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Deutsche Bob-Meisterschaften : Reibereien, Härtefälle und eisige Kälte

  • -Aktualisiert am

Bob Florschütz: Kufen eingezogen Bild: picture-alliance/ dpa

Deutsche Bobfahrer sind im Weltcup Spitze und bei Olympia Medaillenkandidaten. Doch der Weg dorthin führt nur über die harte nationale Qualifikation. Nun sorgt der Kufensatz des Piloten Thomas Florschütz vor den Meisterschaften für Unruhe.

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          Die Eiszeit hat begonnen. Das sieht man zum Beispiel an diesem Wochenende in Winterberg. Muskelbepackte Athleten schieben mit gewaltigem Antritt einen Zweierbob in die Spur der Bahn und verschwinden im Kurvengeschlängel. Monatelang haben sie sich vorbereitet, um bei den deutschen Meisterschaften so schnell wie möglich in Schwung zu kommen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Der Titel gilt nicht unbedingt als besondere Auszeichnung. In Deutschland wird bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen in Gold und Silber abgerechnet. Doch der Weg dorthin führt nur über die härteste nationale Qualifikation des Bobsports. Am Sonntagnachmittag soll die Nominierung für die Weltcuprennen hinter dem gesetzten Oberhofer André Lange bekanntgegeben werden. Wer sich durchsetzt, geht auf die große Reise, wer scheitert, muss über die Dörfer tingeln. Und so steht im Sauerland mehr auf dem Spiel als eine Meisterschaft. „Im Grunde“, sagt der frühere Bob-Fahrer René Spies, „geht es bei zwei Teams um die Existenz.“

          Jede Hundertstelsekunde kann Gold Wert sein

          Der Frost zum Saisonstart kommt wie bestellt. Aber die gefühlte Kälte ist im Boblager schon vor Wochen unter den Nullpunkt gesunken. Gerade weil sich die Gemüter an einem Zwischenfall erhitzten, der unter keinen Umständen publik werden sollte. Bei den ersten Wettläufen um die Weltcup-Plätze vor drei Wochen im Eiskanal von Altenberg monierten die Materialprüfer den Kufensatz des Piloten Thomas Florschütz. Nach zwei der vier Rennen im Zweier, Florschütz führte den Wettbewerb an, stellten die Materialprüfer Unregelmäßigkeiten bei der obligatorischen Kontrolle fest.

          Fahren harte Kufen: Thomas Florschütz (l.) und sein Anschieber Enrico Kühn

          Um Verstöße gegen das Reglement zu erkennen, werden die extrem polierten Kufen unmittelbar vor den Wettkämpfen mit Schleifpapier abgerieben. Hinterlässt der Abrieb Spuren, gelten die Schienen als unbehandelt im Sinne des Reglements. Ist nach dem Kontrollschliff nichts zu sehen, könnten verbotene Härtungsverfahren eingesetzt worden sein. Sie erhöhen die Resistenz gegen bremsende Kratzer in einem Sport, in dem jede Hundertstelsekunde Gold wert sein kann. „Meine Kufen hatten weniger Abrieb als die der Konkurrenz und sind eingezogen worden“, gab Florschütz zu. Er schloss jede illegale Härtung aus: „Ganz bestimmt nicht. Es scheint eher so zu sein, dass unser Polierverfahren zu dem Ergebnis geführt hat. Wir können es uns aber nicht genau erklären.“

          Freie Fahrt für Florschütz

          Kein Konkurrent wagt es, das heikle Thema unmittelbar vor dem Nominierungswettkampf im Sauerland offen anzusprechen. Trainer verdonnerten das Boblager zum Stillschweigen. Die Deutschen wollen in ohnehin schweren Zeiten für den Leistungssport nicht unnötig Angriffsflächen bieten. Trotzdem wird geredet. Hinter vorgehaltener Hand quittieren Florschütz’ Konkurrenten dessen Erklärung mit Kopfschütteln: „Das habe ich noch nie in meiner Karriere erlebt, dass eine schneller drehende Bohrmaschine (mit Polieraufsatz) eine Kufe härtet“, sagt ein Pilot. Der Verdacht hält sich, obwohl die Forschungsstelle für die Entwicklung von Sportgeräten (FES) die eingezogenen Kufen überprüft hat: „Die erste Untersuchung hat ergeben, dass keine Härtung festgestellt werden konnte“, sagte FES-Chef Harald Schaale dieser Zeitung: „Wir haben die Kufen wieder ausgegeben.“

          Das Ergebnis reduziert die interne Reibung um keinen Mikrometer. Im Gegenteil. Die freie Fahrt für Florschütz interpretieren Gegner nun als politisches Stützungsprogramm. Schließlich gilt das Talent aus Riesa allein dank seiner Athletik im BSD (zu Recht) als erster Medaillenkandidat der Zukunft, als aussichtsreichster Nachfolger Langes nach 2010. Wer wollte ein für den Verband so wertvolles Talent stoppen? BSD-Generalsekretär Schwab widerspricht: „Wenn einer manipuliert hat, dann wäre das eine Sauerei. Und es würde ernsthafte Konsequenzen geben. Aber man muss eine Manipulation schon beweisen.“

          Der Zweifel fährt weiter mit

          Die Frage ist, ob man sie beweisen kann. Das Regelwerk des Internationalen Bob- und Skeleton-Verbandes definiert das Schleifverfahren der Kontrolleure nicht so präzise, dass zweifelsfreie Schlüsse gezogen werden können. „Man kann damit mögliche Manipulation nicht vollständig ausschließen“, sagt der FES-Mann Schaale. Experten plädieren deshalb schon länger für eine Freigabe von Härtungsmethoden, die – kurios – im Rodelsport erlaubt sind. Der BSD lässt vor wichtigen Wettkämpfen die Schienen der Hackl-Nachfolger schon mal entsprechend behandeln. Etwa bei BMW. Bei einem Dresdener Unternehmen, das unter anderem Härteverfahren anbietet, sind in den vergangenen Jahren allerdings immer wieder auch Kunden aus dem Umfeld von Bobfahrern aufgetaucht – mit Bobkufen für das In- und Ausland.

          Florschütz versichert, nichts Verbotenes getan zu haben. Dennoch begleitet ihn ein unsicheres Gefühl: „Es wird sicher auch bei anderen auftreten. Und es könnte ja auch bei mir wieder passieren.“ Der Zweifel fährt weiter mit. Bei allen. Denn der Ärger von Altenberg war kein Novum. Florschütz’ Kufen fielen den Kontrolleuren zum vierten Mal auf. Vielleicht sollte er von seinem Polierverfahren Abstand nehmen.

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