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Zukunft des Eishockey : Quo vadis DEB?

„Weiterwurschteln wie bisher ist fatal“: DEB-Präsident Franz Reindl Bild: dpa

Die Zukunft des deutschen Eishockeys steht am Scheideweg. Der Reformkurs des DEB-Präsidenten Franz Reindl findet nur die Zustimmung der Profiklubs, die Amateure fühlen sich übergangen.

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          Die offene Konfrontation ist noch nicht ausgerufen worden. Die Kritiker von Franz Reindl sagten ihre für Samstag in Frankfurt geplante Zusammenkunft kurzerhand ab: Terminschwierigkeiten, so lautete die Begründung der Frauen und Männer, die in ihrem Streit mit dem Präsidenten des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) das einprägsame Wort der „Revolution“ ins Gespräch gebracht haben. Am 18. April, auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung, wird sich entscheiden, welche Richtung der angeschlagene Verband einschlägt: Wirtschaftlich - und damit sportlich. An Konfliktpotential wird es bis dahin nicht mangeln.

          Marc Heinrich
          Sportredakteur.

          Der ehemalige Nationalspieler Reindl, der vor neun Monaten als Nachfolger des glücklosen Uwe Harnos an die Spitze gewählt wurde, möchte den DSV von Grund auf neu strukturieren. Sein Sanierungsprogramm trägt ebenfalls einen anschaulichen Titel: „Powerplay 2026“. In etwas mehr als zehn Jahren will er damit das deutsche Eishockey international wieder so konkurrenzfähig machen, dass die Auswahlteams zu Großereignissen nicht von vornherein als Abstiegskandidat reisen, sondern als ernstzunehmende Titelkandidaten.

          Reindl fordert Aufbruchsstimmung

          Ein „Weiterwurschteln wie bisher ist fatal“, meint Reindl, der 1976 zur Generation gehörte, die in Innsbruck sensationell Olympia-Bronze gewann. „Es wurde lange genug nur geredet. Wir brauchen eine Aufbruchstimmung und müssen den Patienten jetzt heilen“, so sagt er, „sonst gibt es bald keine Rettung mehr.“ Und weiter: Ohne „einschneidende Veränderungen“ sei der DEB „nicht überlebensfähig“. Ideen hat er viele, nicht alle gefallen den Amateur-Funktionären, die unter Harnos erheblichen Einfluss genossen. Im Mittelpunkt von Reindls Konzept, das die Zustimmung von Alfons Hörmann, dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes, und des Bundesinnenministeriums genießt, steht die umfassende Neuausrichtung der Jugendförderung: „Nur über mehr und gute Trainer im Nachwuchs und intensivere Arbeit können wir die Entwicklung forcieren.“

          Reindl möchte unter anderem die Zahl der Nachwuchs-Bundestrainer von heute zwei auf bis zu fünf erhöhen. Die Coaches sollen dabei künftig nicht nur die Teenager anleiten, die sich für die Jugendnationalmannschaften qualifizieren konnten, sondern auch Vereine. „Jeder bekommt zwischen zehn und vierzehn Klubs zugeteilt - und die betreut er dann mit.“ Den Aufgabenbereich der Landesverbände, die bislang für die Jungen und Mädchen bis in die U-15-Klassen zuständig sind, will er gleichzeitig einschränken - und ihnen deswegen auch weniger Geld aus dem DEB-Budget zur Verfügung stellen. Darin liegt der Kern der Auseinandersetzung mit den Amateuren.

          Der Verband, so schwebt es Reindl vor, soll in allen 56 Klubs, die hierzulande „professionell oder semiprofessionell“ Eishockey betreiben, bis hinab zu den Kleinstschülern die Ausbildung steuern. Die Landesverbände, die auch die Interessen der Eiskunstläufer, Eisschnellläufer, Eisstockschützen oder Curler vertreten, sollen sich im Gegenzug vornehmlich um die Vereine kümmern, in denen die Puck-Jagd auf Amateur- oder Breitensport-Niveau stattfindet; das sind rund 160. „Wir müssen etwas ändern“, sagt Reindl und verweist bei seinem Plan auf Nationen wie die Schweiz sowie die Konkurrenz aus Osteuropa und Skandinavien, die diesen Schritt längst gegangen ist. „Dass eine U15 von einer Länderspielreise aus Finnland zurückkommt und 1:15 verloren hat, kann nicht unser Anspruch sein.“ Für ihn liegt die bedenkliche Entwicklung darin begründet, dass die „Übergänge in den Verantwortungsbereichen von DEB und den Landesverbänden nicht effektiv genug waren“.

          Misserfolge der Nationalmannschaft als mahnendes Beispiel

          Die Männer-Nationalmannschaft unter der Regie von Bundestrainer Pat Cortina verpasste die Qualifikation für Olympia in Sotschi und ist aktuell nur noch Dreizehnter der Weltrangliste - „wobei die Tendenz eher in Richtung Platz 18 geht als nach oben“, wie Reindl sagt, der sich mit Innenminister Thomas de Maizière einig ist: „Wir gehören als Sportnation auch im Eishockey in die Spitzengruppe der Welt.“ Was das ambitionierte Vorhaben nicht leichter macht: Der DEB steckt finanziell in der Bredouille.

          Der siebenstellige Gewinn aus der Heim-WM 2010 wurde aufgebraucht, das Defizit in den drei Folgejahren summierte sich auf 1,5 Millionen Euro. Die Deutsche Eishockey Liga ist bereit, einen Beitrag zur Sanierung zu leisten; die 28 erst- und zweitklassigen Klubs wollen mehr als zwei Jahrzehnte nach ihrem Austritt unter das Dach des DEB zurückkehren und sich jährlich mit rund 200.000 Euro an dessen Etat beteiligen. Sie würden im Gegenzug Stimmrechte erhalten, während die Landesverbände, die bislang die Hälfte der Delegierten auf DEB-Versammlungen besaßen, Macht abgeben müssten.

          In einem Brief, der der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegt, verlangte Irmelin-Brigitta Otten, die als Vorsitzende des Hamburger Eis- und Rollsportverbandes für den sogenannten „Nordverbund“ sprach, dass Reindl seinen „bisherigen Weg überdenken“ solle: „Die letzten Entwicklungen haben uns zunehmend mit Sorge begleitet“, schrieb sie auch im Namen der Kollegen aus Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Bremen und Schleswig-Holstein, „zudem fehlt uns der Dialog.“ Reindls Angebot, seinen Widersachern persönlich Rede und Antwort zu stehen und die Vorhaben zu erläutern, stieß gleichwohl bis heute auf null Resonanz. Keine Antwort ist ja aber auch eine.

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