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Biathlon in Ruhpolding : Die großen Vier

Einer von vier: Startläufer Erik Lesser quälte sich mit Krämpfen Richtung Ziel. Bild: EPA

Der Bundestrainer schwärmt von seiner Biathlon-Staffel: „So eine Mannschaft hatten wir noch nicht.“ Doch hinter der ersten Garde tut sich eine gewaltige Lücke auf.

          Er gilt als leicht, kein Vergleich mit dem windanfälligen Schießstand in Oberhof. Und genau das ist das Problem. Denn aus leicht wird ganz schnell leichtfertig. Zumal, wenn man den 10.000 Zuschauern in der Ruhpoldinger Chiemgau-Arena beim Heimspiel ein Spektakel bieten will. Dann geht der Schuss nach hinten los, und man kann hinterher froh sein, wenn aus einem sich anbahnenden Debakel noch Platz drei wird.

          Genau so hat es das deutsche Staffel-Quartett am Mittwoch erlebt. Wobei sich beim Sieg der Norweger vor Russland das Debakel auf das Stehendschießen beschränkte. Startläufer Erik Lesser musste deswegen in die Strafrunde, Benedikt Doll brauchte drei Nachlader, Arnd Peiffer deren zwei, Schlussläufer Simon Schempp im Alles-oder-Nichts-Modus einen. „Stehend können wir allgemein nicht zufrieden sein“, sagte Peiffer stellvertretend für alle. Und neun Nachlader plus Strafrunde, „das ist nicht unser Anspruch“, sagte er. Platz drei schon eher, obwohl man sich nach dem starken Auftritt vor ein paar Tagen in Oberhof vielleicht mehr ausgerechnet hatte. Zumal dieses Quartett das Beste ist, was Deutschland derzeit aufzubieten hat.

          Das Selbstbewusstsein vor dem Start in Heimspiel Nummer zwei war schon groß. Und das zu Recht. Der Blick auf den Gesamt-Weltcup-Stand zeigt ja, auf welch hohem Niveau sich die „großen Vier“ als Einzelkämpfer bewegen. Schempp ist Dritter, auf den Rängen vier und sechs folgen Lesser und Peiffer, Doll (17.) hat sein Stehendschießen generell noch nicht im Griff, gehört läuferisch aber zu den Besten. Und das ist das entscheidende Kriterium: Die Fähigkeit, aus eigener Kraft auf das Podium laufen zu können, ohne auf Fehler der Konkurrenz angewiesen zu sein. Was nicht heißt, dass es auch gegen Martin Fourcade reichen muss, aber wer den Massenstart-Krimi in Oberhof gesehen hat, als Schempp und Lesser den französischen Dauersieger niederrangen, hat auch das Potential der beiden Deutschen gesehen.

          „Das stärkste Team, seit ich Trainer bin“

          Kein Wunder, wenn Mark Kirchner vom „stärksten Team, seit ich Trainer bin“, spricht. Der Thüringer hat das Zepter 2010 übernommen und immerhin Athleten wie Olympiasieger Michael Greis und Andreas Birnbacher im Team gehabt. Die stammen allerdings noch aus der Zeit von Kirchners Vorgänger Frank Ullrich. Aber „die großen Vier“, das sind seine Jungs, die Früchte einer kontinuierlichen Entwicklungsarbeit über Jahre hinweg. Auch wenn Schempp am Stützpunkt Ruhpolding trainiert.

          Bundestrainer Mark Kirchner schwärmt in höchsten Tönen von seiner Auswahl.

          „So, wie die Athleten die Sachen aufnehmen und auch konsequent umsetzen, kann ich definitiv sagen: So eine Mannschaft hatten wir noch nicht“, sagt Kirchner und schließt auch das Team hinter dem Team ein: Techniker, Ärzte, Physiotherapeuten. „Das ist ein wichtiger Punkt, möglichst wenig Nebenkriegsschauplätze zu haben“, sagt Kirchner. Da kann man sich auf das Wesentliche konzentrieren.

          Lesser - Doll - Peiffer - Schempp: Niemand zweifelt daran, dass das auch die Staffel-Besetzung für die WM Anfang Februar in Hochfilzen sein wird - sofern nichts passiert. Aber genau das ist der Punkt. Es darf nämlich auch nichts passieren.

          Aus der zweiten Reihe hat sich niemand aufgedrängt

          Denn so sehr Kirchner von seinem WM-Quartett schwärmt, hinter seiner ersten Garde tut sich eine gewaltige Lücke auf. Und niemand ist derzeit in Sicht, der sie schließen könnte. Die WM-Positionen fünf und sechs sind einen Monat vor den Titelkämpfen immer noch vakant. Dabei ist das deutsche Auf- und Abstiegssystem heute viel durchlässiger als noch zu Ullrichs Zeiten, Athleten aus der zweiten Liga bekommen viel häufiger eine Chance auf einen Weltcup-Einsatz als früher.

          Aufgedrängt hat sich bislang niemand. Daniel Böhm, 2015 in Kontiolahti noch Staffel-Weltmeister, hat seine Karriere beendet, Johannes Kühn hat im November bei einem Sturz einen Schulterbruch erlitten und fällt die komplette Saison aus.

          Und die anderen? Ob Florian Graf, Matthias Dorfer, Roman Rees, Matthias Bischl - sie alle konnten sich durch Podestplätze im IBU-Cup zwar für höhere Aufgaben empfehlen, aber niemand hat seine Chance konsequent ergriffen. Graf hat zwar die WM-Norm, Dorfer überzeugte bei seinem Staffel-Einsatz in Pokljuka, bevor ihn Kirchner dann in Nove Mesto als „Totalausfall“ bezeichnete, aber für alle Kandidaten gilt: „Bei den Hinteren fehlt die Konstanz“, sagt Kirchner.

          Und was auch nicht gerade für sie spricht: Sie sind keine jungen Nachwuchsleute mehr, sondern schon Mitte oder Ende Zwanzig. Da sind normalerweise keine großen Sprünge mehr zu erwarten. In Ruhpolding bekommt am Freitag im Sprint Michael Willeitner die Gelegenheit, den Bundestrainer zu überzeugen. „Für mich ist das natürlich der Wahnsinn, hier daheim starten zu dürfen“, sagt der Berchtesgadener, der glaubt, in dieser Saison „einen Sprung gemacht“ zu haben. Reichlich spät. Auch Willeitner ist schon 26.

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