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Curling : Allgäu United für Deutschland

Das deutsche Team will bei der EM eine Medaille holen Bild:

In der Not schließen sich auch Lokalrivalen zusammen, um global mithalten zu können. Die deutschen Serienmeister aus Füssen machen bei der Curling-EM gemeinsame Sache mit den einstigen Konkurrenten aus Oberstdorf.

          2 Min.

          Dummerweise sind Andy Kapp und seine Curlingfreunde vom CC Füssen Anfang des Jahres schon wieder deutscher Meister geworden, zum 13. Mal schon. Damit qualifizierten sie sich für die Europameisterschaft in Champéry (Schweiz), die am Samstag startet. Eine Ehre, natürlich, aber eigentlich sind sie reif für eine Pause. Das „Team Kapp“ vertritt nun schon zum neunten Mal nacheinander Deutschland bei einer EM oder WM. Bereits 1992 und 1997 waren sie Europameister, zwischen 1994 und 2007 hatten sie fünf WM-Medaillen gewonnen – doch ihr eigentlicher Traum von olympischem Edelmetall war Anfang des Jahres zum dritten Mal geplatzt.

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Vor den Spielen von Vancouver hatten sie „einen Riesenaufwand“ betrieben, wie es Teamkapitän Andy Kapp beschreibt – und belegten doch nur Rang sechs. Bei der anschließenden WM in Aberdeen kam Rang sieben heraus. Die potenteren Gegner – allen voran Kanada und Schottland, aber auch Norwegen und die Schweiz – hatten offenbar noch mehr Zeit und Geld investiert. „Intensiver trainieren geht für uns einfach nicht“, sagt Kapp, „da muss man sich dann irgendwann fragen, ob es überhaupt noch Sinn macht.“

          Auch Mitspieler Holger Höhne hatte nach der Olympiasaison den Eindruck: „Wir laufen am Limit.“ Zwei Mal Eistraining pro Woche, zwei Einheiten Kondition, dazu Turniere am Wochenende. Das zehrt. Schließlich sind Kapp und seine Mitspieler zwar Vertreter Deutschlands, in ihrer Randsportart aber praktisch ehrenamtlich unterwegs.

          Andy Kapp führt die deutsche Mannschaft an
          Andy Kapp führt die deutsche Mannschaft an : Bild: picture alliance / dpa

          „Wir sind eine Hobbymannschaft“, sagt Kapp, der sein Geld mit Tiefkühlkost verdient. Höhne ist Optiker, betreibt ein Brillengeschäft. Beide sind wie ihre Mitspieler um die 40 Jahre alt, stehen mitten im Berufsleben, und müssen ihr zeitaufwendiges Freizeitvergnügen mit Familie und Job abstimmen.

          Nur noch Jahr für Jahr

          Nun machen sie doch weiter, wollen aber nur noch „von Jahr zu Jahr“ blicken. Und holten sich Verstärkung – ausgerechnet vom ärgsten Rivalen. Der EC Oberstdorf um Skip Sebastian Stock war 2002 und 2004 Europameister geworden, konnte sich aber seit 2006 für kein großes Turnier mehr qualifizieren. Nun machte Stock wahr, was Kapp nur angedacht hatte: er beendete seine Karriere. Die einstigen Mitspieler Daniel Herberg und Markus Messenzehl standen auf der Straße – und schlossen sich kurzerhand den Füssenern an. „Die beiden passen ideal bei uns rein“, sagt Kapp, der froh ist über die pragmatische Lösung.

          Lokales Konkurrenzdenken passt nicht in den globalen Wettbewerb. Stattdessen tritt die Füssen-Oberstdorfer Kombination nun als „Team Allgäu“ an. Und hat seinen Spielerpool auf sechs erhöht. Neben Kapp und Höhne sowie Herberg und Messenzehl gehören noch Andreas Kempf und Andreas Lang dazu, der 2006 vom CC Schwenningen kam. Jeweils vier Spieler stehen auf dem Eis, einer ist Ersatzmann. Der Sechste muss aussetzen, darf nicht mal gemeldet werden. Doch was anderswo für Verstimmung sorgen würde, kommt den Angespannten gerade recht. Für Champéry hat sich Lang schon frühzeitig abgemeldet, Kempf gibt den fünften Mann.

          „Wir wollen eine Medaille holen“

          Kein Thema mehr ist dagegen Uli Kapp, der Bruder von Andy, der im vergangenen Jahr vor den Olympischen Spielen von seinen Spielkameraden nach internen Problemen aus dem Team genommen wurde. Mittlerweile reden die einstigen Freunde immerhin wieder miteinander – und übereinander. Uli Kapp kommentiert die EM-Spiele in Champéry für den Fernsehsender Eurosport.

          Trotz oder gerade wegen der vielen Umbrüche geht Andy Kapp seine 28. internationale Meisterschaft selbstbewusst an: „Neues Jahr, altes Ziel: Wir wollen eine Medaille holen.“ Rang sieben würde den Quotenplatz für Deutschland bei der WM im April 2011 in Kanada sichern. Nicht auszuschließen, dass dort doch wieder die Allgäuer schieben und wischen. Die Tickets dafür werden bei den nationalen Titelkämpfen im März ausgespielt. Vielleicht ein gutes Omen: Auch 2007 war nach den ebenfalls verpatzten Olympischen Spielen von Turin so ein „Findungsjahr“ für Kapps Team – und damals wurden sie WM-Zweiter.

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