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Vierschanzentournee : Das V und die Schnupftabakdose

  • -Aktualisiert am

Durchblick selbst im Schneetreiben: Sprünge wie die von Olympiasieger Simona Ammann werden künftig erklärbar Bild: dpa

Skispringen soll am Bildschirm transparenter werden. Zum Beispiel mit Hilfe eines Chips, der Daten wie Geschwindigkeit und Flughöhe erfasst. Die neue Technologie wird auch bei der am Wochenende beginnenden Vierschanzentournee eingesetzt.

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          Andreas Wellinger fährt ganz langsam die Anlaufspur herunter. Slow Motion macht es möglich. Am Schanzentisch streckt er sich in der verlangsamten Wiederholung und geht in die Fluglage über. Parallel dazu erklärt der Experte, dass der Deutsche mit seinem Absprung zu spät dran gewesen sei. Dabei spielt es keine Rolle, ob Dieter Thoma in der ARD, Toni Innauer oder Martin Schmitt auf Eurosport analysieren. Der Zuschauer glaubt den ehemaligen Skispringern, was er selbst nicht wirklich beurteilen kann. Dieses blinde Vertrauen in die Kompetenz der Experten hat nun ein Ende.

          Schon beim Eröffnungsspringen der Vierschanzentournee am Samstag in Oberstdorf werden Bilder gezeigt werden, auf denen exakt zu sehen ist, um wie viele Zentimeter der Springer den optimalen Absprungpunkt verpasst hat. Ob zu früh oder zu spät. Wie bei einem Weitspringer am Absprungbalken.

          Acht High-Speed-Kameras filmen den Absprung. Eine macht 250 Bilder pro Sekunde. „Wir können den Absprung transparenter machen und aus der Fülle der Bilder herauslesen, wie weit jeder Springer vom optimalen Absprungpunkt weg ist“, erläutert Walter Hofer. Der Skisprung-Renndirektor des Internationalen Skiverbandes (Fis) freut sich darüber hinaus über eine zweite Information. „Über die Bilder können wir auch ermitteln, mit welcher Geschwindigkeit der Springer nach oben abspringt“, sagt Hofer. An einzelnen Schanzen sei dies in der Vergangenheit zwar schon über Druckmessplatten möglich gewesen, doch die seien zu störanfällig, zudem müsse man das genaue Gewicht jedes Springers kennen. Mit dem Bild-Analyseverfahren ist dies nicht mehr nötig. Getestet wurde diese Methode bereits beim Sommer-Grand-Prix in Hinterzarten und beim Weltcup in Titisee-Neustadt.

          Hilfe für kleinere Nationen

          Ergänzt wird diese Bildanalyse zu den Olympischen Spielen noch durch ein weiteres Verfahren. Ein Chip, 30,7 Gramm schwer und so groß wie eine Schnupftabakdose, erfasst weitere Daten wie die Geschwindigkeit und die Flughöhe in jeder Phase des Fluges. Gemessen werden kann aber auch, in welchem Winkel die Ski zum V auseinandergehen und wie sie aufgekantet sind. Speziell für die kleineren Nationen wird dies eine große Hilfe sein.

          Die Vorfreude steigt in Oberstdorf: 40.000 Zuschauer wollen das erste Springen miterleben

          Für das deutsche Team, das vom Institut für Angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig betreut wird, bringt es weniger. „Die Biomechaniker des IAT haben bestätigt, dass die Gültigkeit der Daten gegeben ist“, sagt Hofer stolz. Deshalb sind die Trainer begeistert über diese exakten Daten. „Für uns Trainer ist das super“, sagt Alexander Stöckl, der die Norweger trainiert. Uneinigkeit herrscht darüber, wie sie damit umgehen. Sie können entscheiden, ob sie diese für die Öffentlichkeit freigeben wollen. „Ich will nicht, dass die anderen Nationen unsere Daten bekommen“, sagt etwa der polnische Coach Stefan Horngacher. Die Fernsehzuschauer werden deutlich weniger Informationen als die Coaches erhalten. „Zu viel kann man im TV nicht erklären, zwischen zwei Sprüngen beträgt die Pause zwischen 50 und 70 Sekunden“, sagt die ZDF-Redakteurin Susanne Simon, „deshalb kann das nur für die Analyse ein Hilfsmittel sein.“ Und dann wird auch die Frage geklärt werden, warum ein Springer weiter fliegt als ein anderer.

          Zuversicht bei den Deutschen

          Ein bisschen mehr Durchschaubarkeit also in Wettbewerben, in denen die Deutschen mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein an den Start gehen. Der im Gesamtweltcup führende Richard Freitag und Mixed-Weltmeister Andreas Wellinger führen dabei das deutsche Aufgebot für die 66. Vierschanzentournee an.

          Neben seinen beiden Top-Springern nominierte Bundestrainer Werner Schuster erwartungsgemäß auch Markus Eisenbichler, Stephan Leyhe, Karl Geiger, Pius Paschke und Youngster Constantin Schmid, wie der Deutsche Skiverband am Mittwoch mitteilte. „Die Vorfreude auf die Vierschanzentournee ist in der gesamten Mannschaft groß. Denn zum einen erfährt die Traditionsveranstaltung eine große Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit, und zum anderen haben wir uns in den vergangenen Wochen und Monaten ein gutes Fundament für dieses erste Großereignis des Winters geschaffen“, sagte Trainer Schuster. Freitag, Wellinger und Eisenbichler waren im ersten Saisonviertel immer wieder auf vordere Plätze gesprungen. Die Deutschen errangen insgesamt vier Siege bei den sieben Einzelspringen; dreimal siegte Freitag und einmal Wellinger.

          In die sogenannte nationale Gruppe, die bei den ersten beiden Springen in Oberstdorf am kommenden Samstag sowie beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen zum Einsatz kommt, berief Schuster unter anderen Team-Olympiasieger Andreas Wank. Die sechste und letzte Position in der nationalen Gruppe vergibt Schuster erst nach dem Continental Cup in Engelberg in der Schweiz an diesem Donnerstag.

          Schuster zeigt in jedem Fall große Zuversicht vor der Tournee. Und er sorgt sich keineswegs wegen der Erwartungen und des Trubels um seine Athleten. „Rummel ist gut. Das müssen wir auf uns zukommen lassen.“ Wie er seinen derzeitigen Spitzenmann Freitag charakterisiert, muss für die Konkurrenz fast wie eine Drohung klingen. „Wenn er in Form ist, ist er in Form. Da müssen sich alle lang machen.“ Man wird das dann noch ein wenig genauer als früher beobachten können.

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