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20 Kilometer Biathlon : Nicht sexy, aber für ganze Kerle 

Stolz des Siegers: Martin Fourcade nach dem 20-Kilometer-Rennen von Ruhpolding Bild: dpa

Der „Zwanziger“ im Biathlon ist schwer zu durchschauen und deswegen umstritten, doch die Athleten hängen an dem Dino. Das Rennen in Ruhpolding gewinnt Martin Fourcade – die Deutschen verpassen abermals das Podest.

          Wenn die Faust von Martin Fourcade schon nach dem letzten Schießen hochschnellt, dann weiß man für gewöhnlich: Der Franzose ist sich seiner Sache absolut sicher. Am Mittwoch, als pünktlich zum „richtigen“ Biathlon-Weltcup in Ruhpolding der Winter über die Chiemgau Arena hereingebrochen war, war das anders. „Ich war nur erleichtert, weil ich am Schießstand vorher Probleme hatte.“ Dennoch holte sich der Weltcup-Spitzenreiter trotz eines Schießfehlers, bei Neuschnee, Wind und zeitweiligem Schneetreiben mit gewohnter Souveränität den Sieg im 20-Kilometer-Einzel. Aber der Mann ist schließlich auch der Olympiasieger von Sotschi und der aktuelle Weltmeister in der längsten Biathlon-Disziplin. Der komplette Biathlet schlechthin.

          „Den Sprint gewinnen Jungs, das Einzel gewinnen Männer.“ Dieser kernige Spruch stammt nicht etwa von Fourcade, sondern von Emil Hegle Svendsen. Der mittlerweile 30 Jahre alte Norweger hat damit wohl sich selbst gemeint, er hat ja auch schon Gold gewonnen, 2010 in Vancouver, auch wenn es am Mittwoch nur zu Rang 29 reichte. Aber ab wann ist ein Biathlet ein Mann? Ein Blick auf das Podium vom Mittwoch zeigt: Erster Fourcade, 27 Jahre alt, Zweiter Simon Eder, 32, Dritter Anton Schipulin, 28. Sagen wir es so: Alles äußerst erfahrene, routinierte Biathleten.

          „Dino“ unter den Biathlon-Disziplinen

          Das passt, denn der „Zwanziger“, wie der 20-Kilometer-Meter-Wettbewerb genannt wird, ist ja auch der Senior, der „Dino“ unter den Biathlon-Disziplinen. Aber er ist nicht mehr unumstritten. Er ist seiner Komplexität wegen nur schwer zu durchschauen, und er entspricht auch nicht mehr den Konsumgewohnheiten des (Fernseh-)Publikums. Ein Format, das wie von gestern wirkt. Ein Zahlen-Daten-Salat. Kein knackiges Vollgas-Duell, kein Hochgeschwindigkeits-Schießen, kein Zweikampf Mann gegen Mann. Sondern ein Kampf gegen die Uhr, mit dem gravierenden Unterschied, dass jeder Fehlschuss mit einer Strafminute geahndet wird.

          Selbst für das Fernsehen, dem Biathlon seine Popularität verdankt, ist der „Zwanziger“ in Sachen Regie die größte Herausforderung. Kein Wunder, wenn der Klassiker nicht gerade hoch in der Gunst der Fernseh-Macher steht. Und es flammen immer mal wieder Diskussionen auf, ob man nicht vielleicht mit der Tradition brechen und statt dessen den Supersprint mit K.o.-Runden einführen sollte. Auch wenn Peer Lange, der Mediendirektor der Internationalen Biathlon Union (IBU), sagt: „Es gibt derzeit keine Tendenzen, ihn abzuschaffen.“ Aber auf dem Rückzug ist der Klassiker schon. Nur drei Einzel – inklusive dem bei der WM in Oslo – stehen auf dem Wettkampfprogramm, und die plaziert man wohlweislich stets in die Woche, weil man weiß, dass sich mit dem „Zwanziger“ keine Zuschauermassen mobilisieren lassen.

          Die Entdeckung der Bedächtigkeit

          Auch unter den Athleten ist man sich dessen bewusst. Selbst Fourcade, der dank seiner Erfolge so etwas wie der „Mister 20 Kilometer“ ist, gibt zu, „das es für die Zuschauer nicht der sexieste Wettbewerb ist. Aber für mich ist das ein wunderschöner Wettkampf, weil da der komplette Biathlet gefordert ist.“ Benedikt Doll, der mit 25 Jahren noch zur jüngeren Generation zählt und am Mittwoch als Achter bester Deutscher war, pflichtete dem bei: „Vielleicht ist er für die Zuschauer nicht so spannend, aber wir Sportler finden den Einzelwettbewerb toll.“

          Es ist die Entdeckung der Bedächtigkeit, der Gelassenheit, der inneren Ruhe. Man muss alles ruhiger, dosierter angehen, darf nicht überziehen, man muss sich Zeit lassen. Und dennoch schnell genug sein. Eine Frage der klugen Renneinteilung. Es ist ein Wettbewerb, der durchaus seine eigenen Reize hat, auch wenn sie vielleicht etwas versteckt sind.

          „Der Zwanziger gehört einfach zum Weltcup-Programm, er ist die Urform des Biathlon“, sagt Ricco Groß, der Einzel-Weltmeister von 1997, der seit dieser Saison die russischen Männer trainiert. „Da ist Cleverness am Schießstand gefragt, aber auch bei der Renntaktik.“ Das Gesamt-Urteil von Groß: „Das ist wirklich was für ganze Kerle.“

          Auch der Österreicher Christoph Suman, der jetzt als Biathlon-Experte für den ORF kommentiert, ist in der Hinsicht ein absoluter Svendsen-Anhänger. Und erklärt auch, warum. „Der Zwanziger erfordert eine ganz andere Herangehensweise. Den zu gewinnen, ist richtig schwer. Da zählt ganz viel die Routine. Das ist der Wettkampf, wo der Kopf gefragt ist.“ Ein Schießwettbewerb, bei dem die Schützen im Vorteil sind, die ihre Schießgeschwindigkeit je nach Bedarf variieren können. Mal in 20 Sekunden rausballern, mal sich doppelt so viel Zeit lassen. „Den Mut haben, mal nicht abzudrücken und zu warten“, nennt Suman das. Einer, der das nahezu perfekt beherrscht, ist - natürlich Martin Fourcade. Kein Wunder, wenn er sagt: „Ich liebe diesen Wettbewerb.“

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