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Auslandsprofis im Eishockey : Wenn zehn Finnen kommen

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Großes deutsches Talent: Moritz Seider Bild: dpa

Der Deutsche Eishockey-Bund drängt auf eine Beschränkung ausländischer Profis. Die Gelegenheit ist günstig – es gibt viele deutsche Talente. Doch rechtlich ist die Idee äußerst heikel.

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          Am Ende reichte es nicht ganz für den Titel. Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft beendete die dreißigste Auflage des Deutschland Cups in Krefeld auf Rang zwei. Auf das 4:3 gegen Russland am Donnerstag und das 3:4 nach Verlängerung gegen die Schweiz am Samstag folgte am Sonntag ein 2:3 nach Verlängerung gegen die Slowakei – was die knapp 5000 Fans in Krefeld trotzdem mit einem warmen Applaus quittierten.

          Das weitaus wichtigere Ereignis für die Zukunft des deutschen Eishockeys hatte aber bereits am Samstag stattgefunden. Da war DEB-Sportdirektor Stefan Schaidnagel in die Interviewzone der Krefelder Arena gekommen, um über ein Thema zu sprechen, das ihm seit langer Zeit auf der Seele brennt: die Zahl der ausländischen Spieler in der Deutschen Eishockey Liga. Aktuell darf jede Mannschaft elf unter Vertrag nehmen, neun dürfen am Spieltag aufs Eis.

          Zu viel für Schaidnagel, bis 2026 soll die Zahl auf sechs pro Mannschaft sinken. Denn es gehe nun „um die Frage: Wie vergoldet man die Entwicklungsschritte?“ Also wie sorgt man dafür, dass die einheimischen Talente, die durch die verbesserte Jugendarbeit so zahlreich wie lange nicht in den Erwachsenenbereich drängen, ihre Chance in der Liga erhalten? „Wir dürfen keine Zeit verlieren. Um dieses Thema müssen wir nun miteinander ringen“, sagte Schaidnagel.

          Gerungen wird schon lange. Um die Jahrtausendwende wurde die DEL als „Ausländerliga“ verspottet, weil fast nur noch Kanadier und Osteuropäer aufliefen. Es dauerte, bis sich die Vereine auf neun Ausländer beschränkten. Seitdem gab es immer wieder Versuche, die Zahl weiter zu senken, doch die Vereine lehnten stets ab, deutsche Spieler seien in der Breite zu teuer. Ein in der Heimat gescheiterter Kanadier wolle deutlich weniger Geld für mindestens die gleiche Leistung. Zudem gebe es nicht genügend talentierte deutsche Spieler, um das Niveau aufrechtzuerhalten.

          Dass Schaidnagel am Wochenende dennoch einen neuen Vorstoß wagte, war kein Zufall. Die Zeiten sind für den Verband günstig: Abgesehen von der WM ist der Deutschland Cup die einzige Zeit des Jahres, in der die Nationalmannschaft zusammenkommt und im Fokus steht. Zudem war dieses Mal in Krefeld ein junges Team auf dem Eis, das die Fans mit Tempoeishockey begeisterte. Und zuletzt gab es ja einiges zu feiern: Olympiasilber, WM-Viertelfinale, Aufstiege von U-18- sowie U-20-Nationalmannschaft. Deren Leistungsträger wie Moritz Seider oder Tim Stützle sind so talentiert, dass viele von einer goldenen Zukunft träumen. Bundestrainer Toni Söderholm sieht gar eine Generation heranwachsen, „die nicht nur in der Spitze, sondern auch in der Breite“ außergewöhnlich sei. Auch der Finne forderte deswegen dieser Tage, die Liga müsse die Zahl der Ausländer reduzieren.

          Doch in ebenjener Liga sehen sie das Thema skeptisch. Vor einigen Jahren gab es ein Treffen der Klub-Gesellschafter auf Mallorca, bei dem manche gar das Gegenteil forderten: Künftig sollten alle elf Ausländer im Kader spielen dürfen. Wofür bezahle man denn zwei Spieler, wenn sie nur auf der Tribüne säßen? Doch die Idee fand keine Mehrheit, man fürchtete den Volkszorn. Wer sich an diesem Wochenende unter DEL-Funktionären umhörte, merkte schnell, auf wie wenig Gegenliebe das Ausländer-Thema generell stößt. „Wenn ich den Kader nicht bezahlen muss, kann ich viel fordern“, sagte einer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen wollte.

          Bundestrainer Söderholm sieht eine Generation heranwachsen, „die nicht nur in der Spitze, sondern auch in der Breite“ außergewöhnlich sei.

          Das traf auf mehrere zu, offizielle Statements waren nicht zu bekommen. Das Thema ist heikel, man will nicht als der dastehen, der die Entwicklung behindert. Auch Fans und Aktive fordern ja immer wieder weniger Ausländer in der Liga. Doch ebenso immer wieder scheitern sie am Geld-Argument der DEL-Klubs. Schaidnagel kennt das. Und hält dagegen: Ein junger Spieler wolle erst mal nur eins: spielen. Geld werde erst später wichtig. Die Aussage wiederum kennen sie in der Liga und präsentieren ein neues Argument: Nehme man jedem Team einen ausländischen Spieler weg, leide die Wettbewerbsfähigkeit der kleinen Klubs. Die würden nicht nur einen guten Ausländer für kleines Geld verlieren, sondern auch noch einen guten Deutschen an die zahlungskräftige Konkurrenz.

          Manch ein Funktionär scheut das Thema grundsätzlich. Denn eine Beschränkung der Ausländerstellen verstößt gegen EU-Recht. Deshalb beruht die Regel in der DEL auf einem „Gentlemen’s Agreement“. Doch was passiert, wenn einer der Gentlemen mal ausschert? Das wäre ab der nächsten Saison durchaus möglich, dann werden Auf- und Abstieg wiedereingeführt. „Da braucht es ja nur einen, der noch schnell zehn Finnen verpflichtet, um nicht abzusteigen“, sagt ein Funktionär, „dagegen könnte der Rest nichts machen, vor Gericht würde der mit den zehn Finnen recht bekommen.“

          Das hat jüngst erst das Landgericht München entschieden, dort ging es um eine ähnliche Regel für das bayerische Amateureishockey. In der Landesliga sollten nur zwei EU-Ausländer eingesetzt werden dürfen, damit man nicht ein Dutzend Tschechen über die Grenze lockt. Ein Funktionär klagte dagegen und bekam recht. Davor fürchten sie sich auch in der DEL. Entsprechend hitzig dürften die Debatten werden. An diesem Montag treffen sich die Sportlichen Leiter der 14 Klubs in Neuss. „Da kommt das Thema auf den Tisch“, sagt einer der Beteiligten, „das dürfte intensiv werden.“

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