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Curling-EM : Sie haben keine Chance – und nutzen sie

Anführerin der deutschen Curling-Frauen: Daniela Jentsch Bild: Picture-Alliance

Die deutschen Curler gelten als aussichtslose Fälle. Doch mit neuer Struktur und neuen Teams überraschen sie bei der EM. Frauen und Männer greifen nach Medaillen.

          3 Min.

          Sie sind am Nullpunkt gestartet, hegten wenig Erwartungen und haben bei der laufenden Europameisterschaft alle möglichen Ziele erreicht: die deutschen Curler sind mit Männern und Frauen nicht aus der A-Gruppe der besten zehn Nationen abgestiegen, sie haben sich mit beiden Teams zudem für die WM im März 2019 qualifiziert, und sind als zusätzlichen Bonus nun auch noch jeweils ins Halbfinale eingezogen. EM-Medaillen haben deutsche Curler seit einem Jahrzehnt nicht mehr gewonnen. „Ergebnistechnisch euphorisch“, nannte Bundestrainer Uli Kapp in seiner Zwischenbilanz nach der Vorrunde das überraschend gute Abschneiden beider Teams in Estlands Hauptstadt Tallinn.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Bei den olympischen Spielen 2018 waren die deutschen Curler noch nicht mal qualifiziert gewesen. Und das allgemeine Zeugnis, das sie erhalten haben, ist nahezu vernichtend ausgefallen: in der Potenzialanalyse der olympischen Wintersportverbände 2018 rangieren sie auf dem letzten Platz. Den mit Abstand errungenen und wenig schmeichelhaften Titel „schlechtester Wintersportverband“ Deutschlands nahm Kapp allerdings nicht als Anleitung zur Aufgabe, sondern als Ansporn, es besser zu machen.

          Der dreimalige Europameister aus Füssen fungiert seit dieser Saison als Chefbundestrainer. Verantwortlich ist der 47-Jährige für das „Gesamte“, sein Hauptaugenmerk gilt dabei dem Nachwuchs und den Frauen, während die Männer von Martin Beiser gecoacht werden. Doch Kapp setzte seine Arbeitskraft schon im Sommer ein, um eine Grundkonzeption zu erstellen und so etwas wie Aufbruchstimmung zu erzeugen. „Die Challenge lautete“, so Kapp: „Wie geht es überhaupt weiter?“.

          Den Nachwuchs durch die Einbindung erfahrener Curler als Trainer umfassend schulen, den Junioren an Scheidepunkten ihrer Lebensläufe Wege aufzeigen, wie eine duale Karriere funktionieren kann. Und sie durch Einbindung in den laufenden Betrieb zugleich ernsthaft sportlich fordern.

          Entgegen der alten Curling-Regel, stets eingeschworene Vereinsteams als Nationalmannschaften aufzustellen und zu fördern, verfolgt Kapp nun einen personalisierten Ansatz bei der Nominierung. Schon in Tallinn hat sich die Idee als gewinnbringend gezeigt, die Teams auch nach individuellen Gesichtspunkten zusammen zu stellen. Weil Alexander Baumann, als Sportsoldat der einzige Curling-Profi in Deutschland, sich zuletzt wankelmütig zeigte und nicht in der Lage schien, das Team zu führen, wurde der 22-Jährige Marc Muskatewitz (Baden Hills) vom „Second“ zum Skip befördert. Auch Junioren-Spieler Sixten Totzek bekam das Vertrauen der Teamleitung und spielte auf der dritten Position. „Perspektive ist wichtiger als vermeintliches Risiko“, meint Kapp und vertraut dem „Potpourri an Spielern“.

          Nicht alles lief nach Wunsch, aber nach fünf Siegen und vier Niederlagen in der Vorrunde erreichten die deutschen Männer die Medaillenrunde. Dabei kam ihnen ihre Zielgenauigkeit bei der „Draw Shot Challenge“ zugute, die mit dem Einzug ins Halbfinale am Abend belohnt wurde. Vor jedem Vorrunden-Match wird mit Hilfe von zwei Steinen ausgespielt, welches Team den „Hammer“ bekommt – also das Vorrecht, den letzten Stein zu spielen. Bei diesem Zielspiel kam das deutsche Team im Schnitt auf einen Abstand von 24,25 Zentimetern zum „House“, die nach der Vorrunde punktgleichen Norweger (24,85) und Schweizer (25,51) landeten knapp dahinter und schieden aus dem Turnier aus.

          Die Steine sind neu sortiert: beide deutsche Teams erreichten das EM-Halbfinale
          Die Steine sind neu sortiert: beide deutsche Teams erreichten das EM-Halbfinale : Bild: dpa

          Die stark verjüngten deutschen Frauen, angeführt von der 36-Jährigen Daniela Jentsch (CC Füssen), starteten furios mit fünf Siegen aus den ersten sechs Spielen ins Turnier, mussten dann aber einige herbe Schlappen hinnehmen. „Die Mitspielerinnen sind 18, 20 Jahre alt“, entschuldigte Kapp den Einbruch in der zweiten Turnierhälfte. Dennoch reichte es auch für sie mit 5:4 Siegen zum vierten Platz in der Vorrundentabelle – wenn auch nur dank der Schützenhilfe der ungeschlagenen Schweizer Damen, die im letzten Vorrundenspiel die Schottinnen nach Extra-End besiegten und sie somit noch hinter die Deutschen schoben. Auch die deutschen Männer hatten davon profitiert, dass die Schweiz im finalen Vorrundenspiel Norwegen bezwang.

          Nun greifen beide deutsche Mannschaften nach  einer Medaille. „Das ist der Irrsinn, wir haben das Maximum rausgeholt“, schwärmte Verbands-Präsident Bernhard Mayr gegenüber dem Sport-Informations-Dienst. „Das belegt unseren Aufschwung“, erklärte er und blickte schon auf die nächste Verhandlungsrunde voraus: „Das hilft uns natürlich sehr in unseren Gesprächen mit dem Deutschen Olympischen Sportbund und dem Bemühen um mehr Fördergelder.“

          Den letzten großen Erfolg für die deutschen Curler gab es 2009, als ein Team um Andrea Schöpp sogar den EM-Titel gewann. Bei den Männern stammt die bislang frischeste Medaille sogar aus dem Jahr 2008 – damals agierte Uli Kapp noch im Team seines Bruder Andy, die Füssener gewannen gemeinsam Bronze. Um Edelmetall dieser Farbe kämpft nun auch das Team der deutschen Männer in Tallinn. Zwar erwiesen sich die Schweden um Star-Skip Niklas Edin bei der 3:6 als zu stark für die deutsche Mannschaft, doch im Spiel um PLatz drei dürfen Muskatewitz und seine Mannschaftskameraden gegen Italien trotzdem auf eine Medaille hoffen. Auch die Damen gehen als klare Außenseiter in die Halbfinal-Partie, wo sie auf die Schweizerinnen um Silvana Tirinzoni treffen.

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