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Biathlon : Der Rumpel-Stitzl brüllt die Biathleten nach vorn

Der Mann neben der Loipe: Die Biathleten hören Benedikt Stitzls Stimme Bild: Imago

Ein Bayer mit viel Feuer: Der Mann hinter Biathlon-Bundestrainer Mark Kirchner gilt als innovativ und kreativ. Er will auch am Mittwoch in Ruhpolding beim 20-Kilometer-Lauf ein Wachmacher für die Sportler sein.

          Die Stimme ist seine beste Waffe. Und was für eine. Deshalb ist Andreas Stitzl auch jetzt noch heiser. Obwohl der letzte Einsatz schon drei Tage zurückliegt. „Ja, der Sonntag war schon recht intensiv“, sagt der Disziplintrainer der deutschen Biathlon-Männer. Da ist der Traunsteiner, der abseits der Strecke eher wie ein Handwerker rüberkommt, weil er stets einen Bleistift hinter das rechte Ohr geklemmt hat, in Ruhpolding mal wieder zur Höchstform aufgelaufen. Dann tanzt er an der Strecke hin und her wie ein Derwisch, rast seinen Athleten hinterher, gestikuliert wild, ruft ihnen ihre Position im Rennen zu und brüllt sie die Anstiege hoch, was die Stimme hergibt. Einer, der unter Strom steht, eine geballte Ladung Energie, die anscheinend nie versiegt.

          „Die Seele aus dem Leib hat er sich geschrien“, sagt Laura Dahlmeier, nachdem sie am Sonntag den Massenstart gewonnen hatte. Und weil diese gewaltige körperlich-stimmliche Entladung auffällig an ein Männlein aus dem Märchen erinnert, das einst wild um ein Feuer herumtanzte, könnte man dem „Andi“ auch getrost den Spitznamen „Rumpel-Stitzl“ verpassen. Der Unterschied zum Original: Das Feuer steckt in Stitzl drin. Und manchmal hat man den Eindruck, als müsste der 41 Jahre alte Bayer hinterher ausgelaugter sein als seine Athleten.

          „Auf geht’s.“

          Viele haben ja geglaubt, er würde nur die Tradition seines Vorgängers Fritz Fischer fortsetzen, der ja auch für seine extremen Anfeuerungs-Auftritte bekannt war, aber da täuscht man sich. „Ich habe vom Fritz viel gelernt“, sagt Stitzl, „aber das ist mein Naturell.“ Und es sieht fast so aus, als würde er seinen Job wie in Trance erleben, aus der er erst aufwacht, wenn das Rennen vorbei ist. Wenn man ihn fragt, was er denn da immer in die Gegend schreie, erwidert Stitzl: „Keine Ahnung, das kommt so raus, das ergibt sich einfach aus der Situation.“ Und der Frage nach seiner Lieblingsformulierung steht er völlig ratlos gegenüber: „Äh, da müsste ich mir mal ein paar Fernsehberichte anschauen.“ Wie wäre es mit: „Auf geht’s.“

          Natürlich hat er zuallererst Informationspflicht. Wo liegt zum Beispiel Benedikt Doll, wie weit ist es nach vorne, wer kommt von hinten? Oder wenn sich die Windverhältnisse am Schießstand gegenüber dem Einschießen grundlegend geändert haben, dann gibt Stitzl das weiter. „Im Massenstart hat er mir zugebrüllt: Du musst sechs Rasten drehen“, sagt Doll, „und das ist ziemlich viel.“ Weil eine Raste eine Trefferverlagerung von drei Millimetern auf der Scheibe bedeutet. Aber auch Doll sieht Stitzl in erster Linie als Motivationswunder: „Das ist so ein Wachmacher, einer, der den letzten Willen aus dir rausholt.“ Aber er holt nicht nur raus, er gibt auch. Doll plaudert kein Geheimnis aus, wenn er Stitzls Schubwirkung so beschreibt: „Es ist die Energie, die er übersendet.“ Aber vielleicht will man diesem ohrenbetäubenden Gebrüll auch nur möglichst schnell entkommen.

          Neutralisierung im Trainerteam

          Man sollte jetzt nicht annehmen, dass Stitzl nur den tanzenden Derwisch geben kann. Das ist nur ein kleiner Teil und würde als Qualifikation niemals genügen, um als zweiter Mann hinter Bundestrainer Mark Kirchner und Stützpunkttrainer in Ruhpolding zu arbeiten. Nein, Stitzl, einst selbst Biathlet, ist „durch die Trainermühle gegangen“, wie er sagt. Erst im Nachwuchsbereich, obwohl er parallel dazu zwei Jahre lang Olympiasiegerin Kati Wilhelm trainierte. „Das war schon ein Sprungbrett für mich.“

          Schneller dank Rumpel-Stitzl: Benedikt Doll und seine Mitstreiter profitieren

          Dann war er vier Jahre lang im IBU-Cup tätig, in enger Zusammenarbeit mit Fischer und Kirchner. Der ist jetzt im zweiten Jahr sein Chef. Und die Zusammenarbeit klappt auch deswegen so gut, weil die beiden sich vom Naturell her perfekt ergänzen. Hier der explosiv-emotionale Bayer Stitzl, dort der zumindest nach außen introvertiert-mürrisch wirkende Thüringer Kirchner. Was der „Andi“ mal augenzwinkernd mit dem Satz umschrieben hat: „Wir neutralisieren uns in der abendlichen Stimmung.“

          Ein Gespann mit klarer Hierarchie und Rollenverteilung, aber doch irgendwie auf Augenhöhe. Stitzls Rat und Expertise sind beim Bundestrainer wie bei den Athleten hochgeschätzt, er gilt als innovativ und kreativ. „Es hat noch nie eine Situation gegeben, wo Mark den Cheftrainer hat raushängen lassen, sondern es war immer eine gute Zusammenarbeit. Er hat mich immer nach meiner Meinung gefragt“, sagt Stitzl.

          Rollentausch denkbar

          Und manchmal verwischen sich sogar die Temperamentsunterschiede zwischen den beiden. Wie zum Beispiel im vergangenen März bei der Weltmeisterschaft in Kontiolahti, als die deutschen Männer mit zwei Titeln äußerst erfolgreich waren. Da sah man bei der abendlichen Siegerehrung auf dem Marktplatz von Joensuu Kirchner und Stitzl, in Deutschland-Fahnen gehüllt, inbrünstig die Hymne singen. Und das Überraschende: Kirchner war wesentlich lauter.

          Einen Rollentausch könnte sich Stitzl sogar vorstellen - zumindest theoretisch. „Ich könnte am Schießstand schon die Ruhe bewahren“, sagt er. Aber das will er gar nicht: „Da draußen an der Strecke, das liegt mir.“ Aber selbst draußen im Wald ist er äußerst anpassungsfähig - eine Frage der Disziplin. Der Sprint-Stitzl unterscheidet sich vom Einzel-Stitzl. „Im Sprint gibt es nur Vollgas, da muss ich in Höchstform sein, im Einzel, das erst beim letzten Schießen entschieden wird, kannst du es gemütlicher angehen. Da ist lange nicht so viel Feuer drin.“ Da hat er direkt Glück. Am Mittwoch (14 Uhr/ live im ZDF) steht in Ruhpolding der 20-Kilometer-Einzellauf auf dem Weltcup-Programm. Da kann Stitzl seine Stimme noch ein wenig schonen.

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