterung im deutschen Lager – trotzdem ist der Deutsche Skiverband vor Olympia in Sotschi nicht frei von Sorgen. Erklärungen für die kleine Frauenkrise gibt es viele.

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          Wolfgang Maier biss in seinen Handschuh. Die letzte Skirennläuferin der deutschen Mannschaft war unterwegs auf dem Schlossberg von Lienz, die letzte Chance, doch noch zufrieden das alte Jahr zu beenden. An diesem Weltcup-Wochenende in Osttirol hatte der Alpindirektor des Deutschen Skiverbandes bis dahin noch keine große Freude an seinem Frauenteam gehabt.

          Aber Maria Höfl-Riesch ließ Maier erleichtert aufatmen. Sie belegte am Sonntag den dritten Platz im Slalom hinter Marlies Schild aus Österreich und der Amerikanerin Mikaela Shiffrin. Als Achte schaffte es auch die Oberstdorferin Christina Geiger in die Top-Ten.

          Vor ein paar Jahren wäre dieses Ergebnis höchstens mittelmäßig gewesen. Im vergangenen Olympia-Winter galt das deutsche Slalom-Team als bestes der Welt. Aus den Nachwuchskadern drängten viele Athletinnen, die manchmal sogar auf Anhieb den Sprung unter die besten 30 schafften. Katharina Dürr landete 2008 in ihrem ersten Weltcuprennen auf dem 26. Platz, ein paar Wochen später bei ihrem zweiten Start wurde sie schon Elfte. Christina Geiger schaffte ein Jahr später ebenfalls bei ihrem zweiten Einsatz Platz 15. Susanne Riesch glänzte einst gar als Fünfte bei ihrem zweiten Weltcup-Slalom.

          Diese drei Athletinnen bildeten 2010 zusammen mit Maria Höfl-Riesch an der Spitze das Herzstück der Mannschaft. Geiger stagniert seitdem, und die jüngere Schwester der Doppel-Olympiasiegerin ist nach einer schweren Knieverletzung und zwei Jahren Pause schon froh, wieder dabei zu sein. In Lienz schaffte sie es als 22. zum ersten Mal wieder in die Punkteränge. „Ich brauche jetzt einfach ein bisschen Training, um in den Rhythmus reinzukommen“, sagt Susanne Riesch.

          © ZDF

          Um die vier Startplätze beim olympischen Torlauf in Whistler hatte es vor vier Jahre noch einen harten Kampf gegeben, den Katharina Dürr verlor, obwohl sie sich mit drei Top-Ten-Resultaten empfohlen hatte. Für die Winterspiele in Sotschi im Februar haben überhaupt erst insgesamt drei deutsche Skirennläuferinnen die Qualifikationskriterien – zweimal unter den besten fünfzehn oder einmal unter den besten acht – erfüllt.

          Neben Maria Höfl-Riesch, die als Gesamtweltcup-Führende ins neue Jahr geht, sind dies Christina Geiger und Riesenslalom-Olympiasiegerin Viktoria Rebensburg. „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir schon einmal nur so wenig Frauen dabei hatten“, sagt Maier. Wenn nicht noch die Lenggrieserin Barbara Wirth den zweiten Teil der Norm oder Lena Dürr und Susanne Riesch an ihren hoffnungsvollen ersten Durchgang in den kommenden Torläufen anknüpfen können, findet der Slalom am 21. Februar in Sotschi mit zur zwei Slalomfahrerinnen statt.

          Der Zeitplan der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi

          In den anderen Disziplinen sieht es nicht viel besser aus. In der Abfahrt wird es voraussichtlich sogar nur eine deutsche Starterin geben: Maria Höfl-Riesch. An ihr bleibt alles hängen, wenn Viktoria Rebensburg wie am Samstag im Riesenslalom nach überstandener Lungenentzündung hinterherfährt. Beim Sieg der Österreicherin Anna Fenninger belegte die Kreutherin nur den 24. Platz, so weit hinten war sie seit vier Jahren nicht mehr gelandet. Die Olympiasiegerin könnte im kommenden Winter aber die einzige deutsche Siegfahrerin sein, weil Maria Höfl-Riesch vermutlich am Saisonende ihre Karriere beendet.

          Es könnte vorerst die letzte sehr erfolgreiche Frauen-Saison sein. „Nach den letzten holprigen Wochen, in denen es nicht so richtig geflutscht ist, ist es schön, dass das Jahr so zu Ende geht“, sagte Maria Höfl-Riesch, die vor allem Gold in Sotschi im Visier hat, aber auch noch einmal chancenreich um die große Kristallkugel kämpft. Der Slalom sei „in Bezug auf den Gesamtweltcup sehr wichtig, weil meine Konkurrentinnen da nicht antreten“. Tina Weirather, Lara Gut und Anna Fenninger müssen ihre Punkten in nur drei Disziplinen sammeln.

          Maria Höfl-Riesch freut sich mit Siegerin Marlies Schild und der Zweiten Mikaela Shiffrin (links)
          Maria Höfl-Riesch freut sich mit Siegerin Marlies Schild und der Zweiten Mikaela Shiffrin (links) : Bild: REUTERS

          „Wir sind wieder da, wo wir 2006 waren“, sagte Maier. Damals war in Martina Ertl-Renz die letzte Rennläuferin der goldenen Generation des DSV abgetreten. Weil die junge Maria Höfl-Riesch nach zwei Kreuzbandrissen fast zwei Jahre fehlte, fiel die Frauenmannschaft in ein tiefes Loch. „Ich dachte eigentlich, dass wir alles getan haben, damit es dieses Mal nicht so krass wird.“

          Erklärungen für die kleine Frauenkrise gibt es viele. Eine davon ist Verletzungspech. Jedes Jahr erwischt es mindestens eine Athletin, die auf dem Sprung zur erweiterten Weltspitze steht. Vor einem Jahr war es Susanne Weinbuchner, dieses Mal erwischte es Veronique Hronek. Sie hatte immerhin bereits die halbe Olympianorm erfüllt, ehe sie sich vor Weihnachten in Val d’Isere das Kreuzband riss. Ein anderer Grund ist ein natürlicher Zyklus, der sogar die an Talenten reichen Alpin-Nationen trifft. Der Kreis der österreichischen Athletinnen, die im Weltcup um einen Podestplatz mitfahren, ist übersichtlich: Anna Fenninger, Marlies Schild im Slalom und Kathrin Zettel.

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          Wolfgang Maier wird nach diesem Winter wieder einmal den Frauenrennsport neu strukturieren, womöglich auch Trainer austauschen. „Wir fragen uns natürlich auch, ob die Trainer, ob der Verband etwas falsch gemacht hat, ob unsere Talentsichtung nachhaltig genug ist“, sagt Maier. Er überprüft deshalb regelmäßig das Fördersystem des DSV, kommt aber zu dem Schluss, dass es keine Alternative gibt.

          „Natürlich könnten wir die Selektionskriterien noch enger ziehen, aber dann nimmt man den Läuferinnen wegen Perspektivlosigkeit früh die Motivation, sich für den Leistungssport zu entscheiden.“ Also müsse man akzeptieren, auch schwächere Jahrgänge zu fördern wie im Moment – und hoffen, dass bald wieder eine wie Maria Höfl-Riesch auftaucht.

          Marlies Schild hat den Rekord. Es war ihr 35. Slalom-Sieg
          Marlies Schild hat den Rekord. Es war ihr 35. Slalom-Sieg : Bild: dpa

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