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Eishockeyprofi Tom Kühnhackl : Der große Traum des kleinen Kleiderschranks

  • -Aktualisiert am

Früh übt sich: Vater und Sohn auf dem Eis Bild: Picture-Alliance

Den Namen Kühnhackl empfand er nie als Bürde, sondern als Ehre. Anders als sein berühmter Vater Erich wagte Tom den Sprung über den großen Teich - in der NHL erlebt der Landshuter Höhen und Tiefen.

          3 Min.

          Unten betreten die Spieler der Pittsburgh Penguins zum Glockenklang des AC/DC-Klassikers „Hells Bells“ die Eisfläche, oben, in Section 101 des Consol Energy Centers, rückt sich Erich Kühnhackl mit einem kurzen Handgriff sein dunkles Jackett zurecht. „Jetzt bitte nicht mehr reden“, sagt er.

          Kühnhackl sieht nicht die 18.442 Zuschauer um ihn herum, auch die dröhnenden Klänge aus den Lautsprecherboxen sind ihm egal. Der Blick des 65-Jährigen ist fixiert auf die Eisfläche mit dem riesigen Pinguin in der Mitte. Dort drückt sich sein Sohn Tom kurz vor Beginn der Partie gegen die New Jersey Devils noch einmal kräftig mit den Kufen ab, kurvt hinter dem Tor seines Schlussmannes Marc Andre Fleury herum und gleitet Richtung Bank. Der 24-Jährige lebt derzeit seinen großen Traum. Er spielt in der besten Eishockey-Liga der Welt, der NHL.

          Somit hat Tom Kühnhackl das geschafft, was seinem berühmten Vater nie gelungen war. Erich Kühnhackl ist „Deutschlands Eishockeyspieler des Jahrhunderts“, er hat so viele Tore in der Bundesliga geschossen und vorbereitet wie kein anderer. Bei der Weltmeisterschaft 1978 in Prag sowie den Winterspielen 1984 in Sarajevo wurde keiner der namhaften Stürmer aus der siegreichen Sowjetmannschaft Topscorer, auch kein Tschechoslowake oder Kanadier, sondern der deutsche 1,96 Meter große Center, den viele so ehrfurchtsvoll wie treffend „Kleiderschrank auf Kufen“ nannten. Doch in der NHL spielte Erich Kühnhackl nie.

          Ende der Siebziger, als er bei den Kölner Haien unter Vertrag war, hatte Vereinspräsident Jochem Erlemann durch berufliche Beziehungen nach New York einen Kontakt zu den Rangers hergestellt. Kühnhackl verbrachte in der Saisonvorbereitung einen Monat beim NHL-Club. Aber letztlich, so sagt er heute ohne sentimentalen Unterton, sei man sich finanziell nicht einig geworden.

          Zweimal Kühnhackl, zweimal Eishockey: NHL-Spieler Tom mit Vater Erich (r.)

          Von den Zuschauern um ihn herum in der Arena kennt niemand Erich Kühnhackls Vergangenheit. Und selbst Tom Kühnhackl ist vielen Penguins-Fans noch unbekannt. Bei der Verlosung der weltweiten Nachwuchstalente hatte ihn der Verein 2010 an 110. Stelle gezogen - doch das heißt im Eishockey nicht viel und ist ohnehin erst der Beginn eines langen, steinigen Weges. Kühnhackl verließ wenige Monate später als 18-Jähriger seine Landshuter Heimat, wechselte in die kanadische Juniorenliga. Er spricht von „Höhen und Tiefen“, wenn er über seine Zeit in Nordamerika redet. Im November 2011 wurde der Stürmer nach einem zu harten Check für 20 Spiele gesperrt. Ein Jahr später war seine Saison nach einer schweren Schulterverletzung bereits im Dezember beendet. Doch am 9. Januar waren all die Qualen und Quälereien vergessen. Penguins-Manager Jim Rutherford brauchte Ersatz für den verletzten Beau Bennett - und holte Kühnhackl in den NHL-Kader.

          Er hat diese innere Motivation

          „Tom ist für seinen harten Weg endlich belohnt worden. Wie die ganze Familie bin auch ich sehr stolz auf ihn“, sagt Erich Kühnhackl. Nach dem Aufstieg seines Sohnes hatte er sich schnell um einen Flug in die USA bemüht. Er wollte unbedingt live sehen, wie sein Tom in der besten Eishockey-Liga der Welt spielt. Die Partie gegen New Jersey schaut sich Kühnhackl entspannt an. Sein Blick ist nicht kritisch oder prüfend, als Tom auf dem Eis steht, gecheckt wird oder selbst mal den Gegner in die Plexiglasscheibe schubst. Erich Kühnhackl sitzt hier nicht als ehemaliger Eishockeyspieler, -trainer oder Vizepräsident, sondern schlichtweg als Vater, der seinem Filius zuschaut. „Tom ist vom Eishockey total begeistert, hat diese innere Motivation, immer das Beste zu geben - ganz egal, ob in der Sommervorbereitung, im täglichen Training oder im Spiel“, sagt er.

          Vergleiche zwischen ihm und seinem Sohn, nein, die seien unmöglich. „Das Eishockey hat sich unglaublich weiterentwickelt. Das Spiel heutzutage ist eine ganz andere Welt.“ Kühnhackl erzählt, dass er keines seiner drei Kinder jemals zum Eishockey gedrängt habe. Dennoch standen Kirstin, Kevin und Tom irgendwann auf Schlittschuhen.

          Tom Kühnhackl hat den Namen als Ehre verstanden

          Er spricht über Franz Beckenbauer, seinen Freund. Der Franz habe ihm mal gesagt, dass es für seinen Sohn Stefan schwer gewesen sei, als Fußballer den berühmten Namen des Vaters zu haben. Tom Kühnhackl hingegen hat es immer als „eine Ehre“ empfunden, einen so bekannten Papa zu haben. Dass er es nun in die NHL geschafft habe, sein Vater indes nie, ach, darüber kann Kühnhackl Junior nur lächeln. „Mein Vater ist und bleibt trotzdem eine lebende Legende.“

          Hartes Eis: Tom Kühnhackl im Einsatz für Pittsburgh

          Erich Kühnhackl betont, dass er nie großen Einfluss auf den Werdegang seines Sohnes gehabt hat. Wenn Tom um Rat bat, dann habe er ihm seine Eindrücke geschildert und auch mal Tipps gegeben. Das sei auch heute noch der Fall. Ansonsten aber solle Tom sein eigenes Leben leben. Und außerdem hätten sie bei den Penguins ja ohnehin so viele exzellente Trainer, denen selbst die kleinsten Fehler sofort auffallen würden.

          Von Gretzky zu Crosby

          Erich Kühnhackl stand einst bei Weltmeisterschaften dem legendären Wayne Gretzky gegenüber. Tom Kühnhackl ist nun in einem Team mit dem heutigen Superstar Sidney Crosby - und sitzt in der Kabine sogar neben ihm. „Am Anfang war ich natürlich nervös, wusste gar nicht, was ich sagen soll. Aber Sidney ist auf mich zugekommen und hat mich unter seine Fittiche genommen. Ein super Typ.“

          Dass sein deutscher Sitznachbar aus einer Eishockey-Familie komme, ja, sagt Crosby, das habe er gehört. Und auch, dass der Vater ein sehr guter und populärer Spieler gewesen sein soll. Aber „Deutschlands Eishockeyspieler des Jahrhunderts“ - nein, zeigt sich der Penguins-Kapitän sichtlich beeindruckt, das sei ihm nicht bekannt gewesen. Nach dem 2:0-Sieg gegen New Jersey stehen Erich und Tom Kühnhackl an der Bande, unterhalten sich. Zwei Ordner sind in ihrer Nähe. Sie schauen auf Tom, der vor einer halben Stunde noch mit der Rückennummer 34 auf dem Eis stand. Ob er denn auch mal Eishockey gespielt habe, wollen sie von Erich Kühnhackl wissen. Der nickt kurz. „Ein bisschen.“

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