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Eishockey : Draisaitl dreht auf

  • -Aktualisiert am

Gut dabei: Leon Draisaitl jubelt über sein spielentscheidendes Tor gegen die Montreal Canadiens Bild: USA Today Sports

Leon Draisaitl gilt als größtes deutsches Eishockey-Talent. Der Jungprofi punktet nach einer schweren Anfangszeit in Nordamerika nun bei den Edmonton Oilers.

          Der Anruf kam früh am Morgen und war ein Marschbefehl ohne Wenn und Aber. Es galt, die erste Maschine nach Phoenix zu erwischen, die um 6.30 Uhr abflog, und dort den Anschlussflug nach Edmonton zu bekommen. Nach der Ankunft am frühen Nachmittag blieb gerade mal die Zeit, um das Gepäck im Hotel abzuliefern, und für eine schnelle Mahlzeit zwischendurch. Dann ging es in die Halle. Der Spieler schlüpfte in die blaurote Montur mit der Nummer 29 und machte sich bereit.

          Leon Draisaitl wird dieser bislang längste Tag seiner noch kurzen Eishockey-Karriere vermutlich noch eine Weile in Erinnerung bleiben. Denn auf dem Eis des Rexall Place von Edmonton, vor dem ein großes Denkmal von Wayne Gretzky steht, entfachte er kurz darauf ein kleines Feuerwerk, schoss zwei der vier Tore zum Sieg über die Montreal Canadiens und war einer der entscheidenden Faktoren dafür, dass seine Mannschaft einen 0:3-Rückstand wettgemacht hatte. Was vielleicht noch bemerkenswerter war: Die Edmonton Oilers hatten an diesem Abend das derzeit beste Team der National Hockey League bezwungen. Und Draisaitl dabei den mutmaßlich besten Torwart der Liga schlecht aussehen lassen.

          Trainer Todd McLellan wirkte hinterher trotzdem ziemlich grantig. Er sprach von einem „hässlichen Spiel“, das eigentlich nur einen Lichtblick produziert hatte: die Widerstandskraft der Truppe.

          Zum Farmteam in die Wüste

          Der Job, den McLellan vor ein paar Monaten in Edmonton angenommen hat, ist nicht einfach. Bei den Oilers gibt es zwar Potential, wozu nicht nur das 20 Jahre alte Kölner Stürmertalent Leon Draisaitl gehört, sondern vor allem der erst 18 Jahre alte kanadische Kufenkünstler Conner McDavid. Aber im Prinzip ist das Team bis auf weiteres eine reine Baustelle. Erst recht, nachdem der hoch eingeschätzte McDavid jüngst beim 4:2 über die Philadelphia Flyers bei einem Bandencheck schwer verletzt wurde und eine ganze Weile ausfallen wird.

          Nun müssen andere eben anpacken und zeigen, was sie können. Manchmal über Umwege. Was Draisaitl vor wenigen Wochen zu Beginn der Saison zu spüren bekam, als man ihn in das Farmteam nach Bakersfield schickte. In eine Umgebung, in der man sich nur schwer eingewöhnen kann. „Das sieht ein bisschen nach Wüste aus“, sagte Draisaitl. Es ist nicht leicht, sich ausgerechnet dort einen Stammplatz in der NHL zu erobern. Die Temperaturen um diese Jahreszeit sind viel zu heiß, was sich auf das Spiel auswirkt. „Das Eis in der Halle ist auf jeden Fall nicht gut. Es ist schwieriger, mit der Scheibe umzugehen, weil sich immer sehr viel Schnee bildet.“

          Draisaitl teilte sein Schicksal mit dem Teamkollegen Darnell Nurse, einem gleichaltrigen Verteidiger. Beide waren zusammen in Kalifornien - und überzeugten schließlich. Sie kehrten mit gewachsenem Selbstvertrauen zurück und gelten seitdem als zwei der besseren Oilers-Spieler.

          Der nächste Versuch: Draisaitl scheitert an Flyers-Goalie Michal Neuvirth

          „Wenn man so nah dran ist und erst mal in der AHL anfangen muss, ist das natürlich sehr enttäuschend. Das dauert ein bisschen, bis man das verdrängt hat“, hatte Draisaitl gesagt, als er in Bakersfield ankam. Ihm war bewusst, dass er diese Situation meistern musste und dass selbst jemandem, der vor anderthalb Jahren von den Oilers an Nummer drei sehr hoch gedraftet und als einer der besten seines Jahrgangs eingestuft wurde, keine roten Teppiche ausgerollt werden.

          Nützlich machen

          Das betrifft auch die Frage nach der idealen Position im Angriff. Draisaitl, der schon als Jugendspieler 2012 nach Kanada wechselte und dort einen Vorgeschmack auf das Vagabundendasein im nordamerikanischen Mannschaftssport bekam, wäre natürlicherweise der Center und damit Spielmacher in einer der beiden Top-Sturmreihen. Bei den Oilers muss er flexibel sein und sich für die Rolle als Außen bereithalten.

          „Ich denke, dass ich beides spielen kann“, sagte er vor ein paar Tagen. Und falls nötig auch in der dritten Sturmreihe, der abverlangt wird, vor allem den Gegner zu attackieren und zu kontern, anstatt sich mit Hilfe von feinfühligen Puck-Kombinationen zu empfehlen.

          Die eigentliche Devise lautet wohl: sich nützlich machen. So wie am Dienstag vor eigenem Publikum gegen Philadelphia. Da verbuchte der junge Deutsche in seinem dritten Spiel seit der Rückkehr mit einem Assist seinen sechsten Punkt. In der gesamten vergangenen Saison, als er bei 37 Spielen im Kader stand, war er gerade mal auf sieben Punkte gekommen.

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